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Merkur-Autor Lorenz von Stackelberg

Fremdenfeindlichkeit in Sachsen

Kommentar zu Clausnitz: Abscheu – und was noch?

München - Abscheu und Verachtung angesichts der fremdenfeindlichen Szenen aus Sachsen sind menschlich verständlich - aber sie ersetzen kein politisches Handeln, meint Merkur-Autor Lorenz von Stackelberg

Wenn Politiker und soziale Medien unisono in höchste Erregungszustände geraten, beschleicht einen leises Unbehagen. Das ist auch im Fall Clausnitz so, einer kleinen Gemeinde in Sachsen, in der ein Bus mit Flüchtlingen auf eine feindselige Menge traf. Eine Flut unschöner Bilder von pöbelnden Demonstranten, verängstigten Migranten und überforderten Polizisten war die beschämende Folge, verletzt wurde allerdings niemand. Jetzt liegt die Versuchung nahe, in den lauten Chor all derer einzustimmen, die den Osten der Republik als Ansammlung bräunlicher Refugien betrachten, bevölkert von Unmenschen und regiert von Koalitionen, die der Fremdenhass verbindet. Dennoch sollte man erstmal tief Luft holen.

Ein sehr viel mühsamerer Prozess

In Clausnitz haben rund hundert Menschen ihre hässlichste Seite hervorgekehrt; von einer Ansammlung enthemmter Spießbürger bis zum rasenden Mob ist es aber zum Glück noch ein ziemlich weiter Weg. Die Polizisten wiederum, die Flüchtlinge unter Zwang aus dem Bus eskortierten, statt sich, wie man erwartet hätte, den Demonstranten entgegen zu stellen, haben zunächst Anspruch auf Gehör statt öffentlichen Pranger. Abscheu und Verachtung sind menschlich verständlich, aber sie ersetzen kein politisches Handeln, sondern mauern Menschen in ihren vermeintlichen Problemen ein. Hilfsbereitschaft und Verständnis für Flüchtlinge zu fördern, ist dagegen ein sehr viel mühsamerer Prozess, der den vollen Einsatz aller fordert, die das Land nicht AfD & Co. ausliefern wollen.

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