+
Die Frauenrechtsorganisation Terres des Femmes erinnert an das Problem der Zwangsverheiratungen junger muslimischer Frauen. Foto: Oliver Berg/Symbol

Situation hat sich nicht verbessert

Frauenrechtsorganisation warnt vor Zwangsehen in Sommerferien

Berlin - Die Sommerferien sind für die meisten jungen Menschen ein Grund zur Freude. Doch die Urlaubsreise kann auch zur Tragödie werden: Manche Familien nutzen den Heimaturlaub zur Zwangsverheiratung ihrer Kinder.

Das Problem von Zwangsverheiratungen junger muslimischer Frauen gewinnt laut Terre des Femmes mit Beginn der Sommerferien an besonderer Brisanz.

Nach Einschätzung der Frauenrechtsorganisation ist der Heimaturlaub für manche türkische oder arabische Familie Anlass, Töchter an vorher ausgesuchte Männer zu verheiraten. Eine Studie habe vor einiger Zeit die Zahl von 3443 Fällen im Jahr ergeben, bei denen es um drohende oder vollzogene Zwangsehen ging, sagte die Geschäftsführerin der Organisation, Christa Stolle, der Deutschen Presse-Agentur.

Eine nur auf Berlin bezogene Studie aus dem Jahr 2013, die Angaben von Beratungsstellen und der Polizei auswertete, registrierte 460 bekanntgewordene Fälle. Es gebe aber eine Dunkelziffer, deren Höhe schwer einzuschätzen sei, sagte Stolle.

Die Situation habe sich trotz erhöhter Sensibilisierung der Gesellschaft bisher nicht verbessert. Die stärkere Islamisierung in bestimmten Kreisen verschärfe das Problem noch, weil die ersten Opfer von Unterdrückung immer die Frauen seien.

Stolle sagte: "Die größte betroffene Altersgruppe sind die jungen Frauen zwischen 18 und 21 Jahren. Aber wir haben auch einen großen Anteil der 16- und 17-Jährigen, die hier noch zur Schule gehen. Die werden mitgenommen, verheiratet und dann im schlimmsten Fall dort als Ehefrauen zurückgelassen."

Entscheidend seien die Einstellung und Werte der Familie. Bildung spiele ebenfalls eine Rolle, aber es gebe auch Akademikerfamilien, die ihre Töchter in eine vorbestimmte Ehe drängen würden. "Man möchte die Familie zusammenhalten, Familie ist alles. Da hat man klare Vorstellungen. Deswegen sucht man den Kindern den Ehepartner aus. Dabei kommt es auch immer wieder zu Verheiratungen von Cousins und Cousinen."

Terre des Femmes gibt den Frauen, die eine Zwangsheirat im Ausland befürchten, den Rat, bei Beratungsstellen Kopien ihres Passes zu hinterlassen und eine eidesstattliche Erklärung abzugeben, dass sie unbedingt zurückwollen. Möglichst sollten sie nicht mit in den Urlaub fahren. "Aber das ist sehr schwer, denn die Mädchen haben eine sehr starke Bindung an die Familie", sagte Stolle.

Sie lobte einen Brief des Berliner Bezirkes Neukölln an alle Schulen, in dem Anfang Juli um erhöhte Aufmerksamkeit der Lehrer gebeten wurde. Die Schulen müssten helfen, frühzeitig eine drohende Zwangsverheiratung zu erkennen, hieß es in dem Schreiben, über das die "Bild"-Zeitung berichtet hatte. Auch mit Hilfe der Jugendämter ließe sich diese Form von Menschenrechtsverletzung verhindern. In Berlin und fünf anderen Ländern gibt es spezialisierte Einrichtungen, die in solchen Fällen eine Betreuung anbieten.

Onlineberatung Zwangsheirat

dpa

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Hunderte Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer - Italien spricht von „Menschenfleisch“
Italien macht Jagd auf private Seenotretter, und massenweise Migranten sterben im Mittelmeer. Für Innenminister Salvini sind die geretteten Flüchtlinge „Menschenfleisch“.
Hunderte Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer - Italien spricht von „Menschenfleisch“
Erdogans Herausforderer zieht Millionenpublikum in Izmir an
Ein Selbstläufer werden die Wahlen in der Türkei für Präsident Erdogan und seine AKP nicht, glaubt man den Umfragen. Muharrem Ince, Präsidentenkandidat der …
Erdogans Herausforderer zieht Millionenpublikum in Izmir an
SPD bereitet sich vorsorglich auf mögliche Neuwahl vor
Berlin (dpa) - Die SPD bereitet sich angesichts der heftigen internen Konflikte beim Koalitionspartner gedanklich auf eine mögliche Neuwahl vor.
SPD bereitet sich vorsorglich auf mögliche Neuwahl vor
„In ein paar Tagen könnte alles vorbei sein“: heute journal beschwört Merkel-Aus - zurecht?
In den Parteien will man den Asyl-Streit eher herunterkochen. Im heute journal stellt Moderator Claus Kleber hingegen eine Frage, die aufhorchen lässt.
„In ein paar Tagen könnte alles vorbei sein“: heute journal beschwört Merkel-Aus - zurecht?

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.