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Wieviel Strauß steckt wirklich noch in der CSU?

Zum 100. Geburtstag

Wie viel Strauß steckt noch in der CSU?

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München - Die CSU huldigt Strauß: Büsten, Feste, einer der Minister hängte sich sogar ein Plakat übers Bett. Kritik am Übervater ist in der Partei im Jubiläumsjahr noch verbotener als sonst eh schon. Nur: Wie viel Strauß steckt wirklich noch in der CSU?

Wenn sich Horst Seehofer umdreht, lauert dort der Alte. Ernst und massiv, nur nicht so stiernackig wie in echt. „Keiner ist so wie er“, sagt Seehofer, fährt den linken Zeigefinger aus und deutet auf Strauß’ Nase. „Anerkennung und Respekt wäre zu wenig. Ich habe ein Verhältnis der Verehrung zu ihm.“ Seehofer tätschelt den Kopf aus kühlem Metall. Kein Staubkorn ist drauf, scheint er also öfter zu machen.

Die Büste ruht auf dem Regal hinter dem Schreibtisch des Ministerpräsidenten im vierten Stock der Staatskanzlei. Nicht gerade die Asservatenkammer im Keller, sondern die Schaltzentrale der bayerischen Politik. Eine kleine Statue der Patrona Bavariae steht noch da, ein Foto vom bayerischen Papst, nicht viel mehr. „Hier ist kein Sammelsurium. Hier steht das Wichtigste“, sagt Seehofer. Er hat bewusst zu seinem Amtsantritt 2008 entschieden, dass er Strauß jeden Tag in seinem Nacken haben will.

Das ist gut zu wissen, denn in der CSU hat im 100. Geburtsjahr des Ex-Chefs eine immense, in Teilen etwas bizarre Strauß-Verehrung eingesetzt. Die eingefleischten Straußianer von den Jubelpersern zu unterscheiden, fällt gar nicht so leicht. Seehofer dürfte einer der härteren sein. Mit seiner Entscheidung, Strauß ins Büro zu holen, beendete er ja die Verbannung der Büste unter Vorgänger Günther Beckstein – der hatte Strauß entfernen lassen, weil ihm als demütigen Protestanten der Personenkult nicht geheuer war.

Der erste Franz Josef in der heutigen CSU wäre also gefunden. Er ist mehr als ein dekoratives Element, so schildert das jedenfalls Seehofer. „Es hat die eine oder andere schwere Entscheidung gegeben, wo man alleine im Büro sitzt, wenn die Überbringer schlechter Nachrichten wieder gegangen sind, draußen Nieselregen herrscht und die Stimmung trübselig ist. In solchen Situationen frage ich mich: Was hätte Strauß jetzt gemacht?“

Seehofer nennt drei Fälle, wo er sich zur Büste umdrehte und um Rat bat. „Das war so, als in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 der damalige Finanzminister Georg Fahrenschon zu mir kam: Die Landesbank ist pleite. Als der damalige BMW-Chef Norbert Reithofer kam: Wir verkaufen keine Autos mehr in Amerika. Als Landtagspräsidentin Barbara Stamm mitten im Wahlkampf 2013 kam mit der Verwandten-Affäre in einer Konstellation, die zum Ende der CSU hätte führen können. Die Antwort, die ich von Strauß gelernt habe, ist dann immer: kühlen Kopf bewahren, das Problem sezieren, entscheiden. Und den Stier bei den Hörnern packen.“

Tatsächlich ist das ein Stück Strauß, das sich in Seehofer fortsetzt: FJS galt jenseits seiner Polterei als schneller, kühler Analytiker, der strategisch dachte und gern in Winkelzügen, die sich den Begleitern nicht erschlossen. „Vom Ende her denken“, nennt das Seehofer gern, sein Spott über die ihn umgebenden „Kleinstrategen“ – vor allem die Presse – hätte auch von Strauß stammen können. Der pflegte von „Pygmäen“ zu reden.

In Stilfragen ähneln sich beide, vor allem in der gut inszenierten Nähe zur Leberkäs-Etage. Strauß ließ sich mal persönlich zur Lkw-Blockade am Brenner fahren. Seehofer hat sich angewöhnt, gegen den Rat seiner Personenschützer auf Demonstranten gegen seine Politik zuzugehen und mit ihnen freundlich zu reden. „Ihr“, sagt er, das Plural-Du. Sie ändern selten deshalb ihre Meinung, finden ihn aber hernach ein bisschen weniger schlimm.

Auch inhaltlich ist vom Erbe des Alten bei näherem Hinsehen noch einiges übrig. Es gibt Parallelen: Den bis dato letzten ausgeglichenen Bundeshaushalt legte Strauß 1969 vor, für seine Nachfolger in Bayern ist das seit 2006 eine Art heiliges Gesetz. Sein Mantra, bei jedem politischen Handeln der CSU müsse Bayern im Mittelpunkt stehen, ist auch geblieben. Gerade erinnern sie sich auch in der Asyl-Debatte wieder an das eherne Gebot, rechts von der CSU dürfe nur noch die Wand sein, jedenfalls keine demokratische Partei mehr.

„Es gibt ein paar ewige Wahrheiten, die auf ihn zurückgehen“, sagt Markus Blume, der junge Münchner Abgeordnete, der gerade das neue Grundsatzprogramm der CSU schreibt. Nach vorne schauen, immer, ist eine davon. Im O-Ton: „Konservativ sein, heißt, an der Spitze des Fortschritts zu stehen.“ Dass die CSU den Blick aufs Moderne richten müsse, aber nicht auf den Zeitgeist, ist eine zweite. Blume sieht außerdem das Bekenntnis zu Europa als ewige Lehre. In den Worten des Alten: „Bayern ist unsere Heimat, Deutschland unser Vaterland, Europa unsere Zukunft.“ Die Frage sei halt nun, ergänzt Blume: Ja zu welchem Europa? „Den Strauß musst Du auch ins Heute übersetzen.“

In der CSU tun sie das sehr gerne, allerdings mit beliebigen Resultaten in wechselnder Qualität. Als die CSU die Wehrpflicht preisgab (von FJS eingeführt), wurde in der Debatte argumentiert, Strauß heute hätte genauso gehandelt – ein anderer Teil beteuerte, Strauß würde im Grabe rotieren. Das „Strauß hätte“, und „Strauß würde“ ist in der Partei ein Totschlagargument, weil eh keiner das Gegenteil beweisen kann.

Manchmal kommt Strauß auch gerade recht, wenn man ihn braucht. Den FJS-Ruf nach „Fortschritt mit menschlichem Maß und mit Ehrfurcht vor der Schöpfung“ zogen sie in der CSU wieder hervor, als Seehofer die Donau-Staustufen stoppte, für die seine Partei jahrzehntelang gekämpft hatten. Ob sich das bei der dritten Startbahn wiederholt, ist ungewiss.

Anderes von Strauß ist erodiert. Die aktive Wirtschaftspolitik, mit der er die Luft- und Raumfahrtindustrie in Bayern hochzog, gibt’s nur noch ab und zu. Edmund Stoibers Privatisierungsoffensiven spielten vielleicht noch in der Liga. Auch der Anspruch, Weltpolitik zu betreiben, ist blasser. Seehofer reist, weil er muss, blamiert sich auch meist nicht, einmal gelang ihm mit der Tschechien-Annäherung sogar ein Meisterstück – viel zu sagen hat die CSU in der Außenpolitik aber heute nicht mehr. Sie ist mit der Pkw-Maut beschäftigt, vielleicht auch damit schon überfordert.

Seehofer selbst sagt, dass sich die Zeiten und die Ansprüche geändert haben. Strauß habe sich nie „im Klein-Klein verloren. Diese Pipifax-Diskussionen, die wir heute manchmal haben, gab es damals nicht. Es hätte sich nie einer getraut, den Strauß mit Absatz vier eines Paragrafen zu beschäftigen.“

In der CSU holen sie jetzt also Luft zum großen Gejubel, weit über das jährliche CSU-Pilger-Ritual zur Familiengruft in Rott am Inn hinaus. Festakte, Symposien, Lobreden, die neue Parteizentrale im Münchner Norden wird zum „FJS-Haus“ geweiht. Manche übertreiben’s auch: Finanzminister Markus Söder verbreitete im Internet ein Bild aus seinem Jugendzimmer – der sehr junge Söder mit Schmalzhaar, Krawatte und hochgerecktem Daumen vor einem Strauß-Poster. „Hing über meinem Bett in der Jugendzeit. Was hing bei euch?“ Er erntete kübelweise Spott. „Muss eine harte Kindheit gewesen sein“, kommentierten Nutzer auf Facebook. Tagelang montierten Witzbolde andere Poster als das von Strauß ins Söder-Foto, eine lächelnde Ilse Aigner zum Beispiel, mit dem Hinweis „Ministerpräsidentin 2018“.

Seehofer spöttelt, ohne Söder zu nennen, es gebe halt „viele, die sich auf Strauß berufen. Ich habe ihn seit meiner Jugend erlebt.“ Er habe „diese Urgewalt“ selbst beobachtet in den Parteigremien, in Koalitionsverhandlungen. Dazu kann man sich denken: Und nicht im Kinderzimmer. Ernsthafte Probleme mit Seehofer gibt es aber erst, wenn einer Kritik am Alten zu üben gedenkt. Das ist in der CSU verboten. Der damaligen Ministerin Christine Haderthauer rutschte 2009 in einem Lokalradio flapsig raus, Strauß sei ja „superinteressant“, aber doch kein Vorbild – sie wurde deshalb beinahe vom wütenden Seehofer entlassen. Er ließ verlauten, sie stehe nun unter Bewährung.

Dabei raunen sie in der Partei halblaut, der Strauß von damals würde mit seinen Schimpfkanonaden (Landtagsabgeordnete nannte er mal „fett und faul“) und seinem Amigo-Filz heute kein Jahr politisch überleben. Spezlwirtschaft mit dem Bäderkönig Zwick, hinterzogene Steuern bei guten Freunden, ein Tipp vor dem drohenden Haftbefehl, seltsame Rüstungsgeschäfte, schmutzige Lobbyisten, Alkoholexzesse – heute, wo die Macht durch die Medien viel genauer kontrolliert wird, würde so etwas eine Partei zerreißen. Damit brach die CSU schon unter Stoiber, der das Kabinett entfilzte, drakonische Nebentätigkeitsverbote erließ und sich nur noch an Mineralwasser berauschte.

Herausgekommen ist keine skandalfreie Partei – siehe Verwandtenaffäre. Strauß’ Nachfolger allerdings gehen gegen Abkassierer schärfer vor. Einer wie der „Schüttel-Schorsch“ Georg Schmid, der sich im Landtag locker zwei, drei Gehälter einschob, wäre von Strauß wohl noch als „A Hund is a scho“ geadelt worden. Seehofer ließ ihn politisch vernichten.

In einem Punkt ist der neue CSU-Chef sogar ein Anti-Strauß: Ihm ist Geld persönlich schnurzegal. Kein Luxus, keine Lustreisen, keine Hubschrauberflüge. Seehofers höchstes Freizeitglück ist, im Keller seines Ferienhauses im Altmühltal an seiner Modelleisenbahn zu basteln. Nein, man kann sich Strauß in diesem Keller nicht so recht vorstellen.

Münchner Merkur und tz haben zum 100. Geburtstag von Franz Josef Strauß eine Sonderbeilage herausgegeben. Diese können Sie hier für 1,99 Euro als E-Book herunterladen.

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