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Physiker und TV-Erklärer Harald Lesch (58) besuchte die Klima-Demo am vergangenen Freitag auf dem Münchner Marienplatz.

#FridayForFuture

TV-Moderator Harald Lesch: „Die Schüler riskieren eine Menge“

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Tausende Schüler gehen jeden Freitag #FridayForFuture auf die Straße. Sie sind wütend, sie sind engagiert – und sie schwänzen die Schule. Der Münchner Astrophysiker Harald Lesch unterstützt sie. 

München - Vergangenen Freitag hat Physiker und TV-Erklärer Harald Lesch (58) die Schüler bei ihrer Demo ermutigt. Der renommierte Münchner Astrophysiker Harald Lesch ist vor streikenden Schülern am Marienplatz aufgetreten. Im Gespräch erklärt er, warum er den Protest für eine wichtige Bewegung hält.

Herr Lesch, werden Sie auch weiterhin zusammen mit den Schülern streiken?

Professor Harald Lesch: Ja. Ich habe nicht erwartet, dass die Schüler so begeistert sind, dass ich da bin und ihnen Mut zuspreche. Offenbar brauchen die jungen Menschen Unterstützung, weil sie sich alleingelassen fühlen.

Einige Menschen sagen, die Kinder würden nur streiken, um die Schule zu schwänzen…

Lesch: Man darf nicht vergessen, dass die Schüler damit etwas riskieren! Manche stehen kurz vor ihrem Abschluss. Ihnen drohen wegen ihrer Teilnahme an den Protesten schlechtere Noten oder gar Verweise.

Also ist es in Ordnung, wenn die Schüler ihre Schulpflicht verletzten?

Lesch: Wie interpretiert man denn Schulpflicht? Physische Anwesenheit in der Schule? Oder reicht es nicht aus, wenn ich bei einer Veranstaltung bin, die für meine Persönlichkeitsentwicklung mindestens so wichtig sein kann wie das Lernen von englischen Vokabeln? Wir lernen nicht für die Schule, sondern fürs Leben.

Was macht die Politik Ihrer Meinung nach falsch?

Lesch: Erst kürzlich kam die Nachricht, dass die weltweiten CO2-Emissionen so hoch wie nie zuvor sind – das ist erbärmlich. Wir brauchen ganz klare Vorgaben für denCO2-Ausstoß der Autos. Wir sind zu einer fliegenden, sich auf Kreuzfahrtschiffen rumtreibenden Gesellschaft geworden, die denkt, dass die Welt einen neuen X7 braucht. Unternehmen, die solche Produkte auf den Markt bringen, spucken diesen Kindern ins Gesicht.

Was genau bewirkt der Streik?

Lesch: Er ist ein Schock für die Politik: Da steht jemand, der klar, deutlich und auch richtig sagt, was bei uns schief läuft. Dagegen kann man nicht anders argumentieren – das wäre so, als wenn jemand sagt, dass die Sonne im Westen aufgeht. Eigentlich müssten alle Erwachsenen auch auf die Straße gehen.

Was muss noch passieren, damit die Politik handelt?

Lesch: Es müssen noch viel mehr Kinder auf die Straße gehen. Das schlimmste wäre, wenn die Aktion im Sande verläuft. Darauf hoffen viele.

Glauben Sie, die Politik sieht die Proteste als vorübergehenden Trend?

Lesch: Klar, viele belächeln die Demos. Genau deshalb brauchen die Schüler die Aufmerksamkeit. Und die bekommen sie seltsamerweise nur durch das Schwänzen. Es ist paradox: Man regt sich darüber auf, dass die Kinder ihre Schulpflicht verletzen – aber nicht darüber, dass sich die Kinder um ihre Zukunft kämpfen müssen.

Wie sollten die Schulen reagieren?

Lesch: Wenn wir in der besten aller Welten leben würden, dann würden die Schulen sagen: Für den ausgefallenen Unterricht ziehen wir eine Woche von den Ferien ab. In der machen wir eine Klimawoche. In den naturwissenschaftlichen Fächern lernen die Kinder die Prozesse, die hinter dem Klimawandel stecken. Im Fremdsprachenunterricht lernt man, wie andere Länder damit umgehen. Und in Religion kann man ehtische Fragen zu dem Thema behandeln. Dann kapieren die Schüler nämlich, dass es in der Schule nicht nur um Noten geht.

Verweise, schlechte Noten und Rausschmiss: Unsere Umwelt ist es uns wert

„Wir streiken, bis ihr handelt“, so die Aktivisten der Fridays for Future. Aber was ist nun mit der Schulpflicht? Wie soll das freitags weitergehen? Wir haben Beatrix Zurek, Referentin für Bildung und Sport, gefragt. Astophysiker Harald Lesch erklärt, warum die Schüler richtig handeln. Und wir haben mit den Demonstranten geredet – die sich nicht einschüchtern lassen.

Tausende Schüler und Studenten sind vergangenen Freitag in ganz Bayern für mehr Klimaschutz „Fridays for Future“ auf die Straße gegangen - so viele wie noch nie. „Langsam wird es zur Routine“, twittert der Account fridaysforfuture München und ruft damit gleich zum nächsten Streik auf.

Ich gehe weiter zu den Demos

Ich organisiere die Demos in München. Meine Lehrerin wünscht mir schon jeden Donnerstag ein schönes Wochenende, und meine Eltern melden mich jeden Freitag in der Schule krank – die unterstützen das. Eigentlich unterstützt auch meine Schule den Umweltschutz – aber nicht die Fridays for Future. Mir wurde schon mit Konsequenzen gedroht. Wenn sie mich unbedingt rausschmeißen wollen, sollen sie das tun. Unsere Erde ist wichtiger. Wir machen weiter, bis die Politik handelt. Meine Forderungen sind zum Beispiel, dass das Klimaabkommen eingehalten werden soll und dass die Städte autofrei werden. Und der Kohleausstieg 2038 ist kein Kompromiss! Ben Awenius (16), Carl-Spitzweg- Realschule

Wir tun etwas sinnvolles

Ich demonstriere fast jeden Freitag mit – dafür hole ich mir meistens ein Attest. Das wird wohl Fehlstunden auf meinem Abizeugnis geben. Unsere Lehrer finden den Streik eigentlich gut – aber nicht in der Schulzeit. Die Schulpflicht wird über unsere moralische Pflicht gestellt. Aber wenn die Politik ihren Pflichten nicht nachgeht – warum sollten wir das tun? Viele Schüler haben mir gesagt, dass sie das Gefühl haben, in der Schule nichts Sinnvolles zu lernen – und jetzt froh darüber sind, ein Mal pro Woche Teil eines großen Projekts zu sein, das wirklich wichtig ist. Quentin Görres (18), Ludwigsgymnasium


Verweise retten nicht die Erde 

Am Anfang ist meine Schule locker damit umgegangen, dass wir zum Demonstrieren geschwänzt haben – man dachte, das wäre einmalig. Dann mussten wir zur Strafe Aufsätze über die Demos schreiben. Und einen Workshop besuchen, in dem wir lernen, wie man sich sonst noch für den Klimaschutz engagieren kann. Die Idee ist ja super – aber nicht in Form einer Strafarbeit! Seit Februar schwänze ich jeden Freitag. Die Lehrer diskutieren, wie sie damit umgehen. Ich lasse es drauf ankommen. Aber Verweise machen die Zukunft auch nicht besser. Matylda Bobnis (16), Sophie-Scholl-Gymnasium

Trotz Regen: "Fridays for Future" in München.

„Ein Verbot hilft nichts“ 

Jugendliche protestieren während der Schulzeit: Was sagt Stadtschulrätin Beatrix Zurek (SPD) dazu? Die tz fragte nach. 

Freuen Sie sich über das politische Engagement der Schüler? 

Beatrix Zurek: Ich finde es wichtig, dass politisches Engagement stattfindet. Ich finde es unerlässlich, dass sich Schule mit solchen Themen beschäftigt. Aber: Es muss auch etwas passieren. Nichts ist frustrierender, als Schüler gelobt zu werden, wenn das Engagement zu nichts führt. 

Bekommen Sie Hilfeschreie von Schulleitern, die nicht wissen, wie sie mit dem Thema umgehen sollen? 

Stadtschulrätin Beatrix Zurek (SPD).

Zurek: Nein. Die Schulleiter nehmen den Spielraum, den sie haben, wahr, und ich denke, dass sie differenziert und vorsichtig damit umgehen. Ich glaube, dass man mit reinen Verboten nicht recht weiter kommt. Es gibt den normalen Mechanismus: Wenn man schwänzt, gibt es irgendwann einen Verweis. Aber ich finde, man muss innovativ damit umgehen, den Unterricht nachholen lassen oder das Thema zum Teil eines Projekts machen. 

Aus der Politik kommen vermehrt Stimmen, das Kultusministerum solle bei den Protesten „klare Kante“ zeigen… 

Zurek: Klare Kante heißt einfach nur Strafe als Mittel zum Zweck. Ich glaube, dass Verweise nichts bringen. Ebenso glaube ich, dass der Protest als Statement sich auch abnutzt. Ich fände es wichtig, wenn die Schüler in den Arbeitsmodus kommen. Es beeindruckt doch viel mehr, sich in der Sache zu engagieren. 

Wie ein Polizist die Münchner Demos erlebt

München geht immer öfter auf die Straße. Freitags für den Klimaschutz. Zuletzt gegen Uploadfilter. Davor: Taxlerdemo, Mieterdemo, #ausgehetzt und #noPAG. Immer dabei: die Polizei. 

Polizist Sven Müller ist bei den großen Demos in München immer dabei.

Im Jahr 2017 waren mehr als 16.000 Beamte auf über 1300 Demonstrationen eingesetzt – das sind fast doppelt so viele Demos wie zehn Jahre davor. 55.077 Stunden lang waren die Polizisten eingesetzt. Geschlossene Einheiten, Verkehrspolizisten, Informationsbeamte und Polizei-Pressesprecher – so wie Sven Müller (51). Wenn mit mehreren Tausenden Teilnehmern gerechnet wird, ist er dabei. „Als Polizist sehe ich Demos neutral.“ Trotzdem: „Für mich sind Demos, bei denen die Bürger aus der Mitte demonstrieren, am angenehmsten. Die bleiben meist friedlich.“ Anders bei rechten oder linken Demos – oft wird er in Streitereien reingezogen. Manchmal versperren Gegendemonstranten den Weg für die eigentliche Demo. Schülerdemos laufen bisher immer friedlich ab. Aber wie steht die Polizei zu Schulschwänzern? „Schwänzen ist eine Ordnungswidrigkeit“, sagt Müller. Die muss die Polizei aber nicht verfolgen. „Ich denke, die Schulen wissen selbst, wer schwänzt.“

Übrigens: ZDF-Physiker Harald Lesch tickte bei einem Vortrag vor Schülern völlig aus – und droht ihnen, wie Merkur.de* berichtet.

Kathrin Braun/WÖ

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