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Die graue Eminenz: Alfred Sauter raunt dem alten Freund Horst einen Ratschlag zu.

Alfred Sauter: Abgeordnert mit Einfluss

Der Seehofer-Flüsterer aus der Fraktion

München - Der Herr im Hintergrund heißt meistens Alfred Sauter. Der Schwabe nutzt seinen kurzen Draht zu Horst Seehofer, um allerlei Gespräche und Treffen in die Wege zu leiten, auch das jüngste mit Söder. Ziemlich viel Einfluss für einen einfachen Abgeordneten.

Er war gerade entlassen worden, fristlos und hochkant per Handy, da stand Alfred Sauter munter zwischen Journalisten und dachte sich ein lustiges Wort aus. „Schafscheiß“ sei seine Entlassung, sagte der Justizminister. Der Ministerpräsident könne ihn gar nicht entlassen, das könne nur der Landtag. So lange bleibe er eben im Amt. Zehn weitere Tage spazierte Sauter wie ein Untoter in die Kabinettssitzungen. Edmund Stoibers Juristen brüteten, man entzog Sauter den Geschäftsbereich, Minister aber blieb er fast bis zur letzten möglichen Minute. Dann ging er, hinterließ das neue Wort und den Eindruck, dass sich da einer was Unerhörtes traut.

Die „Schafscheiß“-Episode von 1999, Sauter war als Bauernopfer in der LWS-Affäre auserkoren, ist ein Teil des Bildes von diesem irgendwie seltsamen Abgeordneten aus Günzburg. Teil zwei folgte 2008. Der neue Ministerpräsident Horst Seehofer bot Sauter eine Rückkehr als Minister an. Mit den Worten „Des hab i net nötig“ lehnte der 62-Jährige dankend ab.

Er geht und kommt nicht gern auf Kommando. Generationen von Abgeordneten, die auf Knien danken würden für eine Berufung wenigstens zum Staatssekretär, sehen das mit Staunen. Sauter hat sich statt dessen in eine exklusive Rolle reingefunden: Er gilt als einziger Abgeordneter mit Einfluss auf Seehofer. „Der Alfred ist der einzige, der dem Horst was sagen kann“, sagen Kollegen: „Bei uns heißt es ja nur, wir seien Halma-Spieler.“

Sie telefonieren regelmäßig zu allerlei Fragen, oft mit dem Inhalt: Red’ mit diesem, red’ mit jenen. Sauter vermittelte die große Aussprache mit Theo Waigel, setzt sich ins Jour-fixe der Parteispitze, begleitet den Chef zu Beschwerden in Verlagshäusern, führt ihn ein in die „Kreuther Runde“ von Parteigranden, organisiert Besuche am Stammtisch, um den Regierungschef als volksnah zu inszenieren. „Wenn Alfred Sauter mich hartnäckig bittet, kommt man der Bitte am besten nach“, sagte Seehofer mal öffentlich.

Der Chef hört auf Sauter nur bedingt, aber das ist schon mehr als auf die anderen. Mit der Kurz-SMS „Guter Rat teuer“ holte sich Seehofer mitunter aktiv Tipps ein. Sauter legte ihm auch dringend nahe, das Gespräch mit Finanzminister Markus Söder zu suchen, den Seehofer mit seiner Kritik („Schmutzeleien“, „von Ehrgeiz zerfressen“) schwer getroffen hatte. Wen wundert’s, dass Seehofer und sein Minister bei dem zweistündigen Treffen am Freitag nicht unter vier Augen in der Staatskanzlei saßen – sondern sich am Tisch auch Sauter einfand (übrigens ebenso wie Barbara Stamm und Georg Schmid).

Einer aus der vierten Reihe, Mitte, ohne höhere Ämter mit derartigem Einfluss ist vielen Parteifreunden suspekt. Das enge Verhältnis, das auch Widerworte erlaubt, ist privaten Ursprungs. Seehofer machte in Berlin Karriere, ihm fehlen in München belastbare Kontakte. Nur die Familien Sauter und Seehofer, auch die Kinder, verbindet seit 1980 eine lange Freundschaft. Unter anderem machten sie oft vor Ostern Urlaub in Südtirol, im Lindenhof in Naturns und im Berghotel Ratschings, vier Sterne und Wellness. „Stabil“ sei ihr Verhältnis, sagt Sauter.

Seehofer hilft die Erdung. Sauter schadet sie gewiss nicht. Seine Münchner Kanzlei befasst sich viel mit staatlichen Immobilien, da hilft der Ruf, die Mächtigsten zu beraten. Auch verhandelte er für die Olympiabewerbung über Grundstücke in Garmisch. Letzteres honorarfrei, in der Summe aber erklärt die blühende Kanzlei auch, warum Sauter nie mehr ins Kabinett mag: Er müsste alle Nebeneinkünfte aufgeben. Könnte nicht mehr mit Kanzlei-Akten in die fade Fraktionssitzung eilen. Als Anwalt, feixt er, zahle er so viele Steuern, dass er seine Diäten selbst finanziere. Was, rein rechnerisch, auf weit über 300 000 Euro schließen lässt. Ja, natürlich habe er einen Nebenjob, sagte Sauter neulich: „Abgeordneter.“

Von Christian Deutschländer

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