Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht bei einer Gesprächsveranstaltung mit Bürgerinnen und Bürgern mit türkischen Wurzeln im Schloss Bellevue.
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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht bei einer Gesprächsveranstaltung mit Bürgerinnen und Bürgern mit türkischen Wurzeln im Schloss Bellevue anlässlich des 60. Jahrestages des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens.

Bundespräsident fordert mehr Integration

Steinmeier würdigt Türken für „Gesicht unseres Landes“ - und will Islamunterricht an Schulen fördern

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte Zuwanderer in Deutschland und hob dabei insbesondere die Türkei hervor. Das Verhältnis zum Islam will er verbessern.

Berlin - Jede vierte in Deutschland lebende Person hat einen Migrationshintergrund. Im Jahr 2019 waren es laut Statistischem Bundesamt rund 21 Millionen Menschen (26 Prozent). Mehr als die Hälfte von ihnen besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft von Geburt an. Viele der Menschen mit Migrationshintergrund sind auf die Gastarbeiter-Zeit zurückzuführen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) richtete nun sein Wort direkt an diese Personen.

Steinmeier lobt Gastarbeiter: „Deutsche Gesellschaft maßgeblich getragen von Italienern, Griechen, Spaniern und Türken“

Anlässlich des vor 60 Jahren geschlossenen Anwerbeabkommens für türkische Arbeitskräfte würdigte Steinmeier den Beitrag von Zuwanderern für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung. „Sie haben viel dazu beigetragen, dass Deutschland heute gesellschaftlich offener und vielfältiger, wirtschaftlich stärker und wohlhabender ist“, sagte Steinmeier am Freitag in Berlin. „Nicht nur das deutsche Wirtschaftswunder, nein, die Entwicklung dieser deutschen Gesellschaft war und ist maßgeblich getragen von Italienern, von Griechen, von Spaniern und Türken.“

Der stark wachsenden deutschen Wirtschaft fehlten ab Mitte der 1950er Jahre Arbeitskräfte. Die Bundesregierung schloss deshalb am 30. Oktober 1961 mit der Türkei eine Vereinbarung zur Entsendung von Arbeitnehmern. Zuvor hatte es bereits ähnliche Abkommen mit Italien, Spanien und Griechenland über die Entsendung sogenannter Gastarbeiter gegeben. Viele von ihnen blieben dann dauerhaft in Deutschland. Mit einem Anteil von 13 Prozent bildeten Menschen mit türkischen Wurzeln im Jahr 2019 den größten Bereich. Steinmeier integrierte sie daher explizit in seine Rede.

Steinmeier würdigt Türkei: „Haben Gesicht unseres Landes verändert“

Die Vereinbarung habe „das Leben von Millionen Menschen, Türken und Deutschen“ und „das Gesicht unseres Landes“ verändert, sagte der SPD-Politiker im Schloss Bellevue. Es habe aber „Jahrzehnte gedauert“, bis akzeptiert worden sei, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei. Sogenannte Gastarbeiter seien lange „Arbeiter zweiter Klasse“ gewesen. Integration sei damals nicht gewünscht gewesen. Nach zwei Jahren hätten die Menschen wieder ihre Koffer packen sollen. Steinmeier würdigte in diesem Zusammengang ausdrücklich auch die „Lebensleistung der Menschen aus den sogenannten Bruderstaaten der DDR“ wie Kuba, Vietnam und Mosambik.

Es sei „ein langer, ein schmerzhafter Weg“ gewesen, bis sich die Haltung gegenüber den zugewanderten Menschen geändert habe, sagte Steinmeier. Und noch immer seien die Chancen auf Bildung und sozialen Aufstieg für Menschen mit Migrationshintergrund unterschiedlich - „und zwar nicht nur ein bisschen, sondern um Welten“. Es erschüttere ihn auch, „wenn Menschen mit anderer Hautfarbe, Sprache oder Religion bis heute zur Zielscheibe von Hass und Hetze werden“, sagte Steinmeier, der vor Kurzem von seinem Gastbesuch in Schweden zurückkam. „Diesen Hass werden wir in Deutschland niemals dulden.“

Steinmeier plädiert für Ausbildung von Imamen und Islam-Unterricht an Schulen

Der Bundespräsident monierte zudem, dass das Bild des Islams hierzulande von Stereotypen und Vorurteilen geprägt sei. Er plädierte für die Ausbildung von Imamen in Deutschland und islamischen Religionsunterricht an den Schulen. „Musliminnen, Muslime sollen ihren Glauben in all seiner Vielfalt im Herzen unserer Gesellschaft leben können – mit und nicht gegen unsere Demokratie“, betonte Steinmeier.

Über den Anteil von Menschen mit muslimischer Religionszugehörigkeit schreibt das Bundesinnenministerium: „Deutschland ist in den letzten Jahrzehnten vor allem durch Zuwanderer aus muslimisch geprägten Herkunftsstaaten religiös und kulturell vielfältiger geworden. Mittlerweile leben in Deutschland zwischen 4,4 und 4,7 Millionen Muslime.“ Das entspricht rund 5,5 Prozent. Zum Vergleich: Mehr als 43 Millionen Menschen bezeichnen sich als Christen (evangelisch und katholisch). Steinmeier appellierte an die Bevölkerung, die Gesellschaft in Deutschland mitzugestalten. „Nehmen Sie sich den Platz, der Ihnen zusteht, den Platz in der Mitte, und füllen Sie ihn aus.“ (as/dpa/afp)

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