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Georg Anastasiadis, stellvertretender Chefredakteur des Münchner Merkur.

Von Georg Anastasiadis

Das Sommermärchen ist vorbei! Merkur-Kommentar zu Grenzkontrollen

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München - Deutschland führt wieder Grenzkontrollen ein. "Das Sommermärchen ist vorbei", meint Georg Anastasiadis, stellvertretender Merkur-Chefredakteur, dazu in seinem Kommentar.

„München schreit nicht um Hilfe. München hilft.“ So selbstbewusst tönte es noch vor kurzem aus der Stadtspitze. Das war, als CSU-Bürgermeister Josef Schmid unabgestimmt mit SPD-OB Dieter Reiter in dieser Zeitung einen Hilferuf der Stadt abgesetzt hatte. Drei Wochen und 100 000 Flüchtlinge später klingt das schon ganz anders. Er sei, sagt jetzt auch OB Reiter, „bitter enttäuscht“ von der ausbleibenden Hilfe der Kanzlerin und der Länderchefs. Sie alle ließen die Stadt im Flüchtlingsdrama allein. Bis Sonntag.

Der Fall München zeigt, wie brutal Stimmungen kippen können, wenn das Krisenmanagement in einer nationalen Notlage versagt und in der lange schweigenden Bevölkerungsmehrheit das Gefühl von Kontrollverlust um sich greift – und wie rasch selbst eine bis dahin unangefochtene Regierung unter Druck geraten kann. Ermutigende Worte der Kanzlerin („wir schaffen das“) sind gut. Aber sie verhallen, wenn ihnen zu wenig Taten folgen. Es reicht nicht, wenn Merkel einerseits Ungarn für seinen Grenzzaun kritisiert und andererseits den überforderten Griechen vorwirft, sie täten zu wenig gegen den Flüchtlingsstrom über die Ägäis. Was sollen diese Länder denn tun angesichts einer Massenflucht ins gelobte Land, zu der wirre Signale aus Berlin selbst mit beigetragen haben? Nein, Deutschland muss schon selbst handeln. Die Wiedereinführung von Grenzkontrollen ist ein auch symbolisch wichtiger Schritt.

Zu lange hat sich in den sozialen Netzwerken des Nahen Ostens und Afrikas der Eindruck verbreitet, Deutschland warte mit offenen Armen auf Flüchtlinge. Berlin ist diesem Eindruck nicht entgegengetreten. Es hat ihm sogar noch Vorschub geleistet. Die mit den Bundesländern unabgestimmte Entscheidung, alle Syrer aus Ungarn und Österreich einreisen zu lassen, hat die Dämme bersten lassen. Ex-Innenminister Friedrich nennt das eine „beispiellose Fehlleistung“.

Überrollt von der Entwicklung zieht die Kanzlerin jetzt die Notbremse. Das Sommermärchen ist vorbei. Er glaube nicht, dass sich der Geist in die Flasche zurückdrängen lasse, hatte CSU-Chef Horst Seehofer zuletzt geunkt. Doch genau das ist die Aufgabe, vor der die Regierung nun steht.

Alle aktuellen Informationen zur Flüchtlingskrise in München und Bayern finden Sie in unserem Ticker.

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