Ein altes Fischerboot mit Flüchtlingen aus Ägypten trifft auf Sizilien ein, eskortiert von Schiffen der Hafenbehörde.

Prämierte Reportage

Flüchtlinge in Sizilien: "Ein ganzer Kontinent kommt"

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Catania – Droht Sizilien das neue Lampedusa zu werden? Abertausende Flüchtlinge strömen über den Seeweg auf die Insel, die Italiener verzweifeln. Bei einem Besuch lernt ein CSU-Grande, dass vor Ort nicht alles richtig läuft – und dass das eigentliche Problem tiefer liegt. Für diese Reportage hat unsere Redakteurin Christine Ulrich den Karl-Buchrucker-Preis der Inneren Mission München bekommen.

Die kleine Präfektin versinkt entspannt im großen Ledersessel. Bietet ihren Gästen lächelnd einen Café an. Doch ihre Gelassenheit ist Fassade. In Maria Guia Federico brodelt es wie im Vulkan Ätna, der über der ostsizilianischen Küstenstadt thront. Federico vertritt die italienische Regierung in der Provinz Catania.

150.000 Flüchtlinge seien heuer allein in Sizilien angelandet, sagt sie. Vier Mal so viel wie im Jahr davor. Aus Syrien, aus Schwarzafrika. Ein Exodus biblischen Ausmaßes. Und Sizilien sei das neue Lampedusa. Als ihre Besucher fragen, wie es dazu komme, dass tausende Asylbewerber aus Italien am Münchner Hauptbahnhof einfahren, wird Federico rot und röter. „Ich weiß es nicht“, ruft sie wütend. „Es sind Flüchtlinge, sie sind frei. Zu uns kommt ein ganzer ausgehungerter Kontinent.“

Winkt Italien die Asylbewerber durch?

Johannes Singhammer von der CSU, der neben der Präfektin sitzt, blickt skeptisch. Es ist eine schwierige Spurensuche, auf die sich der Bundestagsvizepräsident begeben hat. Er will herausfinden, wie Sizilien mit den Flüchtlingen umgeht. Sein Wahlkreis ist der Münchner Norden, wo auch die Erstaufnahmeeinrichtung Bayernkaserne steht. Daheim wettern Parteikollegen: Ließe Italien die Asylbewerber nicht „durchreisen“, hätte Bayern nicht solche Probleme. Mit dieser These im Kopf beginnt Singhammer seine Recherche – und wird mit einer anderen heimfahren.

Vormittag am Bahnhof von Catania. Der Spätherbst verwöhnt mit Sonne, das Meer liegt ruhig und blau gleich hinterm Gleis. Mehrmals täglich fahren Züge nach Rom und Mailand, Stationen auf dem Weg nach München. Nebendran der Busbahnhof. Dutzende Asylbewerber reisen hier täglich ab, über die Meerenge von Messina aufs Festland, dann nach Norden. Wie geht das, wo sie doch in Italien Asyl beantragen müssten, weil es das „Ersteinreiseland“ ist?

Italien muss – wie alle EU-Randländer – die Fingerabdrücke aller Ankömmlinge in die Eurodac-Datenbank einspeisen. Damit ist für alle Staaten sichtbar, dass laut Dublin-Regelung Italien fürs Asylverfahren zuständig ist. „Funktioniert das?“, fragt Singhammer. Federico sagt: „Wer sich nicht wehrt, wird registriert. Aber viele flüchten aus Italien. Es sind ja keine Gefangenen.“

Fakt ist: Während es in Deutschland heuer 117.000 Asylanträge gab, waren es in Italien erst 38.000. Das liegt einerseits am Bearbeitungsstau. Andererseits kommt den Behörden eine hohe Dunkelziffer von Flüchtlingen abhanden. Viele wollten nun mal ins wirtschaftsstarke Deutschland, sagt Federico. Singhammer sagt später im Auto: „Wir haben ja ein wahres Attraktivitätsprogramm.“ In Deutschland erhalten Flüchtlinge Sozialleistungen, das Arbeitsverbot wird demnächst auf drei Monate verkürzt, die Residenzpflicht aufgehoben. Und wer abgelehnt ist, findet ein Dutzend Wege, seiner Rückführung zu entgehen. Man müsse die Standards europaweit angleichen, sagt Singhammer. Und Polen, Spanien, Großbritannien müssten verstärkt aufnehmen.

Schwer vorstellbar, wie das krisengebeutelte Spanien das schaffen soll. Doch auch Italien schwächelt. Die Arbeitslosigkeit auf Sizilien liegt bei 35 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit bei 60 Prozent. Laut Nunzio Turiaco, Honorarkonsul von Messina, beträgt die Sozialrente 500 Euro im Monat. Ein Asylbewerber kostet 900 Euro im Monat. Neulich habe die Presse die Zahl veröffentlicht, klagt Federico. „Seitdem protestieren täglich Menschen vor meiner Tür: Gebt mir auch 30 Euro am Tag.“ Sie fürchtet, es könne bald Tumulte geben.

4000 Menschen leben in Europas größtem Aufnahmelager

Also bringt man die Flüchtlinge lieber außer Sichtweite. Während Deutschland streitet, ob man Gewerbegebiete für die Unterbringung nutzen darf, fährt Singhammer durch weite Orangenhaine. Die Luft, das Licht – mild. Die Idylle zerreißt, als dunkelhäutige junge Männer auftauchen. Mit Plastiktüten in der Hand streifen sie die Landstraße entlang. 50 Kilometer südwestlich von Catania, zehn Kilometer vom nächsten Dorf entfernt, liegt das Aufnahmelager Mineo: das größte in Europa mit fast 4000 Menschen. Früher wohnten hier Angehörige des US-Militärs, es sieht aus wie ein amerikanischer Vorort. 400 adrette Reihenhäuser mit breiten Auffahrten. Am Lagereingang wachen Carabinieri, italienische Militärpolizisten, sie tragen Maschinengewehre. Es wirkt, als ob die Italiener alles im Griff haben. Als ob sie die EU-Gelder, die hier 2000 Asylbewerber finanzieren, sinnvoll einsetzen.

Tatsächlich ist der Lagerdirektor Sebastiano Maccarone stolz: Sprachkursleiter, Sozialberater, Kinderbetreuer, Ärzte. Im Lager, das – anders als in Deutschland – privat geführt ist, gibt es 400 Arbeitsplätze, Mülltrennung, eine Kläranlage. Asylbewerber betreiben einen kleinen Tauschmarkt, Maccarone drückt ein Auge zu. Trotzdem erinnert einiges an die Bayernkaserne: In der einzigen Essensausgabe müssen die Menschen dreimal am Tag stundenlang anstehen.

Mehr als ein Jahr warten hier die meisten auf ihren Bescheid. Singhammer fragt erneut, wie die Registrierung klappt. Vor allem Syrer entzögen sich, sagt Nicola Spampinato, Polizeidirektor von Catania. Von den Antragstellern wiederum erhalten 80 Prozent eine humanitäre Aufenthaltsbewilligung, die ein Jahr gilt. Damit dürfen sie nicht arbeiten, aber sich frei bewegen. Und Abgelehnte? Ob sie ausreisen oder nicht, so Spampinato, werde nicht kontrolliert.

UNHCR kritisiert Italien

Kritisiert wird die italienische Verwaltungsmisere vom Hochkommissariat der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR), das ständig die Lage an Europas Grenzen kontrolliert. Just als Singhammer in Mineo ist, läuft ihm ein UNHCR-Trupp in die Arme. Am Morgen haben sie beobachtet, wie ein Boot anlandete. Es sei großartig, wie Italien die Seerettung verbessert habe, sagt Sprecherin Carlotta Sami. Doch es sei traurig, dass die Aufnahme noch nicht effizient sei – wegen Bürokratie und Kompetenzgerangel.

Für Singhammer schrumpft so langsam das deutsche Problem angesichts des italienischen. „Es ist nicht allein entscheidend, wie viele Italien weiterlässt“, sagt er, „sondern dass der Strom nicht abreißt.“ Diese Notlage werde erst enden, wenn der letzte Afrikaner geflüchtet sei, hatte die Präfektin gesagt. Maccarone seufzt: „Es ist eine Völkerwanderung.“

Lange gewandert sind auch zwei junge Eritreerinnen, die sich in Mineo ein Zimmer teilen. Zwei Betten, viele Stofftiere. Alma (Name geändert) brauchte zwei Jahre bis an die Küste, davon saß sie ein halbes in libyscher Haft. Furchtbare Dinge seien passiert, so die Christin. 36 Stunden dauerte die Überfahrt. Im Notlager im südsizilianischen Pozzallo wurde sie versorgt und registriert, bevor sie nach Mineo kam. Im Januar schloss das Lager auf Lampedusa: zu viele Missstände. Seitdem ist Sizilien der neue Hotspot. Doch Alma will weg.

Wohin? „Deutschland ist ein gutes Land“, sagt sie. „Wenn ihr mir helft, gehe ich dorthin.“ Da brechen alle ihre Besucher, Deutsche, Italiener, in Gelächter aus, wie über einen guten Scherz. Alma lacht nicht mit. Sie meint es bitterernst. Singhammer reagiert staatsmännisch: „Wir sind hier, weil wir eine Lösung für ganz Europa finden wollen.“

Was für die Eritreerin wie Hohn klingt, ist Balsam auf die italienische Seele. „Italien schafft das unmöglich allein“, sagt die Präfektin. „Es sind europäische Grenzen.“ Als Singhammer das Lager verlässt, sagt er: „Wenn alle Flüchtlinge weltweit zu uns kommen, funktioniert der Staat irgendwann nicht mehr.“ Und was Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) will: die Herkunftsstaaten stärken? Das gelinge in Eritrea, wo noch ein Staatsapparat vorhanden ist. Aber in Zentralafrika oder Somalia? „Kein Wunder, dass die Menschen von dort flüchten.“

Bis sie an Europas Mauern abprallen? Singhammer überlegt: „Man sollte in Transitländern wie Libyen Ausbildungsareale schaffen, wo die Menschen in Sicherheit einen Beruf erlernen können, damit sie in ihren Heimatländern bessere Chancen haben.“ Ähnliches hatte 2004 der damalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) vorgeschlagen. Die EU-Minister lehnten ab. 2004 waren 30.000 Menschen übers Meer gelangt.

Heuer dürfte sich ihre Zahl versiebenfachen. Und alle müssen versorgt, integriert oder abgeschoben werden. Dabei hat jeder einzelne eine furchtbare Geschichte. Gerade die vielen Jugendlichen, etwa der 17-jährige Tareq (Name geändert) aus Libyen. „Mein Vater arbeitete dort bei einer deutschen Ölfirma“, erzählt er. Unter Gaddafi. Als der Diktator stürzte, wurde die Familie gejagt. Einzeln schlugen sie sich nach Italien durch. Um ihn, wie um Dutzende weitere junge Flüchtlinge, kümmern sich die sizilianischen Salesianer Don Boscos. Sie schenken ihnen eine Ausbildung, eine Heimat. „Ein Tropfen Solidarität im Ozean der Notfälle“, sagt Don Pippo Ruta, als Singhammer sein Haus in Catania besucht.

"Wanderung lässt sich schwer aufhalten"

Was lyrisch daherkommt, ist blanke Verzweiflung. „Wir fühlen uns überfordert“, sagt Maccarone. Praktisch – und moralisch. „Nur die Stärksten kommen hier an: junge Männer“, sagt ein Arzt in Mineo. Niemand weiß, wie viele Menschen schon auf dem Landweg durch Afrika sterben, verkauft, misshandelt werden. Und niemand weiß, wie viele Boote untergehen. Früher schätzte man: ein Drittel. Das Unglück vor einem Jahr vor Lampedusa, als 360 Flüchtlinge ertranken? „Auf dem Meeresboden liegen tausende Tote. Von denen redet keiner.“

Doch: die Küstenwache. Die Kapitäne von Catania ziehen fast täglich Menschen aus dem Meer. Als Singhammer ihn besucht, sagt Vizekommandant Giacomo Salerno: „Ich will nicht daran denken, von wie vielen Toten wir nichts mitbekommen.“ Dabei sind die Schiffe im Dauereinsatz. An diesem Morgen erst haben sie wieder ein Boot abgeschleppt. Motorschaden, Notruf, 250 Menschen gerettet. Die Marine patrouilliert bis nach Libyen, knapp 400 Kilometer. „Hin- und Rückfahrt inklusive Rettung dauert 24 Stunden“, erklärt Operationschef Rosario Capodicasa. Die Schleuser geben Satellitentelefone an Bord, für den Notruf. „Und Menschen in Lebensgefahr müssen wir retten“, sagt Salerno. „Das ist Völkerrecht.“ Daran werde sich auch nichts ändern, wenn die italienische Mission „Mare Nostrum“ nun durch das europäische „Triton“ abgelöst wird.

„Und der Kampf gegen die Schleuser?“, fragt Singhammer. „Schwierig“, seufzt Salerno. Ihre Boote würden beschlagnahmt. Doch für jeden verhafteten Kriminellen organisierten sich in Nordafrika zehn neue. Das Spiel mit dem Leben der Menschen ist lukrativ: 2000 US-Dollar kostet die Überfahrt aus Libyen. Was Europa denn leisten müsse, um die hervorragende Arbeit der Marine zu unterstützen, fragt Singhammer. „Schöne Frage“, sagt Salerno. Das Wichtigste sei, die Herkunftsstaaten zu stärken.

Singhammer muss weiter, nach Zypern, noch ein Grenzland. Was er mitnehme von Sizilien? „Wie der Vizekommandant gesagt hat“, sagt der Vizepräsident nachdenklich. „Die Geschichte zeigt: Wanderung lässt sich schwer aufhalten.“

Von Christine Ulrich, November 2014

(Unsere Redakteurin ist für diese Reportage mit dem Karl-Buchrucker-Preis der Inneren Mission München ausgezeichnet worden.)

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