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Interview

Frankreich-Expertin: "Das trifft das Land hart"

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München - Die Politikwissenschaftlerin Florence Gauzy lehrt am Geschwister-Scholl-Institut in München und hat an der Sorbonne in Paris promoviert. Wir sprachen mit der Frankreich-Expertin über den Anschlag in Paris.

Was macht das Attentat mit Frankreich?

Der Schock ist immens, er trifft das Land hart. Man rechnete damit, dass ein terroristischer Anschlag irgendwann passieren würde. Aber jetzt ist er tatsächlich da.

Sie sind gerade in Nizza. Wie reagierten die Menschen auf die Nachrichten aus Paris?

Jeder redet darüber, alle Fernseher laufen mit den Sondersendungen, alle fragen nach dem Warum. Die Lage im Süden ist eine besondere, hier leben sehr viele Migranten aus dem Maghreb, es gibt deshalb auch Spannungen. Dennoch ist das Bewusstsein sofort da gewesen: Jetzt ist Einigkeit gefordert!

Es zeichnet sich ab, dass die Täter einen islamistischen Hintergrund hatten. Wie groß ist die Szene in Frankreich?

Sie ist vorhanden, es gibt bekannte islamistische Extremistenkreise. Präsident François Hollande, der sofort nach dem Anschlag vor Ort war, hat das selbst angesprochen. Er erwähnte mehrere Anschläge in den vergangenen Monaten und Jahren, die gerade noch rechtzeitig verhindert werden konnten. Auch im Ausland werden immer wieder französische Staatsbürger Opfer der Terrormiliz Islamischer Staat. Wir müssen davon ausgehen, dass noch viel mehr passiert, als die Öffentlichkeit weiß. Paris ist seit einiger Zeit als mögliche Zielscheibe bekannt.

Was macht Paris zum Ziel von Terroristen?

Auch in anderen Städten gibt es eine Bedrohung, es gab Anschläge in Großbritannien und Kanada. Aber vielleicht ist die Lage in Paris etwas spezieller. Dort gibt es eine Szene – zu der auch „Charlie Hebdo“ gehört –, die sich sehr bewusst für die Presse- und Meinungsfreiheit engagiert und sich öffentlich gegen den Islamismus äußert. Diese Kritiker sind dadurch viel besser sichtbar als zum Beispiel in Deutschland.

Welchen Stellenwert hat das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ im Land?

Die satirische Presse hat in Frankreich eine sehr lange Tradition, mindestens seit dem 18. Jahrhundert. „Charlie Hebdo“ wird von der breiten Bevölkerung gelesen, und zwar parteipolitisch unabhängig. Die Zeitschrift ist sehr bekannt, sie wurde seit einiger Zeit bedroht. Die Zeichner, die jetzt getötet wurden, sind hochgeschätzt. Immer, wenn das Magazin wieder einmal attackiert wurde, sei es durch den Brandanschlag oder durch Klagen vor Gericht, ist eine breite Solidaritätsbewegung entstanden, die Unterstützer forderten Presse- und Meinungsfreiheit.

Also haben die Täter nicht ein Paradiesvogel-Magazin angegriffen, sondern ein wichtiges französisches Medium?

Ja, die Zeitschrift bestimmt in Frankreich den politischen Diskurs mit, vor allem über die spezielle Form der treffsicheren Karikaturen.

Wie ist im Moment die politische Stimmung in Frankreich?

Die Regierung von François Hollande und seiner Sozialistischen Partei ist geschwächt, die Umfragewerte sind sehr niedrig. Seit den letzten Europawahlen ist die Kluft zwischen traditionellen Parteien im linken und rechten Spektrum viel größer als früher, dazu kommen neue Parteien, die jeweils noch am Rande dieser zwei Lager entstanden sind. Die Pole sind stärker geworden – sowohl die gemäßigten Mitte-Rechts-Parteien als auch die Mitte-Links-Parteien schaffen es nicht, die Lücke zwischen den Extremen zu schließen und sie in ihre Politik einzubeziehen.

Werden es die Rechtspopulisten in Frankreich nach dem Anschlag noch leichter haben?

Das ist heute sehr schwer zu sagen, dazu muss man noch mehr über die Hintergründe wissen. Aber ich glaube nicht, dass gewisse Parteien die Tat instrumentalisieren könnten. Im Moment herrscht größte Betrübnis und der Schock, dass Menschen getroffen wurden, die Mut bewiesen haben und sich für ihr Land eingesetzt haben. Und es herrscht auch Respekt für die Journalisten, die noch in der Neujahrsausgabe sagten, ihnen sei es lieber, aufrecht zu sterben, als auf Knien leben zu müssen. Dass sie sich von nichts unterkriegen lassen. Das ist natürlich sehr hart.

Interview: Carina Lechner

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