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Julius Heinrichs studierte Politikwissenschaften und Soziologie und ist freier Journalist und Stipendiat der ifp-Journalistenschule München.

Julius Heinrichs in einem Gastbeitrag

Kommentar: Es darf keinen "Willkommensjournalismus" geben 

München - In unserer Serie "Einspruch" bitten wir wechselnde Kolumnisten um ihren Widerspruch zu einer provokanten These. Heute: Julius Heinrichs über mediale Selbstbeschränkung in der Flüchtlingsdebatte.

Nicht lange her, da interviewte ich einen Flüchtling für eine Asylserie. Seine Geschichte war verstörend, allerdings gespickt mit einer Vielzahl offensichtlicher Falschaussagen. Als ich das Problem in der Redaktion ansprach, entschied sich die Zeitung trotzdem dazu, seine Geschichte zu drucken. Wahrheit hin oder her. Die Leute sollten sehen, welches Leid Flüchtlinge erlebt haben, hieß es. Die Entscheidung der Redaktion steht exemplarisch für ein Phänomen, das in zahlreichen deutschen Medien zu beobachten ist: Das gezielte Auslassen von Informationen für einen vermeintlich guten Zweck.

Flüchtlinge sind eine Chance, heißt immerfort. Und das entspricht der Wahrheit. Gleichzeitig jedoch stellen uns die 800 000 Flüchtlinge vor Integrationsprobleme, die offen anzusprechen ein Tabu ist. Menschen, die dies trotzdem tun, werden unbedarft rechts verortet, teils sogar medial beleidigt. Dabei muss das Stellen von Fragen erlaubt sein: Wenn so getan wird, als gäbe es bei hunderttausenden Flüchtlingen keine oder kaum Probleme, können diese auch nicht bekämpft werden.

In vielen muslimisch geprägten Staaten ist Antisemitismus deutlich verbreiteter als in Deutschland. Wie damit umgehen? Wie mit den tausenden Menschen, deren Emanzipations-Denken dem deutschen hinterherhinkt, die ein anderes Verhältnis von Staat und Religion gewohnt sind? Was ist mit den tausenden Flüchtlingen, die das Leben in einer Demokratie nie kennenlernten?

Vielleicht ist es die persönliche Überzeugung deutscher Journalisten; vielleicht die Angst, dass bei Problemthemen die eigenen Artikel von Nazis geteilt und „geliked“ werden wie sonst nur Youtube-Videos niedlich dreinblickender Katzen – was auch immer die Gründe für die anhaltend einseitige Berichterstattung sein mögen, sie können zu einem Glaubwürdigkeitsproblem führen.

Zwei pauschalisierende Erzählhaltungen dominieren derzeit die Flüchtlingsdebatte: Die des Chancen-Deutschlands, das Flüchtlinge liebend in die Arme schließt und dann aufpäppelt für den Arbeitsmarkt, auf dem wir alle uns liebevoll vermengen. Und das schwarz-braune Nazi-Deutschland. Dazwischen gibt es nichts. Deutschland bunt oder braun. Besonders deutlich wird diese Entweder-Oder-Position bei einem Blick auf den Spiegel (Nr. 36), der beide Szenarien als Doppel-Titel druckte. Oder bei Betrachten des Facebook-Videos, das die WELT Anfang September hochlud: „Realitätscheck: Wie Flüchtlinge in Deutschland wirklich aufgenommen werden.“ Zu sehen ist der Infofilm „Das deutsche Asylverfahren“ des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, in dem ein Iraker Asyl beantragen will. So übertrieben bemüht-kitschig wird der Asylsuchende empfangen, dass der Film eher lächerlich als ernstzunehmend wirkt. Zwischendurch nun fügte die WELT-Redaktion Filmausschnitte eskalierender rechter Gewalt ein. Das soll die Realität sein. Beides ist Quatsch: Der Empfang von Flüchtlingen ist weder ein Wohlfühl-Event mit hoher Service-Qualität, noch gibt’s zum Asylantrag gleich einen Liter Brennspiritus mit Startzündung. Deutschland ist weder nur bunt noch nur braun. Deutschland ist irgendetwas dazwischen. Und das wird wohl auch in Zukunft so sein.

Was wir jetzt brauchen, ist ein Nebeneinander: Auf der einen Seite eine Art Willkommenskultur in Form einer menschenwürdigen Flüchtlings-Aufnahme, einer schnelleren Verwaltung und vor allem sich anschließender Integrations-Mechanismen. Parallel dazu darf es einen Willkommensjournalismus nicht geben; einen Journalismus, der sich Fragen verschließt, um ja nicht anzuecken. Dadurch nämlich könnte das ohnehin schon angeschlagene Vertrauen der Deutschen in mediale Berichterstattung noch weiter sinken, Stichwort Lügenpresse. 

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