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Zwei Freunde und ein Ferkel: Der Fototermin vom Oktober 2011 sollte das gute Verhältnis zwischen Christian Ude (SPD; l.) und Hubert Aiwanger illustrieren.

Aiwanger geht auf Distanz zu Rot-Grün

SPD und Freie Wähler: Ferkel-Bündnis wankt

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München - Rot-Grün hofft auf die Wende – mit Hilfe der Freien Wähler. Doch das Bündnis ist zu Beginn des Wahljahres unwahrscheinlicher denn je: Die bürgerliche Basis der Freien neigt klar zur CSU, die Fraktion wird unruhig.

Die anderen tagen in Klöstern, Wildbädern, Ex-Sanatorien, und manchmal wird gespöttelt: Das passe ja gut. Die Freien Wähler ziehen sich zur Klausur in ein für den Fasching geschmücktes Theater zurück. Auch das passt, denn die Fraktion setzt ihr politisches Schauspiel fort: So tun, als ob sie sich für Herbst 2013 jede Koalition offen halte. Die Maske aber rutscht.

Die Spitze der Abgeordneten, allen voran Fraktions-, Landes- und Bundeschef Hubert Aiwanger, nutzt die Presseauftritte in den Landshuter Stadtsälen zum Abrücken von Rot-Grün. „Wir sind der Strohhalm, nach dem sie greifen, das Rettungsboot“, sagt Aiwanger und skizziert seine potenziellen Partner damit in aller Härte als Ersaufende. Ihn stört, dass in den Medien und von Rot-Grün immer der Eindruck erweckt werde, als gebe es ein Bündnis in der Opposition, als hätten sich die Freien bereits als Mehrheitsbeschaffer verpflichtet. Aiwanger tat viel für das Bild, indem er SPD-Spitzenkandidat Christian Ude auf seinen Hof lud, wo er mit ihm ein Ferkel in die Kameras hielt.

Doch die enge Ferkel-Koalition ist in Gefahr. Die Fraktion will eine Festlegung verhindern. Zwei Optionen soll es geben: Die Koalition mit der CSU und das Bündnis um Ude. „Wir werden vor dem Wahltag nichts unterschreiben“, sagt Aiwanger. Seine Taktik: Bei Koalitionsverhandlungen könnte er mit dem Drohpotenzial, notfalls ins andere Lager überzulaufen, viel mehr raushandeln. „Wir kriegen 60, 70 Prozent durch, andere nur 30.“

Sich offiziell nicht festzulegen, ist Mehrheitsmeinung in der Fraktion. Etliche Abgeordnete kamen intern aber diese Woche ins Grübeln, ob sie echt noch auf Rot-Grün zählen sollen. „Wie werden wir das blöde Dreierbündnis los?“, raunt einer. Es sind mehr als jene intern schon bekannten Skeptiker, die seit 2011 vor einem „linksgeprägten“ Image warnen. „Die Schnittmengen im bürgerlichen Lager mit der CSU sind sicher größer“, sagt Fraktionsvize Bernhard Pohl, man halte sich die Optionen nur offen, damit die CSU nicht überheblich werde. Fraktions-Geschäftsführer Florian Streibl, Sohn eines CSU-Ministerpräsidenten, orakelte im BR: „Die CSU braucht unbedingt ein Korrektiv. Dieses Korrektiv muss ein bürgerliches sein.“

Als bürgerlich verstehen sich fast alle Freien. In der Umfrage sprachen sich 82 Prozent ihrer Basis für ein Bündnis mit der CSU aus, nur 43 Prozent für Rot-Grün-Aiwanger. 22 Prozent fänden sogar eine CSU-Alleinregierung prima, 20 Prozent eine Fortsetzung von Schwarz-Gelb (Mehrfachnennungen möglich). Das gibt zu denken. Man habe lange beraten, sagen Klausurteilnehmer. Die 82 Prozent seien Ausfluss der Wählerwanderung von der CSU zu den Freien, glaubt Aiwanger.

Wenn die Wähler so wandern zwischen CSU und Freien Wählern, stolpern sie übrigens nicht mehr über viele Steine. Studienbeiträge und Donau will CSU-Chef Seehofer (der Aiwanger mal vor Journalisten „Herr Koalitionspartner“ hinterherrief) abräumen; dritte Startbahn und zweite S-Bahn-Röhre in München wackeln.

150 Kilometer weiter südwestlich beobachtet man das genau. Im ehemaligen Kloster Irsee ist keinem nach Fasching zumute. Die gute Nachricht vom Donnerstagvormittag: Christian Ude hat seine Laune wieder unter Kontrolle. Als er am Vorabend im Ostallgäu ankam, war er sichtlich gereizt. Im Interview mit dem BR-Magazin „Kontrovers“, das ihm die 19-Prozent-Umfrage eingebrockt hatte, fuhr er der Moderatorin vor laufender Kamera mehrfach über den Mund. Doch selbst wenn der Spitzenkandidat die BR-Umfrage klitzekleinredet: An den 82 Prozent bei den Freien Wählern kommt er nicht vorbei. „Die sind das eigentliche Problem“, sagt er. Selbst bei allen Ungenauigkeiten – die Tendenz an der Basis der Freien Wähler sei nicht zu leugnen. „Ihre Wähler sind eindeutig konservativ orientiert. Hier besteht großer Diskussions- und Überzeugungsbedarf“, räumt der SPD-Kandidat ein. Demonstrativ stellen die Genossen Inhalte in den Vordergrund: Inklusion, Integration, Bildung, Mieten.

Doch das kriselnde Oppositionsbündnis treibt sie um. Ude hat auch schon eine Strategie. Ganz unten, auf kommunaler Ebene müsse man anfangen. Dort gebe es die größten Überschneidungen – und den gemeinsamen Groll über die CSU.

Christian Deutschländer und Mike Schier

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