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Die unerwartete neue Hoffnung für Belarus

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Von: Foreign Policy

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Swjatlana Zichanouskaja hatte nicht vor, eine brutale Diktatur herauszufordern. Die Geschichte hinter dem Widerstand gegen Lukaschenko.

Swjatlana Zichanouskaja läuft in ihrer Wohnung in der belarussischen Hauptstadt Minsk unruhig hin und her. Sie war dabei, fürs Exil zu packen, aber sie konnte kaum klare Gedanken fassen. Die frühere Lehrerin Zichanouskaja, die ihre bezahlte Arbeit aufgegeben hatte, um ihre beiden Kinder großzuziehen, war am Vortag bei einer Wahl gegen den belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko angetreten. Lukaschenko ist einer der brutalsten Diktatoren der Welt und hält sich seit 27 Jahren an der Macht.

I. Das Exil

Niemand hatte ein freies und faires Rennen in diesem Land erwartet, in dem Wahlen seit langem mehr symbolischen als substanziellen Charakter haben. Aber niemand hatte damit gerechnet, dass die Wahl Belarus* aus seiner Lähmung befreien würde. In den Wochen vor der Wahl am 9. August 2020 hatten Tausende von Menschen an Kundgebungen zur Unterstützung von Zichanouskaja teilgenommen. Solche Szenen waren zuvor undenkbar. In der Wahlnacht, als klar wurde, dass die Wahl wieder einmal manipuliert worden war, strömtenZehntausende von Menschen auf die Straßen der Städte im ganzen Land. Das Internet wurde abgeschaltet und die Hauptverkehrsstraßen in die Hauptstadt gesperrt. Es wurden Blendgranaten, Wasserwerfer und Gummigeschosse eingesetzt, um die Menschenmengen zu zerstreuen.

Gemeinsames Militärmanöver von Russland und Belarus
Alexander Lukaschenko (l), Präsident von Belarus, nimmt, zusammen mit anderen Mitgliedern hochrangigen Militärs, an einer gemeinsamen strategischen Militärübung der Streitkräfte Russlands und Belarus. © dpa

Am Tag nach der Wahl ging Zichanouskaja zur zentralen Wahlkommission des Landes im Zentrum von Minsk, um das offizielle Ergebnis, nach dem Lukaschenko mit fast 80 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden war, in Frage zu stellen. Fast drei Stunden lang versuchten zwei Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, sie zum sofortigen Verlassen des Landes zu zwingen, indem sie ihr auf eindringliche Weise vor Augen führten, was passieren würde, falls sie bleiben würde. Anschaulich beschrieben sie das Schicksal der Frauen in den Gefängnissen des Landes, wo sie beschworen, dass sie jahrelang eingesperrt bleiben würde. Ihr Sohn und ihre Tochter, damals 10 und 4 Jahre alt, würden vom Staat in Gewahrsam genommen. Und in Belarus ist das keine leere Drohung, denn die Behörden sind dafür bekannt, dass sie regimekritischen Müttern die Kinder wegnehmen, um sie zum Schweigen zu bringen. Anfang des Sommers hatte Zichanouskaja ihre Kinder bereits ins benachbarte Litauen geschickt, fürchtete aber auch dort den Zugriff des belarussischen Staates. Ihre Gedanken kreisten um ihren Sohn Karniei, der fast taub geboren worden war. Seit seiner Geburt kämpfte sie um die beste Versorgung für ihn und zog mit der Familie von Gomel im südöstlichen Belarus nach Minsk, damit er bestmöglich behandelt werden könnte. „In diesem Moment hat die Mutter in mir die Oberhand gewonnen“, erklärte sie in einem Interview mit Foreign Policy während ihrer jüngsten Reise nach Washington.

Wenn Zichanouskaja das Land verlassen würde, dann nur gegen eine Gegenleistung. Sie bemühte sich um die Freilassung ihres Mannes, Sjarhej Zichanouski, aus dem Gefängnis. Der frühere Geschäftsmann und erfolgreiche behördenkritische Video-Blogger war seit Mai inhaftiert. Zichanouskaja hatte sich für die Wahl registrieren lassen, um ihren Mann, mit dem sie seit 15 Jahren verheiratet ist und der selbst nicht mehr kandidieren durfte, zu unterstützen. Sie hätte nie erwartet, dass es so weit kommen würde. Doch die Freilassung von Zichanouski konnte sie nicht erreichen. Wie wäre es denn mit ihrer Stabschefin Maria Moroz, die nur wenige Tage zuvor vor ihren Augen verhaftet worden war?

Stabschefin Maria Moroz beschreibt „Kriegsgebiet“ in Minsk

Am anderen Ende der Stadt, im berüchtigten Gefangenenlager Okrestina, erlebte Moroz ihren eigenen Albtraum. Zehntausende von Belarussen würden in den Wochen nach der Wahl inhaftiert werden, aber in Okrestina war bereits Blut geflossen. Nur einen Tag nach der Wahl hatte das Gefangenenlager Mühe, den Zustrom von Häftlingen zu bewältigen. Die persönlichen Gegenstände und Rucksäcke der Demonstranten lagen auf dem Boden verstreut, ihre unbeaufsichtigten Handys klingelten durcheinander.

Nach zwei Tagen hinter Gittern wurde Moroz von einem Wärter aus ihrer überfüllten Zelle nach unten gebracht, um den hohen belarussischen Sicherheitsbeamten Nikolay Karpenkow zu treffen. (Karpenkow wurde später von den Vereinigten Staaten wegen seiner Rolle bei der Niederschlagung der Proteste sanktioniert.) Moroz befürchtete, dass sie weggebracht und gefoltert werden würde. Stattdessen wurde sie in ein teures Auto gesetzt und durch Minsk gefahren. Nach einer Nacht des Aufruhrs war die normalerweise makellose Stadt bereits nicht mehr wiederzuerkennen, ein „Kriegsgebiet“, so Moroz in einem Zoom-Interview mit Foreign Policy.

Moroz wurde in die Wohnung von Zichanouskaja gebracht, in der die beiden Frauen, die sich während des Wahlkampfes besser kennengelernt hatten, in den Wochen vor der Wahl zusammen gewohnt hatten. „Jeder Tag war von Angst erfüllt“, erinnert sich Zichanouskaja an diese Zeit.

„Ich gehe nicht zurück ins Gefängnis“, sagte Moroz, als sie in der Wohnung wieder zusammenkamen, und die beiden Frauen beschlossen, zusammen das Land zu verlassen. Die Präsidentschaftskandidatin packte nur ihren Reisepass und die Ausrüstung für das Cochlea-Implantat ihres Sohnes ein, während Moroz ihre Schwester anrief, damit sie ihre Kinder, die damals 13 und 2 Jahre alt waren, an die Grenze zu Litauen fuhr. Sie wurden durch die Stadt gefahren, um das Auto von Moroz zu holen, mit dem sie das Land verlassen wollten. Unterwegs sahen sie die vielen Demonstranten, und beide Frauen überkam das „wilde Verlangen“, so Zichanouskaja, aus dem Auto zu springen und sich der Menschenmenge anzuschließen. Doch ihre Gedanken gingen schnell wieder zu ihren Kindern.

Bevor sie in Moroz‘ Auto stiegen, stellten die Frauen eine letzte Bedingung. Aus Angst, die Sicherheitsdienste könnten eine Bombe im Fahrzeug platziert haben, bestanden sie darauf, dass ein Agent des belarussischen KGB sie auf der nächtlichen Fahrt auf der rund 150 Kilometer langen Strecke zur litauischen Grenze in ihrem Wagen begleitet. Zichanouskaja lag auf dem Rücksitz des Wagens, während Moroz, die sich nicht erinnern konnte, wann sie zuletzt geschlafen oder etwas gegessen hatte, während der Fahrt mit dem KGB-Agenten auf dem Vordersitz im Gespräch war. Die Menschen wollen nur, dass ihre Stimmen fair ausgezählt werden, erklärte sie. Er stimmte vielem zu, was sie zu sagen hatte. „Vielleicht hat er nur zugestimmt, weil er als Geisel in meinem Auto saß“, bemerkte Moroz scherzhaft.

Gewalt in Belarus: Aktivist sticht sich Kugelschreiber in den Hals - aus Angst vor „Druckkammer“

Seit dem Ausbruch der Proteste am Tag der Wahl wurden mehr als 35.000 Menschen festgenommen. Schnell gab es Berichte über Folterungen in den Gefängnissen des Landes. Häftlinge berichteten gegenüber Menschenrechtsorganisationen von Schlägen, Elektroschocks, Vergewaltigungen und über langen Zeiten in Stresspositionen. Im Juni stach sich der Aktivist Stepan Latypov in einem Gerichtssaal mit einem Kugelschreiber selbst in den Hals, nachdem Polizeibeamte ihm gedroht hatten, dass sie ihn in die „Druckkammer“ werfen würden, wenn er nicht gestehe – eine Zelle, in der abgebrühte Kriminelle, die mit den Behörden gemeinsame Sache machen, politische Gefangene zur Unterwerfung prügeln. Heute befinden sich mehr als 600 politische Gefangene hinter Gittern, von denen die meisten nach den Wahlen verhaftet wurden und denen häufig lange Haftstrafen drohen. Tausende von Belarussen sind aus dem Land geflohen.

Die Brutalität des Regimes breitet sich zunehmend auch über die Landesgrenzen hinweg aus. Die belarussische Sprinterin Krystsina Tsimanouskaya war gezwungen, die Olympischen Spiele in Tokio abzubrechen* und flog Anfang August nach Polen, wo ihr Asyl gewährt wurde, nachdem belarussische Beamte versucht hatten, sie wegen ihrer öffentlichen Kritik an den Trainern des Teams zum Rückflug zu zwingen. In einem gesonderten Vorfall wurde der belarussische Aktivist Witali Schischow Anfang August erhängt in einem Park in Kiew aufgefunden. Die ukrainische Polizei hat eine strafrechtliche Untersuchung eingeleitet und prüft, ob Schischow durch Suizid oder durch einen Mord, der wie ein Suizid aussehen sollte, starb. Schischow leitete Belarusian House, eine Organisation, die Exilanten bei der Anpassung an das Leben in der Ukraine unterstützt. In einem Beitrag in der verschlüsselten Social-Media-App Telegram erklärte die Gruppe, dass Schischow beschattet und vor einer möglichen Entführung und „Liquidierung“ gewarnt worden sei.

Auch fast ein Jahr nach ihrer Abreise ringt Zichanouskaja noch mit der Frage, ob es richtig war, Belarus zu verlassen. „So viele Frauen sind jetzt im Gefängnis, die ihre Kinder auch bei Verwandten gelassen haben“, sagte sie. „Manchmal überwältigen einen diese Gedanken und man beginnt, nach Fehlern zu suchen.“

Mit ihrem Gang ins Exil folgte Zichanouskaja Generationen von belarussischen Oppositionsführern, die von einem hartnäckigen Regime vertrieben wurden. (Die Rada der Demokratischen belarussischen Republik, eine flüchtige provisorische Regierung, die 1918 von der einmarschierenden Roten Armee vertrieben wurde, gilt als die älteste Oppositionsregierung der Welt im Exil und residiert heute in Ottawa, Kanada.) Doch von ihrer Basis in der litauischen Hauptstadt Vilnius aus ist es Zichanouskaja und ihrem Team gelungen, Lukaschenko vor die bisher wirkungsvollste Herausforderung zu stellen.

„Als Teil ihrer Arbeit haben sie wirklich hinterfragt, ob ‚im Exil‘ bedeutet, in Vergessenheit und Irrelevanz zu geraten, oder ob es etwas Produktives, etwas Sinnvolles gibt, das für diejenigen, die weiterhin vor Ort sind, getan werden kann“, sagte Julie Fisher, die US-Botschafterin in Belarus. (Fisher ist selbst, wie sie es ausdrückt, „geografisch herausgefordert“, da Belarus sich weigert, ihr Visum zu bearbeiten, seit sie im Dezember in ihrem Amt bestätigt wurde.)

Zichanouskaja ist nach eigenen Angaben eine „normale Frau“. Sie war früher Englischlehrerin und bis letztes Jahr vollkommen unpolitisch. In den letzten 12 Monaten ist sie jedoch mit ihrem Beraterteam durch ganz Europa gereist, um sich mit Dutzenden von Staatsoberhäuptern zu treffen, darunter mit Deutschlands Angela Merkel und Frankreichs Emmanuel Macron, um den Druck auf das Regime aufrechtzuerhalten und sich für die Belange der politischen Gefangenen einzusetzen.

„Man möchte bei internationalen Treffen weinen und rufen: ‚Seht euch das an!‘ Denn das ist unser Schmerz“, sagte sie. Der Prozess gegen Zichanouskajas Ehemann wegen weitläufig als politisch motiviert angesehenen Vorwürfen begann im Juni und im Falle einer Verurteilung drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft. Wie Zichanouskaja bei einer Anhörung im Juni vor dem Ausschuss für auswärtige Beziehungen des US-Senats erklärte, versteht ihr 11-jähriger Sohn, was ein Gefängnis ist, aber ihre 5-jährige Tochter hält es für „eine Art interessanten Ort, ähnlich wie eine Dienstreise“.

„Man kann noch so viele Artikel lesen oder mit Diplomaten sprechen – das kann es nicht ersetzen, direkt von jemandem wie ihr zu hören“, sagte Fisher.

Beide Seiten lernen voneinander. „Ich habe die besten Lehrer überhaupt“, erklärte Zichanouskaja. „Weil meine Lehrer Präsidenten und Premierminister sind. Denn bei jedem Treffen lerne ich, wie sie sich verhalten, wie sie kommunizieren. Das lernt man nicht in Büchern.“

Bei einer Reise nach Washington im Juli kam Zichanouskaja mit den höchsten Vertretern der US-Regierung, darunter Außenminister Antony Blinken und Präsident Joe Biden, zusammen und erhielt einen Empfang, bei dem viele Staatsoberhäupter der Welt vor Neid erblassen würden. Die Frage ist nur: Wie hat sie das gemacht?

II. Der letzte Diktator Europas

Im Jahr 2005 bezeichnete die damalige US-Außenministerin Condoleezza Rice Belarus auf einer Reise nach Moskau als „die letzte verbliebene echte Diktatur im Herzen Europas.“ Dies war eine unbedachte Bemerkung in einem Interview mit Jill Dougherty von CNN, aber sie blieb hängen. Junge Belarussen sträubten sich gegen diese Beschreibung, weil sie es leid sind, dass ihr Land anhand ihres Präsidenten betrachtet wird. Aber sie ist Ausdruck des unverändert sowjetischen Charakters des belarussischen Regimes.

Der ehemalige Kolchos-Direktor Lukaschenko gewann die letzten freien Wahlen im Land im Jahr 1994. Mittelpunkt seiner frühen Beliebtheit, die ihm den Spitznamen „Batka“ (Vater) einbrachte, war ein Gesellschaftsvertrag, der Belarus vor den sozialen und wirtschaftlichen Konflikten schützen sollte, die in den 1990er Jahren in weiten Teilen der ehemaligen Sowjetunion vorherrschten. Dieser so genannte Wohlfahrtsautoritarismus setzte auf Vollbeschäftigung und ausgedehnte soziale Absicherung, die aber ihren hohen Preis in Bezug auf bürgerliche Freiheiten und Menschenrechte hatte. Als Lukaschenko seine Macht festigte, ließ er mehrere seiner politischen Rivalen verschwinden, die nach allgemeiner Auffassung ermordet wurden. Oppositionsführer wurden schnell verhaftet oder ins Exil getrieben und regelmäßig auftretende Protestbewegungen wurden brutal unterdrückt.

Lukaschenko machte sich von Russland abhängig, um seine staatlich dominierte Wirtschaft mit großzügigen Energiesubventionen zu stützen, und die Beziehung der Länder wurde als „Öl für Küsse“ beschrieben. Im Gegenzug erhielt Moskau die Loyalität eines wichtigen Pufferstaates zwischen seinen westlichen Grenzen und Europa. Doch der Einmarsch Russlands in der benachbarten Ukraine im Jahr 2014 verunsicherte Lukaschenko und veranlasste ihn, sich an den Westen zu wenden, um den revanchistischen östlichen Nachbarn auszugleichen. Das löste eine Eisschmelze aus. Das Regime ließ 2015 die verbliebenen politischen Gefangenen frei, was die Europäische Union dazu veranlasste, die meisten ihrer Sanktionen gegen Dutzende von Regimeangehörigen, darunter Lukaschenko selbst, aufzuheben. „Dies war von einer Liberalisierung innerhalb der Gesellschaft begleitet, und ... [bis zum Sommer 2020] hatten die Menschen schlicht vergessen, dass sie in einem autoritären Regime lebten“, so Yauheni Preiherman, der Direktor des Minsk Dialogue Council on International Relations.

Die öffentliche Unzufriedenheit mit der schwachen Wirtschaft des Landes hatte schon seit einiger Zeit bestanden, aber das Land war dennoch schockiert über Lukaschenkos gleichgültige Reaktion auf die Pandemie, die er als „Massenpsychose“ bezeichnete und bei der sich weigerte, Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus zu ergreifen. Gleichzeitig tauchte eine Reihe neuer Präsidentschaftskandidaten auf, in denen viele Belarussen zum ersten Mal seit Jahren echte Alternativen zu Lukaschenko sahen. Dazu gehörten Angehörige der Elite des Landes wie der ehemalige Bankier Wiktar Babaryka und Waleryj Zepkala, der ehemalige belarussische Botschafter in den USA, der später den Hi-Tech-Park des Landes leitete. „Dass Leute aus der Elite übergelaufen sind, um Lukaschenko herauszufordern, war ein großes Anzeichen dafür, dass sich etwas veränderte“, erklärte Artyom Shraibman, Non-Resident Scholar am Carnegie Moscow Center. Im Gegensatz zu den nüchternen Kampagnen früherer Oppositionsführer zog Babaryka Strategen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Medienexperten hinzu, um eine raffinierte Kampagne zu entwickeln, die ihm „ in der kreativen Klasse in Minsk Sympathie einbrachte“, so Katsiaryna Shmatsina vom Belarussischen Institut für Strategische Studien.

Zur gleichen Zeit hatte Zichanouskajas Ehemann Sjarhej Zichanouski, der 2019 seinen beliebten YouTube-Kanal „Ein Land fürs Leben“ gestartet hatte, seine eigene Kandidatur für die Präsidentschaft gestartet und reiste durch das Land in kleine Städte, die einst als Kernland von Lukaschenkos Unterstützung galten. Zichanouski, ein kecker, kräftiger Mann, fuhr in einem Wohnwagen mit der Aufschrift „Real News of Belarus“ und befragte Anwohner nach ihren Problemen. Sein Stil war populistischer und rauer als die ausgefeilten Kampagnen von Babaryka und Zepkala. „Das kam bei den frustrierten Menschen auf dem Land sehr gut an und funktionierte“, erklärte Shraibman, und fügte hinzu, dass die drei Kampagnen „in perfekter Synergie“ funktionierten, um breite Bevölkerungsschichten zu mobilisieren.

Keiner von ihnen hat es bis zum Wahltag geschafft. Im Mai 2020 wurde Zichanouski festgenommen. Babaryka wurde im darauffolgenden Monat verhaftet und wegen angeblicher Bestechung und Geldwäsche zu 14 Jahren Haft verurteilt. Die Anschuldigungen gegen beide Männer gelten weithin als politisch motiviert. Im Juli floh Zepkala nach Russland, nachdem er die Nachricht erhalten hatte, dass seine Festnahme die nächste wäre, und Drohungen gegen seine Kinder ausgesprochen worden waren.

III. Die Dolmetscherin

Swjatlana Zichanouskaja wurde am 11. September 1982 als Swjatlana Piliptschuk in der kleinen Stadt Mikaschewitschy, einer von der nahegelegenen Granitmine dominierten sowjetischen Monostadt, im Süden von Belarus geboren. Die Piliptschuks wohnten in einem fünfstöckigen Wohnblock aus vorgefertigten Betonplatten, wie sie damals und auch heute noch im Gebiet der Sowjetunion üblich sind. Nach Angaben der belarussischen Presse arbeitete ihr Vater als Fahrer in einer nahegelegenen Fabrik für Betonfertigteile und ihre Mutter als Köchin in einer Kantine in der Stadt. Die Familie stand sich nahe und las gern. „Wir lesen viel in unserer Familie“, sagte sie letztes Jahr der belarussischen Nachrichtenseite Free News Plus. „Während alle anderen Kinder gespielt haben, haben meine Schwester und ich Bücher verschlungen.“

1986, als Zichanouskaja drei Jahre alt war, explodierte ein Reaktor im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl und verursachte die schlimmste Nuklearkatastrophe der Geschichte, wodurch Wolken von radioaktivem Material über Europa hinweggingen. Etwa 70 Prozent des radioaktiven Niederschlags landete in Belarus und verseuchte Lebensmittel und Wasserversorgung. Die Schilddrüsenkrebsrate bei Kindern, deren heranwachsender Körper besonders anfällig für radioaktive Strahlung ist, verzehnfachte sich in den betroffenen Gebieten. Nach der Katastrophe wurde eine Reihe von internationalen Wohltätigkeitsorganisationen gegründet, um Kinder für einen Sommer aus der Region zu holen – Bemühungen, die immer noch laufen, da selbst eine kurze Auszeit nachweislich die Strahlenbelastung im Körper reduziert.

Als aufgeweckte Schülerin, die gut Englisch sprach, wurde Zichanouskaja Mitte der 1990er Jahre zusammen mit einer anderen Schülerin von ihrer Lehrerin ausgewählt, um einen Sommer in Roscrea in Zentralirland zu verbringen. „Sie waren zwei wilde, abenteuerlustige junge Kinder“, so Henry Deane, der Zichanouskaja zusammen mit seiner Frau Marian beherbergte. „Man wird süchtig nach Kinderlachen.“ Die meisten Kinder waren nur einen Sommer lang dort, aber Zichanouskaja kehrte viermal als Dolmetscherin für die jüngeren Kinder nach Irland zurück. Mit Anfang 20 hatte Zichanouskaja die Möglichkeit, in Irland zu bleiben und zu arbeiten, kehrte aber nach Belarus zurück, um in der Nähe ihrer Familie zu sein, erklärte sie gegenüber Free News Plus.

David, der Sohn der Deanes, der beim ersten Aufenthalt von Zichanouskaja schon auf dem College war, beschrieb sie als „weitgehend genauso“ wie die anderen Mädchen ihres Alters, aber meinte, dass sie sich durch ihr Mitgefühl auszeichnete. Wenn die jüngeren Kinder Heimweh oder Kommunikationsprobleme mit ihren Gastfamilien hatten, dann war es Zichanouskaja, an die sie sich wandten. „Deshalb wurde sie als Dolmetscherin zurückgebracht. Nicht, weil ihr Englisch am besten war, sondern weil sie einfach dieses Mitgefühl zu haben schien.“

Regelmäßig erhielten die Deanes Anrufe von Gastfamilien, deren Gastkinder aufgelöst waren. Die Kinder kamen dann bei ihnen vorbei und krabbelten auf Zichanouskajas Schoß. Sie strich ihnen über die Haare und kitzelte auf Russisch ihre Sorgen aus ihnen heraus. Es ist genau diese Eigenschaft, die Zichanouskaja heute von anderen unterscheidet, meint David Deane. „In einer Welt, in der immer mehr Führungspersönlichkeiten versuchen, sich durch abstoßende toxische Männlichkeit zu legitimieren, beruht ihre Legitimität ausschließlich – und das klingt echt klischeehaft und abgedroschen – auf ihrem Mitgefühl, ihrer Verletzlichkeit und ihrer Transparenz.“

Im Mai, als ihr Mann eine erste 15-tägige Haftstrafe verbüßte, brachte Zichanouskaja seine Kandidatur um das Amt des Präsidenten in das Haus der Regierung, ein abweisendes Gebäude im Zentrum von Minsk, in dem auch die zentrale Wahlkommission untergebracht ist. Als die Kandidatur ihres Mannes abgelehnt wurde, ging Zichanouskaja nach Hause und begann, die notwendigen Unterlagen für ihren eigene Kandidatur zusammenzustellen. „Ich wollte ihm – und nur ihm – zeigen, dass ich hinter ihm stehe“, so Zichanouskaja. Am nächsten Tag, dem letzten Tag der Bewerbungsfrist, ging sie mit ihrer eigenen Kandidatur zurück zur Wahlkommission. Ihrem Mann erzählte sie nichts von ihrem Plan. Als die Präsidentschaftskandidaten in der folgenden Woche erneut vor die Kommission gerufen wurden, war Zichanouskaja sicher, dass man ihr mitteilen würde, dass ihre Kandidatur abgelehnt worden war. Sie bereitete eine Rede vor, in der sie Lidia Jermoschina, der Vorsitzenden der Kommission, von der Inhaftierung ihres Mannes und dem Leid der Menschen unter dem Lukaschenko-Regime berichten würde. Sie lernte sie auswendig, was aber gar nicht nötig war. Die Kandidatur von Zichanouskaja wurde angenommen. „Sind Sie sicher, dass Sie Präsidentin werden wollen?“, fragten sie. „Ich habe mein ganzes Leben lang davon geträumt“, antwortete sie.

Während es der Plan ihres Mannes war, als Protestkandidat anzutreten und seine Anhänger zum Boykott der Wahl aufzufordern, schlug Zichanouskaja einen anderen Weg ein. Am 16. Juli wurde sie zu einem Treffen mit Maria Kalesnikava, Babarykas Stabschefin, und Veronica Zepkala eingeladen, deren Mann bereits von der Kandidatur ausgeschlossen war. Innerhalb von 15 Minuten einigten sich die Frauen darauf, ihre Kräfte zu bündeln und die Ressourcen der Kampagnen von Babaryka und Zepkala hinter Zichanouskaja zu vereinen.

Das Trio eignete sich schnell eine charakteristische Pose für die Kameras an: Zepkala hielt ein Friedenszeichen hoch, Zichanouskaja eine Faust und Kalesnikava formte mit ihren Händen ein Herz. „Ich war stärker, weil ich starke Frauen an meiner Seite hatte“, sagte Zichanouskaja. Sie einten ihre Anhänger um eine einfache Drei-Punkte-Basis: die Freilassung politischer Gefangener, die Änderung der Verfassung und eine faire, für alle zugängliche Präsidentschaftswahl. „In unserem Teil der Welt, wo normalerweise Männer um die Macht kämpfen, begannen die Menschen intuitiv, [den] Frauen zu vertrauen, vor allem, als sie sagten: ‚Wir sind nicht wegen der Macht oder der Politik hier‘“, sagte der ehemalige Präsidentschaftskandidat Waleryj Zepkala. (Im September zerriss Kalesnikava ihren Pass an der ukrainischen Grenze, als die belarussischen Behörden versuchten, sie gewaltsam aus dem Land zu vertreiben. Seitdem ist sie inhaftiert. Sie wurde wegen Verschwörung zur Machtergreifung und Gründung einer extremistischen Gruppe angeklagt und könnte im Falle einer Verurteilung bis zu 12 Jahre ins Gefängnis kommen. Bei der Eröffnung ihres Prozesses Anfang August wurde Kalesnikava auf der Anklagebank tanzend gezeigt und sie machte ihre ikonische Handgeste, das Herz.)

Alle drei waren neu in der Politik, aber Kalesnikava, eine in der Minsker Kunstszene bekannte Flötistin, und Zepkala, Managerin für Geschäftsentwicklung bei Microsoft, schienen sich im Rampenlicht wohl zu fühlen. Zichanouskaja dagegen nicht. „Wir arbeiteten Schritt für Schritt“, erklärte Zichanouskajas Pressesprecherin Anna Krasulina im Hinblick darauf, dass sie ihr den Umgang mit den Medien beibrachten und sie zu Radio- und Fernsehinterviews überredeten. Aber wenn überhaupt, dann haben ihre mangelnde Erfahrung und ihr politischer Ehrgeiz sie bei den Wählern nur noch beliebter gemacht.

„Sie ist gewissermaßen eine Metapher für den gesamten belarussischen Aufstand“, so Carnegie-Scholar Shraibman. „Die Umstände haben Belarus und Swjatlana aus ihrer relativ komfortablen Blase in die gefährliche Welt der Politik getrieben, und die Gesellschaft ist im Grunde mit ihr mit gereift.“

IV. „Unsere echte Präsidentin“

Obwohl Zichanouskaja als Siegerin der Präsidentschaftswahlen gilt, hat sie aufgrund der fehlenden endgültigen Stimmenauszählung darauf verzichtet, sich als designierte Präsidentin zu bezeichnen. Sie hat immer wieder erklärt, dass sie keine eigenen politischen Ambitionen hat und für sich eine Übergangsposition sieht, bis neue Präsidentschaftswahlen abgehalten werden können. Aber der vermutliche Wahlsieg hat es den Staats- und Regierungschefs der Welt leichter gemacht, sich hinter sie zu stellen. Es hat sie auch von der Sympathiefalle frei gemacht, die Politiker auf der ganzen Welt plagt. „Sie hat sich nie eine Person ausgesucht, die sie sein wollte, sie war einfach sie selbst“, erklärte Shraibman. Wenn man sie in Interviews fragt, wie sie mit den Rückschlägen des vergangenen Jahres umgegangen ist, lenkt sie die Aufmerksamkeit auf die Notlage der politischen Gefangenen des Landes, auf die Hunderte von Menschen, die ihr stets im Bewusstsein sind und die sie vertritt.

Viele glauben, dass Zichanouskaja ihre Kandidatur anmelden konnte, weil das Regime ihre Fähigkeiten unterschätzt hat. „Er dachte, dass er sich über Swjatlana lustig machen könnte, weil sie Hausfrau war“, meinte Zepkala. Lukaschenko verhöhnte die Idee, dass eine Frau Präsidentin werden könnte. „Die armen Dinger“, sagte er, würden unter der Belastung „zusammenbrechen“. „Sie haben sich nicht die Mühe gemacht, zu überprüfen, wer Zichanouskaja ist“, erklärte Krasulina und fügte hinzu, dass sie ihre Entschlossenheit durch den jahrelangen Kampf für eine angemessene Behandlung und Sprachtherapie für ihren Sohn bewiesen hatte. „In Belarus muss man Berge versetzen, um solche Ergebnisse zu erzielen. Und sie hat diese Berge versetzt.“

Während ihrer jüngsten Reise nach Washington drängte Zichanouskaja hochrangige US-Beamte dazu, Sanktionen gegen Schlüsselindustrien in Belarus zu verhängen, um zu versuchen, das Verhalten der belarussischen Regierung zu ändern. Sie setzt sich weiterhin für die Freilassung politischer Gefangener und einen Dialog mit dem Regime ein, an dessen Ende neue und faire Wahlen stehen sollen. Sie hat nicht die Absicht, erneut als Präsidentin zu kandidieren. „Ich werde so lange für die Menschen da sein, wie sie mich brauchen“, sagte sie. „Aber wenn der neue Präsident und Premierminister gute Manager sind, werde ich gerne wieder ein normaler Mensch.“

Trotz des gewaltsamen Vorgehens gegen die Demonstranten in den ersten Tagen nach der Wahl gingen die Demonstranten in den Wochen nach der Wahl weiterhin jeden Sonntag in Minsk auf die Straße. Die Zahl der Teilnehmer lag häufig bei über 100.000. Doch das Regime blieb hart und griff unbarmherzig gegen Nichtregierungsorganisationen, Journalisten und Demonstranten durch. Tausende von Menschen flohen aus dem Land, viele ließen sich in der polnischen und der litauischen Hauptstadt nieder. Die Unterdrückung in Belarus hat ein kafkaeskes Ausmaß an Absurdität erreicht. Eine Frau in Minsk wurde zu einer Geldstrafe von fast 1000 Dollar verurteilt, weil sie rot-weiße Socken trug – die Farben der Flagge, die mit der pro-demokratischen Bewegung des Landes assoziiert wird. In der Stadt Brest wurden Dutzende von Menschen festgenommen und verurteilt, weil sie auf der Straße tanzten. Nach Ermutigung Russlands hat Lukaschenko eine Verfassungsänderung vorgeschlagen, um die Unruhen niederzuschlagen, aber nur wenige erwarten eine grundlegende Änderung.

Ihre Anhänger geben Zichanouskaja offensichtlich Auftrieb, da sie von ihr inspiriert sind. An einem dunstigen Sonntagnachmittag im Juli versammelte sich eine große Gruppe von Menschen aus der belarussischen Diaspora, um Zichanouskaja auf der Freedom Plaza in der Innenstadt von Washington zu treffen.

Andre Alkhouka aus der belarussischen Stadt Witebsk, wo er sich in der lokalen Opposition engagierte, wartete inmitten der Menschenmenge mit einem Strauß roter und weißer Blumen auf Zichanouskaja. „Wir sind heute hier, weil unsere echte Präsidentin hierher kommt“, sagte er. „Wir sind erst seit einem Monat hier [in Amerika]“, fügte Alkhouka hinzu und deutete auf den dicken schwarzen Monitor, den die Einwanderungsbehörde an seinem Knöchel befestigt hat.

Nachdem Alkhouka und seine Frau verhaftet und ihr erwachsener Sohn von der Polizei geschlagen worden war, beschloss die Familie, Belarus zu ihrer Sicherheit zu verlassen. Da der Flugverkehr über Belarus eingestellt wurde, nachdem die Behörden einen Ryanair-Flug nach Minsk umgeleitet hatten, um einen regimekritischen Journalisten und seine Freundin zu verhaften, fuhr die Familie mit dem Bus in die Ukraine, von wo aus sie mit mehreren Flügen nach Tijuana, Mexiko, gelangten und anschließend die Grenze in die Vereinigten Staaten überquerten. Über ihren Asylantrag ist noch nicht entschieden.

Vor ihrer Reise nach Washington besuchte Zichanouskaja Irland, wo sie mit dem irischen Außenminister Simon Coveney zusammentraf. Sie besuchte auch die Deanes in Roscrea. Auf der Treppe vor dem Haus der Familie gab Zichanouskaja den irischen Medien ein Interview. „Sie war diese politische Persönlichkeit“, so Henry Deane. Aber sobald sich die Haustür hinter ihr schloss, rannte sie die Treppe hinauf, um ihr altes Schlafzimmer zu sehen, sagte er. Das Wetter war schön und nicht zu heiß, und trotz eines vollen Terminkalenders blieb Zichanouskaja fast den ganzen Tag bei den Deanes – in dem Haus, in dem sie als Kind so viele Sommer verbrachte. Zichanouskaja und Deane konnten in seinem Garten ungestört spazieren. „Ich wollte ihr in die Augen schauen“, erklärte Deane, „und sehen, wie sie reagiert, wenn ich sie frage: ‚Wie geht es dir?‘“

von Amy Mackinnon

Amy Mackinnon bearbeitet als Reporterin bei Foreign Policy die Ressorts nationale Sicherheit und Geheimdienste. Twitter: @ak_mack

Dieser Artikel war zuerst am 6. August 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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