Eine junge Frau schaut aus dem Fenster eines Frauenhauses.
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Während der Corona-Pandemie hat sich die Situation in vielen Frauenhäusern weiter verschlechtert.

Recherche von BuzzFeed News und Correctiv zu häuslicher Gewalt

Frauenhäuser in Deutschland: Es fehlen Geld und Plätze

  • Katrin Langhans
    vonKatrin Langhans
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  • Juliane Löffler
    Juliane Löffler
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Frauen und Kinder sind in der Pandemie besonders bedroht, Gewalt zu erleben. Doch in Deutschland fehlen tausende Frauenhaus-Plätze. Es mangelt an Geld und die Mitarbeiterinnen sind überlastet. Eine bundesweite Recherche zeigt, was das für Betroffene bedeutet. 

  • Eine gemeinsame Recherche von Buzzfeed News Deutschland in Kooperation mit Correctiv.Lokal zeigt, dass Frauenhäuser von Gewalt betroffene Frauen oft abweisen müssen.
  • Dutzende Mitarbeiterinnen berichten in einer exklusiven Umfrage von prekären Zuständen.
  • Während der Corona-Pandemie hat sich die Lage weiter verschlechtert. Mehr als jede vierte Mitarbeiterin gibt an, dass im Vergleich zum Vorjahr mehr Frauen Schutz suchten.

Eine bundesweite Recherche von BuzzFeed News Deutschland* und Correctiv.Lokal zeigt, wie schwer es für Frauen ist, Schutz vor Gewalt zu finden. Das System ist brüchig: Es fehlen Plätze, es fehlt Geld und das Personal ist oft am Limit. Während der Corona-Pandemie hat sich die Situation weiter verschlechtert

.In ganz Deutschland gibt es rund 370 Frauenhäuser, in denen Frauen und Kinder unterkommen können, wenn sie psychische oder physische Gewalt erlebt haben. Nur Bremen und Berlin erfüllen aktuell die Empfehlungen des Europarats, alle anderen Länder bieten zu wenige Plätze an Besonders schlecht sieht es im Saarland, in Sachsen und Bayern aus. Misst man die Zahl der Plätze an der von Deutschland ratifizierten Istanbul-Konvention, fehlen bundesweit sogar rund 14.000 Plätze in Frauenhäusern.

Manche Mitarbeiterinnen mussten hunderte Frauen in Not abweisen

Correctiv.Lokal und BuzzFeed News haben eine Umfrage unter 92 Mitarbeiterinnen aus Frauenhäusern in ganz Deutschland ausgewertet. Einzelne Häuser mussten im vergangenen Jahr dutzende, manche sogar hunderte Frauen abweisen.

 „Das fühlt sich einfach furchtbar an, dass eine Frau darum betteln muss, in einem Frauenhaus aufgenommen zu werden“, sagt Anja Kröber, Mitarbeiterin des Autonomen Frauenhauses Oldenburg im Gespräch mit BuzzFeed News. Dort mussten im vergangenen Jahr fast fünfmal so viele Frauen und Kinder abgewiesen werden, wie aufgenommen werden konnten. Manche Frauen seien schon bei so vielen Häusern abgewiesen worden, dass sie anböten, auf dem Boden zu schlafen, sagt Kröber.

„Bei den Lockerungen nach dem Lockdown war die Einrichtung wochenlang überbelegt“, sagt auch Nurdan Kaya von der Zentralen Notaufnahme Hamburger Frauenhäuser. Frauen schliefen dann im Wohnzimmer oder auf Extrabetten.

 Auch die Mitarbeiterinnen sind überlastet. 98 Prozent der Befragten geben an, dass es bei ihnen an Personal fehle. Dass sie Frauen abweisen müssen, liegt nicht nur an fehlenden Plätzen und Ressourcen, sondern auch an finanziellen Problemen: Jede zehnte befragte Mitarbeiterin gab in der Umfrage an, dass sie schon einmal eine Frau ablehnen musste, weil das Geld für sie fehlte.

Die Finanzierung von Frauenhäusern gleicht einem Flickenteppich

Die Finanzierung von Frauenhäusern gleicht einem Flickenteppich. Mal ist der Aufenthalt kostenlos, so wie in Schleswig-Holstein, mal müssen die Frauen selber monatlich Geld für die Unterkunft und Betreuung zahlen. Im Monat kommen so schnell mehrere hundert Euro Kosten zusammen. Für manche Frauen übernimmt das Jobcenter die Kosten, doch andere fallen völlig aus dem System: Rentnerinnen, Auszubildenden oder Frauen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus.

Die Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser fordert feste Zusagen für regelmäßige Gelder. Jede Frau soll aufgenommen werden können, ohne Ausnahmen und Sonderregelungen. „Wir wollen eine bundesweit einheitliche Finanzierung, dass ein Teil vom Bund kommt, von der Kommune, vom Land. Das wir frei entscheiden können, wen nehmen wir auf”, sagt Britta Schlichting.

Corona hat die Situation weiter erschwert

Und noch ein weiteres Problem zeigt sich während der Pandemie noch deutlicher als zuvor: Frauen finden keinen bezahlbaren Wohnraum, wenn sie zurück in ein eigenständiges Leben wollen. Dadurch bleiben sie länger als nötig in den Frauenhäusern, was den Platzmangel noch verstärkt.

Der ohnehin prekäre Zustand in den Frauenhäusern hat sich durch die Corona-Krise noch verschärft. Mehr als jede vierte Mitarbeiterin gab in der Umfrage an, dass im Vergleich zum Vorjahr mehr Frauen Schutz bei ihnen suchten. Einige Mitarbeiterinnen berichten, dass die Gewalt gegen Frauen ingesamt zugenommen habe.

Gleichzeitig bekommen die Häuser in der Pandemie mehr Unterstützung: Einige Bundesländer haben Soforthilfen eingerichtet, Länder und Kommunen schießen Geld zu. Der Bund stellt ein Förderprogramm mit 120 Millionen zur Verfügung

Die Situation in den Frauenhäusern ist durch das Virus trotzdem schwieriger geworden. „Wir müssen die Frauen und Kinder schützen. Wir müssen verhindern, dass das Virus durch die Bewohnerinnen selbst, aber auch durch die Mitarbeiterinnen ins Haus geschleppt wird“, sagt Ortrud Glowatzki aus dem Frauen- und Kinderhaus Lüchow in Niedersachsen.*BuzzFeed News Deutschland ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

Eine ausführliche Version dieser Recherche finden Sie bei BuzzFeed News Deutschland.

Das Recherche-Team von BuzzFeed News erreichen Sie unter recherche@buzzfeed.de.

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Diese Recherche ist Teil einer Kooperation von BuzzFeed News mit CORRECTIV.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen gemeinsam mit Lokalredaktionen umsetzt. CORRECTIV.Lokal ist Teil des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV, das sich durch Spenden von Bürgern und Stiftungen finanziert. Alle Veröffentlichungen von allen Medien zum Thema: correctiv.org/haeusliche-gewalt

Weitere Infos zur Recherche: Für die Recherche hat Correctiv.Lokal 364 Frauenhäuser zur Beteiligung an einer Umfrage eingeladen. Die Ergebnisse beinhalten Antworten von 92 Frauenhaus-Mitarbeiter:innen aus 14 Bundesländern. Die Ergebnisse der Umfrage sind nicht repräsentativ und ohne wissenschaftliche Begleitung entstanden.

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