Kabinettssitzung in Frankreich 23.09.2020
+
Frankreichs Regierungssprecher Gabriel Attal hatte den Bericht direkt zurückgewiesen (Archiv).

Mit versteckter Kamera

Minister bei illegalen Corona-Festessen? TV-Bericht empört Frankreich - Informant spricht nun von Scherz

  • vonDana Popp
    schließen

Ein TV-Sender in Frankreich hat über illegale Restaurant-Besuche berichtet - angeblich waren auch Minister:innen involviert. Diese Behauptung wird jedoch zurückgezogen.

Paris - Eine Reportage über illegale Restaurant-Besuche unter Missachtung der Corona-Maßnahmen, an denen angeblich auch französische Minister:innen teilnahmen, hat am Wochenende in Frankreich für Aufruhr gesorgt. Der private Fernsehsender M6 hatte am Freitagabend eine mit versteckter Kamera aufgenommene Reportage ausgestrahlt. Gefilmt wurde offenbar in einem schicken Pariser Viertel in einem „Untergrund-Restaurant“, in dem weder die Angestellten noch die Gäste Masken trugen und die Abstandsregeln einhielten. Auch Bilder von einer Abendveranstaltung mit Dutzenden Teilnehmer:innen, von denen sich manche mit Küsschen begrüßten, wurden gezeigt.

Nachdem die Behörden am Sonntag wegen des Berichts des Senders Ermittlungen in Auftrag gegeben hatten, zog die bis dahin anonyme Quelle ihre Behauptung, bei den Abendessen seien auch Minister:innen gewesen, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP zurück. Als Quelle gab sich am Sonntagabend Pierre-Jean Chalençon zu erkennen. Er ließ über seinen Anwalt mitteilen, es habe sich um einen Spaß gehandelt. Chalençon ist Napoleon-Experte und Besitzer des Palais Vivienne, eines Veranstaltungsorts im Zentrum der französischen Hauptstadt Paris. In dem TV-Bericht hatte er als einer der Organisatoren anonym über die Abende berichtet.

Frankreichs Wirtschaftsminister: „Alle Minister, ohne Ausnahme, beachten die Regeln“

Wegen der Corona-Krise sind die Restaurants und Bars in Frankreich bereits seit Ende Oktober geschlossen. Am Samstag trat bereits zum dritten Mal ein landesweiter Lockdown in Kraft. Die Intensivstationen in Frankreich sind überlastet. In dem TV-Beitrag sagt Chalençon, der nicht gezeigt und nur als „Sammler“ bezeichnet wird: „Ich habe diese Woche in zwei oder drei Restaurants, die als Untergrund-Restaurants bezeichnet werden, mit einer gewissen Anzahl an Minister:innen zu Abend gegessen.“

Darüber müsse er lachen. „Wir sind eine Demokratie. Man macht, was man will“. Er habe „humorvoll“ sein wollen, kommentierte er dies am Sonntagabend in der Erklärung seines Anwalts. Staatsanwalt Rémy Heitz hatte am Sonntag erklärt, die Polizei solle prüfen, „ob Abende unter Missachtung der Gesundheitsregeln organisiert“ worden seien. Auch die „eventuellen Organisatoren und Teilnehmer:innen“ sollten ermittelt werden. Außer um den Vorwurf der Gefährdung anderer gehe es in den Ermittlungen auch um mutmaßliche Schwarzarbeit.

Regierungssprecher Gabriel Attal hatte den Bericht direkt zurückgewiesen. „Ich glaube daran keine Sekunde“, sagte er. Die Regierungsmitglieder hätten die Pflicht, „vollkommen untadelig und vorbildlich“ zu sein. „Alle Minister, ohne Ausnahme, beachten die Regeln“, versicherte auch Wirtschaftsminister Bruno Le Maire. Innenminister Gerald Darmain betonte, die Regeln seien „für alle gleich“. Menschen in reichen Wohngegenden dürften keine Vorzugsbehandlung bekommen. „Es gibt keine zwei Arten von Bürger:innen mit denen, die Party machen dürfen, und denen, die nicht das Recht haben.“

Empörung bei Twitter: Bevölkerung Frankreichs fordert die Namen der Beteiligten

Die Innen-Staatssekretärin Marlène Schiappa hatte erklärt, wenn Minister:innen oder Abgeordnete an solchen heimlichen Abendessen teilgenommen hätten, müssten sie „genauso bestraft werden wie jeder andere Bürger“. Auf die Forderung eines Twitter-Users, Minister:innen müssten bei solchen Regelverletzungen „ruckzuck“ ihren Posten räumen, entgegnete Schiappa in dem Onlinedienst: „Das versteht sich von selbst. Mit einer Strafe.“ Über den Enthüllungsbericht wurde am Sonntag ausgiebig auf Twitter diskutiert. Dabei wurde unter dem Schlagwort #Onveutlesnoms (Wir wollen die Namen) gefordert, die mutmaßlichen Beteiligten zur Verantwortung zu ziehen. (dp/AFP)

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare