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Franz Josef Strauß war von 1978 bis zu seinem Tod bayerischer Ministerpräsident.

Zum 25. Todestag von Franz Josef Strauß

Als Bayern Trauer trug

Regensburg – Vor 25 Jahren starb Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß, nachdem er zwei Tage zuvor bei einem Jagdausflug zusammengebrochen war. Sein Tod traf das Land völlig unerwartet.

Für den 1. Oktober 1988, einem Samstag, stehen nur drei Termine an. Am Morgen trifft sich Franz Josef Strauß mit Verteidigungsminister Rupert Scholz (CDU) in seinem Münchner Privathaus. Anschließend gehen beide auf die Wiesn. Hendl und Kalbshaxe habe Strauß gegessen, wird später erzählt. Dazu eine oder zwei Mass Bier getrunken.

Es ist kühl und regnerisch, als Strauß am Nachmittag in den Polizeihubschrauber steigt, der ihn zum Jagdschloss Aschenbrennermarter bei Regensburg bringt. Johannes Fürst von Thurn und Taxis hat zur Hirschjagd geladen. Strauß zieht sich um, der Haushofmeister reicht ihm das Gewehr. Doch als der Jagdwagen gegen 15.30 Uhr ins Revier starten will, sagt der Ministerpräsident plötzlich zum Fahrer: „Halt, der Flug war ein bisschen anstrengend. Warten sie noch.“ Mit diesem Satz sackt der 73-Jährige leblos auf dem Autositz zusammen. Er wird auf den Rasen gelegt. Helfer versuchen ihn wiederzubeleben.

Der kurz darauf eintreffende Notarzt, Dr. Rainer Tichy, ein Anästhesist, findet den bewusstlosen Strauß „halb an eigenem Erbrochenen erstickt“ vor, wie er später berichtet. Tichy übernimmt die Notversorgung und beatmet den Patienten. Strauß wird in das Regensburger Krankenhaus der Barmherzigen Brüder geflogen.

Später wird der Leibarzt des Ministerpräsidenten, Valentin Argirov, über Strauß’ Verfassung vor dem Kollaps sagen: „Er war selten in einem so guten Zustand.“

Es gab Warnzeichen

Gleichwohl gab es Warnzeichen: Strauß litt unter Übergewicht, Kurzatmigkeit, Diabetes, er geriet schnell ins Schwitzen. Und er mied Ärzte. Seine Tochter, Monika Hohlmeier, erinnert sich an „mehrere Schwächephasen“ in den letzten Sommerferien. Und dann war da noch dieser Zwischenfall im Flugzeug am 26. September – vier Tage vor dem Kollaps. Beim Rückflug von einem Besuch in Bulgarien – Hobbypilot Strauß war wie so oft selbst am Steuer – kam es in 11 000 Meter Höhe zu einem Druckabfall. Erst nach einem Sturzflug bis auf 3000 Meter Flughöhe soll Strauß es geschafft haben, eine Sauerstoffmaske aufzusetzen und die Cessna abzufangen.

In der Regensburger Klinik beginnt indes das Rätseln um die Diagnose. Ein akuter Herzinfarkt wird ausgeschlossen. Doch bei der Wiederbelebung waren mehrere Rippen gebrochen worden und hatten die Lunge verletzt. Zudem hatte Strauß beim Erbrechen größere Speisereste eingeatmet. Auch ein Magen- oder Darmdurchbruch wird befürchtet. Die Ärzte entschließen sich zur Operation. Der Befund ist negativ.

Offiziell heißt es, Strauß habe eine „leichte Kreislaufschwäche“ erlitten. Doch die Nervosität nimmt zu. Aus München eilen Spezialisten sowie die schwangere Monika Hohlmeier, Innen-Staatssekretär Peter Gauweiler, Wirtschaftsminister Gerold Tandler und Staatskanzleichef Edmund Stoiber zur Intensivstation. Die Söhne Max und Franz Georg sind im Ausland unterwegs – und nicht erreichbar. Es ist noch Vor-Handy- Zeit.

Am Sonntag, 2. Oktober, 14 Uhr, vermeldet ein Bulletin: „Der Zustand des Herrn Ministerpräsidenten hat sich in der Zwischenzeit verschlechtert.“ Er sei so ernst, dass eine Verlegung in eine Uniklinik zwar „wünschenswert, aber nach wie vor nicht möglich“ sei. Am Abend ist bereits von einem „Organversagen“ mit Schwerpunkt Lunge die Rede. Auch die Nieren seien betroffen.

Nachrichten versetzen Bayern in Schockstarre 

„Die Nachrichten aus Regensburg versetzten Bayern in Schockstarre“, schreibt Edmund Stoiber in seinem Buch „Weil die Welt sich ändert“. Er war damals als Staatskanzleiminister die rechte Hand von Strauß. „Der Zusammenbruch traf das Land völlig unerwartet.“ Auch ihn selbst: „Noch am Tag davor waren wir zusammen in der Staatskanzlei, er war so vital, kraftvoll und voller Lebensfreude. Ich konnte es nicht fassen, als ich vom Lagezentrum die schlimme Nachricht bekam.“

Von überall treffen Genesungswünsche ein. Aus Südafrika telegrafiert Präsident Pieter Botha, den Strauß neun Monate zuvor besucht hatte.

Am Montag, 3. Oktober, fällt die Herzfrequenz des Patienten plötzlich rapide ab. Um 11.45 Uhr verstirbt Strauß. Als Todesursache wird „Herz-Kreislauf-Versagen“ angegeben. Tochter Monika war bis zuletzt bei ihm.

Auch wenn viele insgeheim mit der schlimmen Nachricht gerechnet hatten – in Bayern löst die Kunde Bestürzung und tiefe Trauer aus, viele Menschen weinen. „Der Vater des modernen Bayern war nicht mehr unter uns“, fasst Stoiber die Gefühlslage dieser Tage zusammen.

Politiker aus aller Welt verneigen sich vor dem Toten. US-Präsident Ronald Reagan schreibt: „Seine durch Höhen und Tiefen geprägte politische Laufbahn kann der deutschen Jugend als beispielhaft gelten.“ Der Historiker Golo Mann lobt „den reich gebildeten und unabhängigen Denker, den guten Europäer“.

In München wird der mit weißen Chrysanthemen und Rosen geschmückte Sarg im Prinz-Carl-Palais aufgebahrt, damit die Bevölkerung Abschied nehmen kann. Zehntausende stehen in langen Schlangen an, um am Sarg vorbeizudefilieren.

Vor 25 Jahren: Trauer um Franz Josef Strauß

Vor 25 Jahren: Bayern weint um Franz Josef Strauß

Die Trauerfeier am 7. Oktober gleicht der Bestattung eines Königs. 70 Staats- und Regierungschefs sind nach München gekommen, darunter Yao Yilin, Chinas Vize-Ministerpräsident, Turgut Özal, der türkische Ministerpräsident, und Pieter Botha, Präsident von Südafrika. Letzterer erscheint zunächst unerkannt mit hochgeschlagenem Kragen. Auch fast alle regierenden kommunistischen Parteien schicken Abgesandte.

Beim Staatsakt im Herkulessaal sagt Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Strauß habe Politik als geschichtliche Aufgabe begriffen. „Er wirkte unter uns mit der Kraft eines Naturereignisses.“ Bundeskanzler Helmut Kohl spricht von einem „Urgestein, oft hart und schroff, an dem man sich reiben konnte und musste“.

Im überfüllten Liebfrauendom dankt Friedrich Kardinal Wetter dem Landesvater mit einem „Vergelt‘s Gott“. Strauß habe sein Knie vor Gott gebeugt, aber nur vor ihm, sagt der Erzbischof. Die Kirche ist von Menschen umringt, das Pontifikalrequiem wird auch auf den Marienplatz übertragen.

Sechs Pferde ziehen die Lafette mit dem Sarg über die von Trauernden dicht gesäumte Ludwigstraße zum Siegestor. Ein letzter Trommelwirbel. Dann wird der Verstorbene ins Familiengrab nach Rott am Inn überführt. Neben seiner 1984 bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Ehefrau Marianne Strauß findet er seine letzte Ruhe.

Die Eucharistie-Feier in der 3000-Einwohner-Gemeinde Rott hält der römische Kurienkardinal Joseph Ratzinger – der spätere Papst Benedikt XVI. Er findet für seinen verstorbenen Freund eine schöne Metapher: „Wie eine Eiche ist er vor uns gestanden, kraftvoll, lebendig, unverwüstlich – so schien es. Und wie eine Eiche ist er gefällt worden.“

Monika Reuter

 

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