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„Sind die Sender zu stark besetzt?“ Horst Seehofer rumpelt mit Journalisten aneinander, bevorzugt mit dem ZDF.

Verhältnis ruiniert

CSU und ZDF: Fortgesetzte Sendestörung

München - Eine Hassliebe verbindet die CSU mit dem ZDF. Spektakuläre Interviews und Affären erlebte der Sender mit dem aufbrausenden Horst Seehofer. Derzeit ist das Verhältnis ruiniert. Ein CSU-Buch eines hohen ZDF-Manns dürfte nun dafür sorgen, dass das so bleibt.

Das Ende des Interviews hätte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft werden können. Nach dem offiziellen, eher drögen Teil lederte Horst Seehofer im Nachgespräch los über alles, was ihn so nervt in der Koalition. „Sie können das alles senden“, rief er Moderator Claus Kleber schließlich zu. Das ZDF sendete, das Volk staunte über den frechen Seehofer, und die CSU bedruckte glücklich T-Shirts mit dem bald legendären Zitats „Das können Sie alles senden.“

Genau ein Jahr ist die denkwürdige Fernseh-Szene her, ein Hit im Internet, doch aus der Freundschaft wurde nichts. Stattdessen ist das Verhältnis zwischen dem öffentlich-rechtlichen Sender und Seehofer inzwischen ruiniert. Erst tätigte ein Parteisprecher einen dummen Anruf und versuchte, einen Bericht über die SPD zu verhindern. Das wurde unter dem Schlagwort „ZDF-Affäre“ publik, und es kann nur einer aus dem Sender gewesen sein, der es ausgeplaudert hatte. Dann folgte eine Reihe von Wut-Äußerungen führender CSUler über die TV-Berichte.

Der Streit eskalierte beim Parteikonvent im Mai. Der Sender zog ein negatives Schlussresümee der Jubel-Inszenierung. Bei genauem Hinsehen flog auf: Es wurde aufgenommen, als der Konvent gerade anfing. Auch behauptete Kleber in seiner Anmoderation, die CSU habe eilig Steuersünder Hoeneß aus einem Film geschnitten, was die Partei energisch dementiert hatte.

Öffentlich beklagte sich Generalsekretär Alexander Dobrindt beim Sender, Seehofer wütete in einer Pressekonferenz über die Medien: „Wie wenn man auf der Treibjagd ist, und die Bluthunde wittern eine Blutspur. Da wird nicht mehr links und rechts geschaut, das ist schlimm.“ Kleber entschuldigte sich: „Hätte mir nicht passieren dürfen.“

Seehofers öffentlicher Zorn häuft sich, er trifft viele Journalisten reihum. Mal unsere Zeitung („kleingeistig“), mal die SZ („groteske Manipulation“), mal die FAZ („böswillig“) und andere; mal wegen falscher Berichte und mal nur wegen unliebsamer. Der Ärger verraucht aber zuverlässig wieder. Seehofer kehrt nach wenigen Tagen zu seinem eigentlich angenehmen Umgang mit Journalisten zurück, nimmt sich Zeit, frotzelt, als wäre nichts gewesen.

Bei öffentlich-rechtlichen Sendern aber besteht der Sonderfall, dass die Partei (im Fall ZDF mit Seehofer und Dobrindt) in den Aufsichtsgremien Macht ausüben kann. Für Journalisten kann so was ein Karrierestopp sein. Seehofer weiß das zu inszenieren. Gestern erst regte er vor laufenden Kameras erbost einen Personalabbau an: „Liebe Leut! Sind die öffentlich-rechtlichen Sender vielleicht zu stark besetzt?“ Anlass: Der BR hatte offenbar angefragt, woher die Rot-Kreuz-Jacke stamme, mit der er Flut-Opfer besucht hatte.

Der nächste Akt CSU/ZDF steht am 1. Juli an. Da erscheint ein Buch über die Partei, geschrieben vom Münchner Büroleiter des Senders, Ulrich Berls. Unter dem Titel „Bayern weg, alles weg“ beschreibt er, warum die CSU „zum Regieren verdammt“ sei und was aus ihr nach einer Niederlage bei der Landtagswahl würde. „Nochmal ein paar wenige Pünktchen abwärts, und aus ist’s.“

Berls widmet ein eigenes Kapitel speziell Seehofer („Horsti, der ehemalige Straßenbengel aus Ingolstadt“), mit dem er neulich vor Zeugen heftig aneinanderrummste. Er schildert dessen Herkunft (inklusive Schlagzeilen zum Privatleben) und geht speziell auf den von Seehofer gehassten „Drehhofer“-Vorwurf ein, witzelt über die „Christliche Salto Union“.

Berls schreibt kundig und nur mäßig freundlich. Seehofer „redet manchmal zu früh, zu laut, zu viel, zu apodiktisch“, schildert er. Sein Lachen sei ein „Hecheln“. Er nennt ihn „immer ungeduldig, oft spontan. Gerne leutselig, gelegentlich erratisch. Meist charmant, manchmal grob. Ein Mensch voller Widersprüche.“

Berls mündet nicht mal in einen Verriss, eher in ein sokratisches „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ – sein Kernsatz: „Immer wenn man meint, man habe das Puzzle Seehofer zusammengesetzt, kommt etwas Unvorhergesehenes, und es fehlen Stücke, oder es sind zu viele da.“ Wenigstens das könnte Seehofer gefallen. Falls nicht, wird er es gewiss Berls’ Vorgesetzten mitteilen.

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

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