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Deftige Kritik: SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher wirft der CSU beim Strauß-Gedenken Geschichtsklitterung und „Heldenverehrung sowjetischer Prägung“ vor. 

Gedenken an Franz Josef Strauss

SPD schlägt Einladung aus: „Die CSU betreibt Propaganda“

München - Am Freitag gibt Ministerpräsident Horst Seehofer einen Staatsempfang zu Ehren Franz Josef Strauß’ anlässlich seines 100. Geburtstages. Die Einladung hat SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher ausgeschlagen. Im Interview erklärt er, warum er den verstorbenen Regierungschef nicht feiern will.

Herr Rinderspacher, warum boykottieren Sie das Strauß-Gedenken?

Es gehört zur selbstverständlichen politischen Kultur, dass man sich gegenseitig Respekt zollt. Deshalb habe ich die Einladungen zu den 70. Geburtstagen von Edmund Stoiber und Barbara Stamm gerne angenommen. Aber die gegenwärtigen Strauß-Festspiele dienen nur der CSU-Geschichtsklitterung. Strauß wird völlig unangemessen monumentalisiert. Daran muss man sich nicht als Claqueur beteiligen.

Visionär, wortgewaltiger Polterer, gerissener Selbstvermarkter – die Strauß-Bilder sind vielfältig. Was war er für Sie?

Er war hochintelligent, hellwach, belesen, ein brillanter Rhetoriker und Debattenredner. Aber er war auch ein skandalumwitterter, affärengeschüttelter Politiker. Seine Bilanz ist mit fragwürdigen Rüstungsgeschäften, Vetternwirtschaft, Schmiergeldzahlungen und mit der Spiegel-Affäre verbunden. Er hatte zwielichtige Kontakte zu antidemokratischen Machthabern. Die Lebenszeit der DDR hat er mit dem von ihm eingefädelten Milliardenkredit verlängert.

Strauß hat auch Verdienste. Er hat Airbus gegründet, Industrie gefördert. Er habe Bayern vom Agrar- zum Industrieland gemacht, rühmt die CSU.

Die Weichenstellungen vom Agrarland zu einem Industrieland moderner Prägung hatten bereits Ministerpräsident Wilhelm Hoegner von der SPD und sein parteiloser Handelsminister Ludwig Erhard vorgenommen. Verdiente CSU-Größen wie Alfons Goppel und Theo Waigel werden in ihrer Partei kaum gewürdigt. Wenn wir noch weiter zurückgehen: Auch der Freistaat Bayern wurde 1918 vom Sozialdemokraten Kurt Eisner ausgerufen.

Sie sprechen Strauß jegliche Leistung ab?

Nein, aber politisch war Strauß nur eine Episode in der Geschichte des Freistaats. Er war Lobbyist für eine exzessive Atomwirtschaft und hat an ihr festgehalten, als schon absehbar war, dass man besser auf erneuerbare Energien setzt. Man könnte es als politische Leistung würdigen, dass er eine moderne Verteidigungsindustrie mit zehntausenden Arbeitsplätzen nach Bayern gebracht hat. Wären da nicht laut Medien die hohen Schmiergeldzahlungen deswegen.

Rechtlich kann man ihm wohl nichts vorwerfen. Damals waren eben andere Zeiten, heißt es oft in der CSU.

Sicher ist jede historische Person auch vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Zeit zu beurteilen. Aber das entbindet uns nicht von der Pflicht, die Gesamtschau heute differenziert vorzunehmen.

Anhänger rühmen auch seine volksnahe Sprache, seinen Sinn für die Sorgen der Bürger.

Ich kann aus historischer Perspektive keinen Bürgerking mit großer Volksnähe erkennen. Bei der Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf lehnte er jahrelang jede Form der Bürgerbeteiligung ab. Kritische Nachfragen ließ er mit Wasserwerfern und Polizeiknüppeln beantworten. Die Strauß’sche Hinterlassenschaft in der Atompolitik müssen nachfolgende Generationen nun in Milliardenhöhe bezahlen.

Trotz aller Kritik: Ist es nicht selbstverständlich, einen ehemaligen Ministerpräsidenten zu seinem 100. Geburtstag zu ehren?

Gedenken ja, Heldenverehrung sowjetischer Prägung nein! Ich denke, das sieht auch der überwiegende Teil der rund 2,5 Millionen CSU-Wähler bei der letzten Landtagswahl so, von den anderen knapp zehn Millionen Bürgern, die heute im Freistaat leben, ganz zu schweigen.

Wenn die Bürger tatsächlich so denken, wie Sie behaupten, warum sollte ihn die CSU dann derart feiern?

Die CSU betreibt geschichtsvergessene Heldenverehrung zu parteipolitischen Propagandazwecken. Wenn die Partei heute vorgibt, Strauß sei ihre DNA, dann wundert mich nichts mehr. Seine Gene schlagen sich in den Filzaffären Haderthauer und Schottdorf nieder. Auch in der Verwandtenaffäre des Kabinetts und im Gebaren eines Landrats, der öffentliches Eigentum für private Zwecke nach Gutsherrenart missbraucht hat. Strauß ist aus heutiger Perspektive eindeutig kein politisches Vorbild.

Das Interview führte Til Huber.

Münchner Merkur und tz haben zum 100. Geburtstag von Franz Josef Strauß eine Sonderbeilage herausgegeben. Diese können Sie hier für 1,99 Euro als E-Book herunterladen.

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