Proteste

Kein Tag ohne Streik in Frankreich: Die Gewerkschaften mobilisieren weiter

Der Rentenkonflikt in Frankreich setzt vor allem der Hauptstadt Paris und ihren Bewohnern zu. Hart getroffen sind das Weihnachtsgeschäft und die Tourismusbranche.

  • Streiks in Frankreich dauern unvermindert an
  • Ökonomische Konsequenzen des Streiks sind schwer festzumachen
  • Zugverkehr bleibt auch über die Festtage stark behindert

Die Galeries Lafayette haben sich eine märchenhafte Szenerie einfallen lassen: Bienen, Engel und sogar ein riesiger Weihnachtsbaum schweben unter der glitzernden Glaskuppel. Nur die Kunden fehlen. Wegen des Metro- und Bahnstreiks und der entsprechend verstopften Straßen bleiben sie lieber zu Hause und kaufen ihre Geschenke über Internet.

Das Pariser Kaufhaus büßte schon am ersten Streiktag vor gut zwei Wochen die Hälfte seines üblichen Umsatzes ein. Seither läuft das Tagesgeschäft kaum besser. Laut der Pariser Handelskammer CCI erleidet der Einzelhandel in der französischen Hauptstadt einen Einbruch um 30 Prozent – und das ausgerechnet im wichtigsten Geschäftsmonat Dezember. CCI-Vorsteher Dominique Restino befürchtet einen nicht wiedergutzumachenden Schaden: „Wenn die Leute online einkaufen, profitieren letztlich meist andere Anbieter.“

Streiks in Frankreich dürften sich über Weihnachten hinziehen 

Die französische Regierung hat angekündigt, dass die Pariser Gewerbetreibenden ihre Steuern und Abgaben erst im neuen Jahr entrichten müssen. Die Stadt Paris greift ihnen mit 2,5 Millionen Euro unter die Arme. Diese Soforthilfe geht auch an Restaurants und Bistros, die vor einem Jahr schon unter der Gelbwestenkrise gelitten hatten.

Die Pariser Hotels verzeichnen laut Handelsministerin Agnès Pannier-Runacher massive Annullierungen in der Größenordnung von 30 bis 50 Prozent. Betroffen waren bisher vor allem die im Dezember besonders zahlreichen Messen und Kongresse. Für die eigentlichen Festtage sehen die Reiseveranstalter schwarz, da sich immer klarer zeigt, dass sich der Streik über die Festtage hinziehen dürfte.

Genaue Zahlen gibt es noch nicht. Der Imageschaden für den Tourismusmagnet Paris ist aber jetzt schon erheblich. Die TV-Bilder verstopfter Straßen und überfüllter Metrowagen lassen zwar oft außer acht, dass der Flugverkehr kaum gestört ist, allerdings erreichen die an den Flughäfen Roissy und Orly Ankommenden ihre Bleibe oft nur mit Mühe.

Die besseren Hotels tun ihr Möglichstes, um ihren Gästen zu helfen. Aber auch sie wissen oft nicht, ob die Museen, Konzertsäle oder Theater geöffnet haben oder nicht. Der Louvre und das Musée d’Orsay passen die Zahl der geöffneten Abteilungen täglich an das zur Verfügung stehende Personal an. Die Pariser Oper – deren Tänzerinnen für ihre Spezialrenten streiken – gibt auch erst am gleichen Tag bekannt, ob die abendliche Vorführung stattfindet. Wenn ja, geht diese meist vor halbleeren Rängen über die Bühne.

Streiks in Frankreich: In Paris wird der Eiffelturm bestreikt

Hart getroffen sind sowohl Kleintheater wie auch Großparks wie Disneyland Paris, die mit öffentlichen oder privaten Transportmitteln oft nicht mehr zu erreichen sind; im Stadtzentrum werden einzelne Sehenswürdigkeiten wie der Eiffelturm tageweise bestreikt.

Die Pariser Presse berichtet staunend, wie gut sich ausländische Touristen anpassen und mit ihren Handy-Apps durchschlagen. Wer sich mit Reisenden unterhält, hört Berichte über lange Fußmärsche und die Entdeckung unbekannter Viertel und Aspekte der Seine-Stadt. Die Polizei warnt allerdings vor einer starken Zunahme von Taschendieben in der überfüllten Metro* sowie vor übertriebenen Fahrtarifen der Uber-Chauffeure.

Die ökonomischen Konsequenzen des Streiks für die Gesamtwirtschaft sind schwer festzumachen. Größere Nachschubprobleme sind bisher ausgeblieben. Blockaden von Treibstofflagern werden von der Polizei systematisch aufgehoben. In den Bahndepots stapeln sich allerdings die Frachtgüter. Finanzminister Bruno Le Maire versichert, die französische Wirtschaft bleibe „robust“. Das ist vorab eine politische Aussage, die die Reformdynamik der Regierung unterstreichen soll. Die Banque de France hat ihre Wachstumsprognose für 2020 soeben von 1,3 auf 1,1 Prozent gesenkt, führt das aber nicht auf die Streiks gegen die Rentenreform von Präsident Emmanuel Macron zurück, sondern auf den Handelskonflikt USA-China.

Streiks in Frankreich: Die Gewerkschaften mobilisieren weiter

Der französische Staatschef kündigte nun an, er werde auf seine Pension in der Höhe von 6220 Euro im Monat verzichten. Dieser Betrag steht jedem ehemaligen Präsidenten Frankreichs zu. Macron will aber nicht nur persönlich verzichten, sondern das zu Grunde liegende Gesetz von 1955 generell aufheben.

Macron forderte die Streikenden zudem auf, während der Festtage eine „Waffenruhe“ einzuhalten. Doch die Gewerkschaften mobilisieren weiter. Zu den streikenden Verbänden CGT, FO und SUD gesellten sich am Freitag auch die Eisenbahner der gemäßigten CFDT. Der Zugverkehr bleibt damit in Frankreich auch über die Festtage stark behindert. Betroffen sind auch zahlreiche Verbindungen von und nach Deutschland.

Von Stefan Brändle

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

Rubriklistenbild: © dpa

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