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Heimflug nach Erbil: Ein Charterflug der Iraqi Airways von Berlin in den Irak. Viele Flüchtlinge nutzen die Gelegenheit, so in ihre Heimat zurückzukehren. Preis eines Flugtickets: knapp 300 Euro.

Für einen ist Deutschland eine "Hölle"

Nicht alle Flüchtlinge wollen bleiben: Tausende gehen wieder

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München – Alle reden von der Flüchtlingswelle, aber inzwischen gibt es auch eine andere Bewegung: Tausende Flüchtlinge verlassen Deutschland gerade wieder.

Nach monatelanger Qual, nach enttäuschten Hoffnungen ist Karam Sherzad, 53, zum ersten Mal wieder glücklich. Kurz zuckt ein Lächeln über sein Gesicht. Der Afghane hat gerade erfahren, dass er wieder nach Hause kann, zusammen mit seiner Frau. Dass ihnen ein Flug in die Heimat bezahlt wird. Selber können sie sich das nicht leisten. Sherzad will unbedingt zurück, ganz weit weg von „dieser Hölle“, wie er sagt. Diese Hölle. Er meint damit Deutschland.

Sherzad sitzt mit seiner Ehefrau im Büro für Rückkehrhilfen in München. „Coming Home“ heißt das Programm, das hunderten Flüchtlingen jedes Jahr hilft, wieder dahin zurückzukehren, wo sie vor Monaten oder Jahren gestartet sind. In die unscheinbaren Büroräume gleich beim Rosenheimer Platz kommen Menschen, deren Traum von Deutschland platzte. Dieses kleine Büro ist der Ort, an dem viele Menschen ihr Leben wieder zurück auf Anfang stellen. Hinter jeder Rückkehrhilfe steckt ein zentnerschweres Schicksal. Ein Traum von einem besseren Leben im Herzen von Europa, der nie Wirklichkeit wurde. Es ist einer der traurigsten Orte in dieser aufgepeitschten Flüchtlingsdebatte. Vielleicht auch einer der ehrlichsten.

Flüchtlinge: Zahl der Heimkehrer steigt rasant

Es gibt ja viele Menschen, inzwischen längst nicht mehr nur Pegida-Anhänger, die gerade behaupten, dieser und jener Flüchtling passe nicht in dieses Land. Es geht aber eben auch andersrum: Es gibt Flüchtlinge, die gemerkt haben, dass dieses Land nicht zu ihnen passt. Die kommen in dieses Büro, das 1996, nach dem Jugoslawien-Krieg, für Balkanflüchtlinge eingerichtet wurde. „Coming Home“ wird von der EU und dem bayerischen Innenministerium gefördert. Hier kümmern sich Mitarbeiter um freiwillige Rückkehrer aus Oberbayern.

Knapp 200 Flüchtlinge hat die Organisation 2014 heimgeschickt und sie beim Aufbau einer neuen Existenz unterstützt. Bedingung: Die Flüchtlinge müssen mindestens ein Jahr in Deutschland gewesen sein. 2015 waren es schon 670 Heimkehrer. Seit Oktober stiegen die Zahlen rasant. Da hat die Rückreisewelle begonnen – kurz nach dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle im Sommer 2015. Das sagen viele, die sich mit dem Thema auskennen. „Wir können das mit unserem Personal gar nicht mehr bewältigen“, sagt Sylvia Glaser von „Coming Home“. Es gibt Flüchtlinge, die einen Termin mit ihr ausmachen. „Und dann kommen sie einen Tag früher, in der Hoffnung, dass sie dadurch irgendwie schneller wegkommen.“

Nicht wenige Asylbewerber verzweifeln an dem Land, in das sie ihre Hoffnungen gesetzt haben. Wie viele genau, ist schwer zu sagen. Gezählt werden nur die, die sich die Rückreise nicht leisten können. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Nürnberg verfügt über zwei Fördertöpfe, mit denen es Rückkehrwilligen Flug und Passgebühr bezahlt. Gut 8000 Personen allein aus Bayern hat die Behörde 2015 bei der Ausreise unterstützt, darunter viele Balkanflüchtlinge (die bekommen nur das Busticket bezahlt), aber auch 223 Iraker. Bundesweit waren es im letzten Jahr mehr als 37 000 Flüchtlinge, die das Angebot nutzten.

Auch rückkehrende Flüchtlinge sind noch ein Geschäft

In der Nähe des Lageso in Berlin gibt es inzwischen Reisebürobesitzer, die berichten, dass täglich 10 bis 15 Flüchtlinge zu ihnen kommen – um Flugtickets nach Erbil oder Bagdad zu kaufen. Auch im irakischen Konsulat in Frankfurt, das für Süddeutschland zuständig ist, herrscht gerade Ausnahmezustand. „Seit drei Monaten werden wir hier überrannt“, sagt Mitarbeiter Uday Aouda. Das Problem: Die wenigsten Flüchtlinge haben Pässe. „Die Schleuser nehmen sie ihnen ab.“ Wahrscheinlich, um sie weiterzuverkaufen. Heißt: Wer zurück will, muss einen Behelfspass beantragen. „Dafür müssen wir mit jedem Antragsteller ein Interview führen und dessen Daten überprüfen“, sagt Uday Aouda. Und da reicht nicht nur ein Mitglied pro Familie, da müssen alle hin.

Früher gab es so einen Fall vielleicht einmal im Monat, erinnert sich der Konsulatsmitarbeiter. Die Anträge seit Oktober könne er nur schätzen. „2500 bis 3000 waren es bestimmt.“ Allein in Süddeutschland. Neulich kam aus Trier ein Bus mit 40 Irakern an. Sie alle wollten zurück. „Zum Glück haben die vorher angerufen, so konnten wir mehr Mitarbeiter abstellen.“ Vom Konsulat geht’s gleich weiter zum Flughafen. Auch im afghanischen Konsulat in Grünwald haben die Mitarbeiter gerade alle Hände voll zu tun. „Denen steht das Wasser bis zum Hals“, sagt eine Mitarbeiterin der Botschaft in Berlin.

Die meisten Iraker, die gerade in Frankfurt aufschlagen, waren nur wenige Monate in Deutschland. „Viele kommen mit falschen Vorstellungen“, sagt Aouda. 10 000 Euro Startgeld und eine eigene Wohnung, das sind die Gerüchte, die Schleuser in den Herkunftsländern streuen. Hoffnung ist immer noch der beste Verkaufsschlager.

18.000 Euro kostete die Flucht nach Deutschland - nun will er heim

Der Afghane Karam Sherzad, der im Büro von „Coming Home“ sitzt, wusste, dass ihn nicht Milch und Honig erwarteten, sagt er. Trotzdem machte Sherzad alles, was er hatte, zu Geld. 18 000 Dollar zahlte er den Schleusern für sich, seine Frau, 35, und seinen Sohn Idris, 14. Im Juli verkaufte er seinen kleinen Kiosk in Kabul, dann begann die lange Reise nach Deutschland.

Im Iran passierte eine Katastrophe: Sie verloren ihren Sohn im Flüchtlingswirrwarr. Monatelang haben sie nichts mehr von ihm gehört, erzählt der Vater. Sie kletterten ohne ihn durchs Gebirge über die syrisch-türkische Grenze und steuerten in einem überfüllten Schlauchboot griechische Inseln an – und überlebten. „Ab Griechenland wurde alles besser“, sagt Karam Sherzad. Ihr Hoffnungsland Deutschland war jetzt sehr viel näher gerückt. Deutschland, da wo es keine Taliban, dafür Arbeit und Sicherheit gibt. Wo ein Familienvater seine Familie wieder versorgen kann und sein Sohn eine Zukunft hat. So zumindest die Idee. Gearbeitet haben der Afghane und seine Frau in Deutschland nicht.

Sherzad ist ein gebildeter Mann. Er spricht fließend Englisch und Russisch. Seine Frau hat in Afghanistan bei einem Caterer für Unternehmen aus dem Ausland als Kellnerin gearbeitet – bis ihre Kolleginnen verschwanden, wahrscheinlich entführt von den Taliban. „Wenn Du mit Fremden arbeitest, bist Du ein Ziel“, sagt Sherzad.

Rückkehr nach Afghanistan ist besser als Warten in Deutschland

Mit unseren Lebensläufen, dachten sie, werden wir ja wohl einen Job in Deutschland finden. Aber Asylbewerber dürfen erst nach drei Monaten arbeiten – und dann auch nur mit vielen Genehmigungen. Sie erlebten stattdessen eine Odyssee durch Flüchtlingsunterkünfte in den Landkreisen Erding und Starnberg. Von Container ins Zeltlager und wieder in einen Container. Immer wurden sie weitergeschickt. „Ich bin ein menschliches Wesen“, sagt Sherzad. Gefühlt habe er sich in den Unterkünften selten wie ein Mensch. Einmal, als seine Frau mit einem Asthmaanfall und Nasenbluten im Bett lag und er nach einem Arzt verlangte, habe ein Dolmetscher nur zu ihm gesagt: „Warum kommt ihr krank nach Deutschland? Deutschland braucht keine Kranken.“

Sherzad versteht, dass Deutschland mit den vielen Flüchtlingen überlastet ist. Aber diesen Umgang, sagt er, habe niemand verdient. Seit September leben die beiden hier. „In der ganzen Zeit hat uns nie jemand wirklich zugehört.“ Als sie von „Coming Home“ hörten, haben sie nicht lange überlegt. Auch wenn sie in Kabul wieder von vorne anfangen müssen.

Noch schlimmer für viele Rückkehrer ist die Schande. „In Afrika legt oft die ganze Familie für ein Ticket zusammen“, sagt Sylvia Glaser von „Coming Home“. Aber anstatt Geld nach Hause zu schicken, kommt der Hoffnungsträger irgendwann selbst – mit leeren Händen. „Das ist der absolute Gesichtsverlust.“ Deshalb versucht „Coming Home“, den Rückkehrern ihre Ankunft zu Hause so einfach wie möglich zu machen. Manchmal klappt das gut. Wali Nawabi machte nach 22 Jahren Deutschland in Kabul eine Werkstatt für Prothesen auf – gefördert mit Geldern von „Coming Home“. Fünf Jahre später hat er mehrere Filialen und beschäftigt viele andere Rückkehrer, geschickt von „Coming Home“.

Nur nach Syrien können die Flüchtlinge nicht zurück

Nur syrischen Flüchtlingen kann auch Sylvia Glaser nicht helfen. In einem Bürgerkriegsland gibt’s keine Starthilfe von „Coming Home“. Syrer können momentan nur schwer wieder aus Deutschland ausreisen. Die meisten haben keinen Pass mehr. Wenn doch, liegt ihr Pass zwischen hunderttausenden anderen Dokumenten beim Bamf in Nürnberg. Wer den wieder haben will, muss warten. Irene Gifthaler vom Verein „Hilfe von Mensch zu Mensch“ betreut im Landkreis Miesbach hunderte Asylbewerber. Einer ihrer Syrer wollte zurück. Das ist jetzt ein gutes halbes Jahr her. „Der Pass“, sagt sie, „ist immer noch nicht da.“

Die, die keinen Pass haben, müssen ein neues Ausreisedokument in der Syrischen Botschaft in Berlin beantragen. Zwischen 200 und 300 Euro kostet ein neuer Pass. Für den Antrag müssen die Flüchtlinge persönlich vorsprechen. Das steht Hasan Mansour, 27, noch bevor. Er lebt in einer Flüchtlingsunterkunft in Königsdorf bei Geretsried. „Ich will nach Syrien“, sagt er. „Ich vegetiere hier nur noch vor mich hin.“ Das Essen verträgt er nicht, sagt er. Er schläft schlecht, manchmal auch gar nicht. Eigentlich wollte er sein Informatikstudium beenden, das er in Aleppo begonnen hatte. Aber das geht frühestens, wenn er anerkannter Flüchtling ist – und das dauert. Mansour weiß nicht, wann sein Antrag bearbeitet wird. Seit Anfang Oktober wartet er.

Mansour hat genug von Deutschland – er will nach Syrien, obwohl ihm der Tod droht. „Assads Armee will mich erschießen, weil ich geflohen bin“, sagt er. „Die Rebellen, weil ich bei Assad Soldat gewesen bin.“ Das ist ihm egal. „Besser in Syrien für sein Leben kämpfen, als hier wie ein Tier zu leben.“ Aber jetzt muss er erst mal für seine Ausreise kämpfen – mit den deutschen Behörden. Es ist absurd: Nach monatelanger Flucht vor dem Krieg in der Heimat fühlt sich Hasan Mansour jetzt als Gefangener in Deutschland.

„Lieber vielleicht zu Hause sterben, als sicher in Deutschland zugrunde gehen"

Kamar Sherzad hat es da besser – er darf nach Hause. Aber er weiß nicht, was ihn erwartet. Die ganze Familie hat Angst vor den Taliban. Ein Jahr hat seine Frau die Wohnung damals nicht verlassen, nachdem ihre Kolleginnen verschwunden waren. Aber auch sie will jetzt zurück nach Kabul. Sherzad übersetzt für sie: „Lieber vielleicht zu Hause sterben“, sagt sie, „als sicher in Deutschland zugrunde gehen.“ Einen Lichtblick gibt es allerdings. Vor ein paar Tagen haben sie einen Anruf bekommen – von Idris, ihrem Sohn. Es gehe ihm gut, hat er gesagt. Er lebt bei den ehemaligen Nachbarn. Und wartet auf seine Eltern.

Klaus-Maria Mehr

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