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Friedrich Merz.

Was bedeutet das für Merkel, Spahn und die SPD?

„Merz? Knaller!“: Möglicher Merkel-Nachfolger löst Euphorie aus - doch einem könnte das Ganze schaden

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Angela Merkels Abschied an der CDU-Parteispitze und die angekündigte Kandidatur von Friedrich Merz löst in Teilen der Union wahre Begeisterungsstürme aus. Doch einen könnte es eine steile Polit-Karriere kosten.

München/Berlin - Jetzt, da Angela Merkel nach 18 Jahren die Parteispitze räumt, bricht sich eine Art Aufbruchsstimmung Bahn, wie man sie aus der CDU lange nicht kannte und die ein wenig an die Welle der Begeisterung über Martin Schulz als SPD-Vorsitzender im Frühjahr 2017 erinnert.

Es sind nicht nur Gegner des Kurses von Kanzlerin Angela Merkel, die sich für Friedrich Merz bei der Besetzung des Amtes des Parteivorsitzenden aussprechen, aber vor allem. Klar, unterschiedliche Meinungen herrschen in der Partei vor, doch Umfragen zahlreicher Medien und das Echo aus der Politik trügen wohl nicht. Mit Merz, der 2009 aus der Politik ausstieg, verbinden viele Anhänger der Union einen Neuanfang.

Von Stetten: „Merz wäre der Knaller, den wir brauchen“

Der CDU-Bundestagsabgeordnete und Chef des Parlamentskreises Mittelstand Christian von Stetten sprach nach Merz‘ offizieller Kandidatur-Ankündigung gegenüber der Onlineredaktion des Münchner Merkur von einem guten Tag: „Die CDU befindet sich in einer Phase, wo ein richtiger Knaller her muss. Und das wäre Friedrich Merz. Einige in der Partei warten seit zehn Jahren drauf, dass er wieder zurückkehrt mit seiner klaren Sprache. Deshalb ist seine Kandidatur auch ein sehr gutes Zeichen für uns.“

Alles zum Rückzug von Angela Merkel auch bei uns im News-Ticker

Merz elektrisiere, sagt von Stetten, „die Rückmeldung aus den Kreisverbänden ist euphorisch. Und es ist kein Nachteil, wenn man eine Zeit lang von außerhalb der Politik auf das Geschehen darauf schaut. Merz kann die Partei wieder einen“. Thüringens CDU-Chef Mike Mohring sprach gar von einem „Mythos Merz“.

Chef des Parlamentskreises Mittelstand: Christian von Stetten, CDU.

Auch Bosbach für Merz - CDU-Mann tritt gegen Merkel nach

Der frühere Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach (66) setzt sich ebenfalls für Merz ein. Zum Anforderungsprofil gehöre die Fähigkeit, einer „in weiten Teilen enttäuschten Partei neuen Optimismus und Schwung zu vermitteln“ und von der Union enttäuschte Wähler zurückzugewinnen, sagte Bosbach der Passauer Neuen Presse: „Das traue ich Friedrich Merz am ehesten zu.“ Werteunion-Vorsitzender Alexander Mitsch erklärt: "Merz ist jetzt der Hoffnungsträger für viele. Ihm nutzt gerade der ‚Quereinsteiger-Effekt‘. Es wird aber entscheidend sein, ob er ernst macht mit der Politikwende, insbesondere in der Asylpolitik."

Gerade Konservative und der Wirtschaftsflügel setzen also auf die von Merz ausgelöste Euphoriewelle. Ein CDU-Bundestagsabgeordneter anonym: „Ganz ehrlich? In der Partei spricht kaum einer mehr über Merkels baldigen Rückzug. Alle sind euphorisiert wegen Merz. Wir standen Mal bei über 40 Prozent, jetzt bei 24. Er wird den Menschen in der Partei und den CDU-Stammwählern Stolz und Würde zurückgeben und hat eine eindeutige Vision.“

Mietpreisspekulationen? „Euphorie um Merz passt wieder einmal ins Bild der Partei“

Ein weiterer Politiker der CDU sieht das kritischer, will jedoch in diesem Zusammenhang nicht namentlich genannt werden. Dass nun der 62-jährige Merz als Hoffnungsträger gelte, passe wieder einmal ins Bild der Partei, meint er. Man solle sich einmal ganz genau ansehen, was Merz zuletzt beruflich gemacht habe.

Was er damit meint? Tatsächlich steht hinter seiner Tätigkeit als Aufsichtsrat der immer mal wieder in der Kritik stehenden Investmentgesellschaft BlackRock ein Fragezeichen. Der eine oder andere dürfte in den kommenden Tagen und Wochen nachhaken, was Merz da eigentlich gemacht hat.

Die Bürger kümmert das offenbar (noch) wenig: Merz gilt als Favorit der Deutschen für den Posten des CDU-Chefs. Das zeigt die Umfrage des Instituts Civey im Auftrag von Spiegel online. In anderen Erhebungen ist die Lage nicht ganz so klar. Auch Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer werden gute Chancen eingeräumt. Unerfreulich bleibt das Meinungsbild aber stets für Jens Spahn.

Merz-Kandidatur könnte Spahn zum Rückzug zwingen

Der vom konservativen Flügel stets präferierte Spahn hat nun ein Problem: Seine Positionen und die von Merz könnten sich zu sehr ähneln. Das würde einen Stimmen auf dem Parteitag kosten. Schlägt das Pendel - was derzeit als sicher erscheint - in Richtung Merz aus, stünde Hoffnungsträger Spahn vor der Entscheidung, von seiner Kandidatur zurückzutreten. In Berlin munkelt man dies bereits. Von Stetten meint zwar: „Für Spahn, den ich sehr schätze, muss das gar nichts heißen. Aber ich bin sicher, dass sich an der Aufstellung der Kandidaten noch etwas ändern wird bis zum Parteitag.“ Mitsch deutet vielsagend an: „Ein Rückzug zugunsten Merz würde Spahn sicherlich hoch angerechnet werden. Er ist noch jung, hat Zeit. Uns geht es hauptsächlich um die politischen Inhalte. Sie bestimmen die endgültige Entscheidung.“

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Zeit hat Merz nicht mehr. Wenn nicht jetzt, dann wohl nie mehr. Doch dazu müsste er sich wohl noch drei Jahre die CDU-Spitze mit Merkel teilen. Bis 2021 will sie schließlich noch Kanzlerin bleiben. „Es wäre nicht gerecht von außen darüber zu urteilen, ob beide miteinander gut auskommen würden. Außerdem ist das alles zu viel Spekulation. Definitiv hat derjenige, der sich im Dezember durchsetzt das Vorrecht auf die Kanzlerkandidatur 2021“, so von Stetten. Ein Kollege findet klarere Worte: „Merz und Merkel werden es nicht allzu lange miteinander aushalten müssen. Im Fall der Fälle sollten beide einen geordneten Übergang schon vor der Bundestagswahl 2021 anstreben“, fordert er. Heißt: Merz oder ein anderer Nachfolger als CDU-Vorsitzender, der im Dezember ins Amt gewählt wird, sollte auch bald schon ins Kanzleramt einziehen.

M+M: Wie können Merz und Merkel miteinander?

Bosbach zeigt sich in der Augsburger Allgemeinen zuversichtlich, dass Merkel als Kanzlerin mit ihrem einstigen Widersacher Merz als Parteichef zusammenarbeiten könnte. „Beide Beteiligten wissen doch, dass die Union nur dann wieder in die Erfolgsspur zurückkehrt, wenn sie vertrauensvoll zusammenarbeiten“, sagte Bosbach. „Sollten sie gegeneinander in Stellung gehen, würden am Ende beide verlieren, und die Union auch.“

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Hintergrund: Merz übernahm 2000 den Fraktionsvorsitz von Wolfgang Schäuble. Wortgewaltig bot der Finanzexperte mit dem angriffslustigen Blick der rot-grünen Koalition die Stirn. Doch nach der Bundestagswahl 2002 kam der Absturz: Parteichefin Merkel griff nach der ganzen Macht und übernahm auch den Fraktionsvorsitz. Wenig später zog er sich aus der Politik zurück. Merkel und Merz verblieben, nach allem was bekannt ist, in inniger Abneigung.

Alexander Mitsch, Chef der Werteunion, CDU.

Friedrich Merz könnte sogar der SPD helfen - Merkel will nicht eingreifen

Bleibt die Frage nach der politischen Richtung Merz‘. Er würde die Union wohl wieder weiter in die Mitte führen, steht außerdem für ein starkes Europa. Eine damit verbundene Hoffnung der CDU ist, dass er Wähler von der AfD zurückholen könnte. Das könnte wiederum der SPD helfen. Ob man es nun glauben mag oder nicht, die Genossen könnten von einer „Ent-sozialdemokratisierung“ der CDU profitieren und die eigenen Positionen dem Bürger wieder kenntlicher machen. Der Vize-Vorsitzende Ralf Stegner dazu: „Die SPD muss sich schon selbst helfen, aber es ist insgesamt gut für die Demokratie und den Kampf gegen rechte Populisten, wenn sich die Volksparteien CDU und SPD wieder deutlich stärker unterscheiden als bisher.“

Vieles deutet also auf einen Fünfkampf im Dezember hin. Einerseits zwischen den prominenteren Köpfen Annegret Kramp-Karrenbauer - wohl von Merkel präferiert - und auf der anderen Seite Friedrich Merz. Es ist dann auch eine Art Richtungswahl, in die auch die drei Kandidaten eingreifen wollen, die sich bereits aus der Deckung wagten, als Merkel noch nichts von Rückzug wissen wollte: Unternehmer Andreas Ritzenhoff, Jura-Student Jan-Philipp Knoop und der Bonner Professor Matthias Herdegen. Ihnen werden allerdings keine großen Chancen zugerechnet. Die Kanzlerin selbst will sich nicht einmischen. Sie habe gelernt, „dass man sich in die Frage der Nachfolgen nicht einmischen sollte, weil das noch nie geklappt hat“.

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