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Zum Beginn des Reiseverkehrs zu den Weihnachtsfeiertagen, warten Fahrgäste am Stuttgarter Hauptbahnhof auf die Einfahrt eines TGV-Zuges mit Fahrtziel Paris. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Streit um Rentenreform

Bahnstreiks in Frankreich - Hunderttausende betroffen

Fährt er - oder fährt er nicht? Diese Frage stellen sich momentan Hunderttausende Franzosen. Denn die Streiks bei der Bahn werden wohl über Weihnachten anhalten - und viele werden ihre Familien nicht besuchen können. Auch Deutschland ist betroffen.

Paris (dpa) - Frankreich steht zu Weihnachten ein Bahnchaos bevor. Zwar haben einige Gewerkschaften für die Festtage zu einer Streikpause aufgerufen, die größte Bahngewerkschaft pochte aber auf eine Fortsetzung des Arbeitskampfs wegen der Rentenreform.

Für Hunderttausende könnte das bedeuten, dass sie an den Feiertagen ihre Familien nicht besuchen können. Die französische Bahn hat rund 200.000 Kunden aufgerufen, ihre Tickets für den 23. und 24. Dezember umzutauschen.

Von den Streiks in Frankreich ist auch der Zugverkehr in Deutschland betroffen. Es gebe Ausfälle und Verspätungen, sagte ein Sprecher der Deutschen Bahn am Freitag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Wie viele es genau sind, wurde zunächst nicht bekannt.

"Im Zeitraum vom 23.12.2019 bis 5.1.2020 ist nur eine sehr begrenzte Anzahl von Zugfahrten zwischen Frankreich und Deutschland möglich", heißt es auf der Webseite der Deutschen Bahn. In der Regel könnten sich Bahnkunden dort bis zu zwei Tage im Voraus über ihren Zug informieren und gegebenenfalls umbuchen. Betroffen sind demnach ICE- und TGV-Verbindungen zwischen Frankfurt und Paris beziehungsweise Marseille sowie zwischen Stuttgart und Paris.

Die Proteste und Streiks gegen die Rentenreform, ein Prestigeprojekt von Präsident Emmanuel Macron, dauern bereits seit mehr als zwei Wochen an. Der Bahnverkehr im gesamten Land ist seitdem massiv gestört, der Nahverkehr in Paris ebenfalls. Hunderttausende gingen bisher gegen die Pläne auf die Straße. Premierminister Édouard Philippe hatte am Donnerstagabend Gewerkschaftsvertreter getroffen, um den Konflikt zu entschärfen - bei dem Gespräch zeichnete sich jedoch keine Lösung ab. Die Gespräche wurden auf Januar vertagt.

Der Notfallplan der Staatsbahn SNCF sieht vor, dass am 23. und 24. Dezember nur 41 Prozent der TGV-Schnellzüge garantiert sind. Rund 400.000 Menschen hätten für diese Tage einen Fahrschein gebucht. Gut die Hälfte von ihnen würde ihre Fahrt bestätigt bekommen; die anderen sind aufgerufen, schnell umzubuchen. Die Ausstände bei der Pariser Metro halten ebenfalls an.

Auch am Wochenende vor Weihnachten fahren nur rund die Hälfte der Züge der TGV in Frankreich. Reisende können sich auf der Webseite der SNCF darüber informieren, ob ihr Zug fährt. Ob die Lage wirklich so dramatisch wird, hängt nun auch davon ab, wie viele Eisenbahner dem Aufruf zur Waffenruhe folgen. So hatte zwar der Generalsekretär des Gewerkschaftsverbands Unsa eine Streikpause über Weihnachten gefordert.

Die Eisenbahner der Gewerkschaft haben jedoch erklärt, dennoch weitermachen zu wollen. "Wir haben beschlossen, wie andere Regionen auch, diesen Waffenstillstand nicht zu respektieren", sagte der Gewerkschafter Daniel Teirlynck dem Sender BFMTV. Die Unsa vertritt außerdem nur rund sieben Prozent der Lokführer. Am Freitag legten nach Angaben der SNCF gut 58 Prozent der Lokführer die Arbeit nieder. Damit ist die Streikrate weiter leicht rückläufig.

Mit der Rentenreform will die französische Mitte-Regierung die Zersplitterung in 42 verschiedene Rentenkassen beenden und ein universelles Punktesystem schaffen. Diese bringen zum Teil zahlreiche Sonderrechte mit sich. Außerdem sollen die Franzosen dazu angehalten werden, länger zu arbeiten. Die Regierung hatte mit langen Übergangsfristen zwar Zugeständnisse an die Gewerkschaften gemacht - diese waren allerdings nicht zufrieden. Umfragen zufolge ist eine Mehrheit der Franzosen gegen die Reform.

Für große Wut unter den Bahnkunden sorgte die Entscheidung der SNCF, bis zum 24. Dezember den Service für unbegleitete Kinder zwischen 4 und 14 Jahren auszusetzen. Diese werden normalerweise in einem Extra-Wagen von Animateuren betreut. Insgesamt waren rund 5000 Kinder betroffen. Die SNCF begründete das Vorgehen mit Sicherheitsbedenken in den überfüllten Zügen. Allerdings stand der Vorwurf im Raum, dass die SNCF die Plätze lieber teurer an Erwachsene verkaufen will.

Die Hardliner-Gewerkschaft CGT warf der Bahn Sabotage vor. Kinder und ihre Familien würden instrumentalisiert, "um diejenigen zu diskreditieren, die für den sozialen Fortschritt kämpfen". Am Freitagabend teilte die Bahn dann mit, dass am Sonntag 14 Spezialzüge mit Platz für 5000 alleinreisende Kinder bereitgestellt werden sollen. Eine Woche später soll es dann wieder solche Züge für die Rückfahrt geben.

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