Warten auf Bargeld: Migranten vor einem Western-Union-Schalter im griechisch-mazedonischen Grenzgebiet, März 2016. dpa

Flucht und Migration

Die Flüchtlings-Bank kassiert ab

Wer Bargeld verschicken will, nutzt Anbieter wie Western Union. Gerade Migranten sind auf das unbürokratische System angewiesen. Für das US-Unternehmen laufen die Geschäfte großartig – aber es gibt auch eine dunkle Seite des Erfolgs.

München – Vor einem Schalter von Western Union in München wartet an einem Märzvormittag ein junger Mann. Er lebt seit einigen Jahren in Deutschland, geboren und aufgewachsen ist er in einem ziemlich armen Land in Afrika. Details über sich will der 27-Jährige nicht in der Zeitung lesen, nur so viel: Er hat eine Arbeit, verdient sein eigenes Geld. Und ein Teil davon soll nun zur Familie in der Heimat.

Beiläufig fügt sich das gelb-schwarze Logo von Western Union ins umtriebige Münchner Bahnhofsviertel. Das US-amerikanische Unternehmen ist Marktführer bei Bargeldtransfers, die minutenschnell und ohne eigenes Konto abgewickelt werden. Angesichts großer Migrationsbewegungen ist das ein irrwitzig lukratives Geschäft. Denn viele Migranten schicken aus der Ersten Welt Geld zur Familie nach Hause. Die Ökonomen bei der Weltbank schätzen, dass diese Transaktionen 2015 rund 582 Milliarden Dollar betragen haben. Ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor, der in Entwicklungsländern häufig staatliche Entwicklungshilfen weit übersteigt.

Allein bei Western Union wechselten 2014 über 85 Milliarden Dollar ihren Besitzer. Und das trotz hoher Gebühren und schlechter Wechselkurse. Im weltweiten Durchschnitt werden an den gelb-schwarzen Schaltern rund acht Prozent des Betrags als Gebühr fällig. Bei Überweisungen in entlegene Winkel kann die Gebühr locker auch zweistellig werden. Einfaches Beispiel aus einer TV-Dokumentation: Wer 50 Euro aus Italien nach China schicken will, zahlt 15 Euro Gebühren.

Es ist ein teurer Service. Aber für viele Menschen sind Bargeldtransfers die einzige Möglichkeit, Geld nach Hause zu schicken. Denn viele Flüchtlinge und Migranten haben kein Girokonto – auch wenn sie darauf rechtlich mittlerweile einen Anspruch hätten. Und oft gibt es in ärmeren und entlegeneren Regionen ohnehin keine Bankfilialen, in denen der Empfänger das Geld abheben könnte.

Anders ist das bei den Anbietern von Bargeldüberweisungen. Western Union hat – wie die Konkurrenten Moneygram oder Ria – in den vergangenen Jahrzehnten ein enges Netz über die Welt gelegt. 550 000 Standorte in 200 Ländern. Erfolgsformel: Statt eine teure Filialstruktur zu betreiben, greift der Konzern oft auf die bestehende Infrastruktur zurück. Jeder Kioskbetreiber oder Lebensmittelhändler in Nairobi oder Nürnberg kann sich als Standort bewerben. Läuft die Prüfung erfolgreich, erhält er nach einer Schulung die Software und verdient an jeder Überweisung mit. Wegen dieses Franchise-Modells arbeiten weltweit nur 10 000 feste Mitarbeiter für Western Union. Hübscher Vergleich: McDonald‘s beschäftigt allein in Deutschland nach eigenen Angaben 58 000 Menschen.

In die Heimat überweisende Migranten sind der Hauptteil dieser irgendwo zwischen Marktwirtschaft und Turbokapitalismus angesiedelten Geschichte. Western Union soll jeden fünften eingezahlten Dollar als Gewinn einstreichen. Und die Unternehmen verdienen auch an der Flucht selbst. Ein Beispiel: Bevor ab Herbst 2015 die Balkanroute geschlossen wurde, ließen sich viele Menschen das oft von Angehörigen überwiesene Geld unterwegs auszahlen – an einem der zehntausend Schalter zwischen Istanbul und Berlin. Denn wer auf der Flucht sein ganzes Geld bei sich hat, geht das Risiko ein, nach einem Überfall mittellos zu sein.

Es ist kein Zufall, dass Western Union Migranten Ende 2014 als „stille Helden“ bezeichnet hat. Gleichzeitig, auch das gehört dazu, handelt es sich um ein legales Geschäftsmodell – abgesehen von finanziell verschmerzbarer Verurteilungen wegen verzerrter Umtauschkurse. Das Problem: Auch das umstrittene Schleuser-Geschäft greift wohl auf Bargeldtransfers zurück. Trotz der Kooperation von Western Union mit Ermittlern, trotz eines bei ungewöhnlich hohen Beträgen anschlagenden Warnsystems.

Das liegt daran, dass Tricks nicht schwer sind. Während man für die Einzahlung immerhin einen gültigen Pass vorlegen muss, reicht für die Auszahlung häufig ein vom Sender übermittelter zehnstelliger Code. Auch Terroristen sollen mittels Strohmännern oder gefälschter Papiere das Angebot nutzen. Für die Anschläge am 11. September 2001 gilt das als belegt.

Der Slogan des Unternehmens mutet für seine Kritiker deshalb heuchlerisch an. „Moving money for better“ wird häufig übersetzt mit „Geld verschieben für eine bessere Welt“. Aber eigentlich ist diese Übersetzung ohnehin Unfug. Denn wer oder was besser werden soll, haben die Marketingstrategen wohlweislich weggelassen.

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