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Die Freche aus Bayern

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Von: Mike Schier

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Gefragt: Katharina Schulze

Die Berliner Hauptstadtpresse entdeckt Katharina Schulze - und plötzlich tun sich ungeahnte Möglichkeiten auf.

München – Angefangen hat alles mit einer Provokation: „Diese Frau zerstört die SPD“ titelte die Internetseite von „ntv“ Ende Mai über einem Porträt, das der ehemalige „Welt“-Chefredakteur und „Cicero“-Gründer Wolfram Weimer verfasst hatte. Dabei hat „diese Frau“ mit der SPD zunächst einmal gar nicht viel zu schaffen: Katharina Schulze ist Spitzenkandidatin der Grünen in Bayern – und nimmt der SPD höchstens in jeder Umfrage ein paar Prozentpunkte mehr ab. Weimer jedenfalls war begeistert: „Mit entwaffnendem Charme führt sie einen Wahlkampf der guten Laune, obwohl sie in der Sache knallharte Positionen vertritt.“

Seitdem hat sich in der Berliner Hauptstadtpresse eine Eigendynamik entwickelt, die selbst die bayerischen Grünen überrascht. Die linke „taz“ schwärmte in einer Kolumne über die neue Grünen-Generation. Titel: „Das It-Girl und die alten Männer“. Wobei mit den „alten Männern“ natürlich die CSU-Wähler gemeint waren. Und Schulze, 33, blond, war wohl das „It-Girl“.

Kurz darauf erschien im „Tagesspiegel“ ein großes Porträt. „Geachtet und gefürchtet“, werde die Fraktionschefin. „Die Augen rollen, das Gesicht verzieht sich zu Grimassen als würde sie Mimik-Training machen, dann streckt sie beim Argumentieren die Arme weit von sich wie ein Fußballtorwart und redet immer so schnell, dass die Wörter in ihrem Mund Purzelbäume schlagen“, schrieb der Hauptstadt-Journalist vorige Woche. Tags darauf legte die „Berliner Zeitung“ nach.

Schulze selbst kann sich die Welle nicht wirklich erklären. Aber sie surft recht geschickt darauf. Laut „Bayerntrend“ steht ihre Partei bei 16 Prozent, drei Prozentpunkte vor der SPD. Vergangene Woche saß sie erstmals im bundesweiten ZDF-Abendprogramm bei Dunja Hayali. 1,45 Millionen Zuschauer – für Hayali ist das eher mittelmäßig, für Schulze die oft durch halb Bayern fährt, um vor 35 Parteifreunden aufzutreten, allerdings eine Wucht. Sie erreicht nicht nur jene Zielgruppe, die sich vorwiegend übers Fernsehen informiert, sondern auch die Redakteure der anderen Talkshows, die gerade über den nächsten Gästelisten brüten.

Damit könnte Schulze ausgerechnet jenen Vorteil bekommen, auf den eigentlich Natascha Kohnen gesetzt hatte. Die SPD-Kandidatin hatte den Posten als Vize auf Bundesebene auch deshalb angenommen, um bundesweite Medienpräsenz zu bekommen. Das gelingt bislang noch nicht in dem Maße, wie sich das die Strategen erhofft hatten. Einmal Markus Lanz, einmal ZDF-Morgenmagazin. Aber sonst? Im Juni hatte Kohnen auch eine Einladung zu „Maischberger“. Doch wegen eines Gewitters wurde der Flug kurz vor dem Start annulliert.

Katharina Schulze war daran unschuldig. 

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