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Politiker in Berlin Friedrichshain-Kreuzberg wollen sexistische Werbung verbieten.

"Wie die Taliban"

Wirbel um Verbot für sexy Werbung in Berlin

Berlin - Die linke Mehrheit im Bezirksparlament Berlin Kreuzberg-Friedrichshain will Werbung mit leichtbekleideten Mädchen verbieten. Darüber tobt nun ein Streit. Eine Aktion wie bei den Taliban?  

Mädchen in Bikinis, die für Schokoriegel werben, halbnackte Männer, die einen Rasierapparat "an den Mann" bringen wollen. Werbung ist überall zu finden auf Plakatwänden, an Laternen, an Hauswänden. Doch damit soll ab sofort Schluss sein. Zumindest in Berlin Friedrichshain-Kreuzberg, wenn es nach der Meinung der dortigen Fraktionen Grünen, SPD, Linken und Piraten geht. Sie diskutierten im Bezirksparlament darüber, sexistische, frauenfeindliche oder allgemein diskriminierende Werbung zu verbieten. 

Zuvor hatte eine Bürgerinitiative Werbung generell verbieten lassen wollen, dies hielt das Plenum allerdings für unrealistisch, wie die Berliner Zeitung berichtet. Nun wolle man wenigstens beim Thema Sexismus eingreifen, wie Paula Riester, die Fraktionschefin der Grünen, sagt. Der Anschein sexueller Verfügbarkeit auf vielen Werbetafeln könnte zu realen Übergriffen auf Frauen führen.  Riester: „Wenn eine Frau im Bikini für Bademoden wirbt, ist das okay. Wenn sie im Bikini für Schokoriegel oder Autos wirbt, ist das sexistisch.“ Mit der Debatte wollen die Politiker auf das generelle Frauenbild aufmerksam machen, das durch „begehrenswerte Barbie-Maße“ zu Ess-Störungen bei Mädchen führen könnte. Und um Rollenklischees, die man vermeiden will, wie das der „dekorativen Hausfrau“. Niemand der Antragsteller will, dass Mädchen das Heimchen am Herd als begehrenswertes Lebensbild ansehen.

David Hasselhoff in der trashigen Eiskaffee-Werbung

David Hasselhoff in der trashigen Eiskaffee-Werbung

Die Fraktionen wollen sich anhand eines Acht-Punkte-Katalogs, der vom Österreichischen Werberat stammt, überlegen, wie künftig in ihrem Bezirk geworben werden soll. Allerdings können die Politiker lediglich die Nutzung von vier Werbetafeln bestimmen, auf die das Bezirksamt Zugriff hat. Für alle anderen Tafeln ist entweder der Senat zuständig, oder sie gehören Privaten. Die „Bezirks-Werbetafeln“ stehen in Friedrichshain, sie gehören der Werbefirma Ströer, die dem Bezirk dafür jährlich 245.000 Euro für den Betrieb von Brunnen überweist.

Kolumnist: Wie bei den Taliban

Kritik an dem geplanten Verbot für sexy Werbung in Kreuzberg kam postwendend von Harald Martenstein, dem streitbaren Kolumnisten des Berliner "Tagesspiegels".Er stößt sich vor allem an der Begründung, dass in Zukunft Werbung nur noch legal sein dürfe, wenn sie den politischen „Idealen eines emanzipierten, bewussten und nachhaltigen Lebens“ entspreche. "Dass Werbung auf politische Ideen verpflichtet wird – so was gibt es bisher höchstens in Nordkorea", giftet Martenstein und zieht gleich einen weiteren Vergleich mit einem recht undemokratischen Regime: "Die Formulierung 'unangemessene Darstellung von Körpern' dagegen könnten sie aus dem Programm der Taliban übernommen haben."

Zudem fragt sich Martenstein, warum auf den Kreuzberger Plakatwänden künftig auch keine Bilder von Hausfrauen mehr erlaubt sein sollen. Er kann die Begründung, dass Heranwachsende durch solche Darstellungen mit "Rollenklischees konfrontiert werden" nicht nachvollziehen. Ihn erinnert das an die für ihn lächerliche Argumentation, dass Kinder im Schulunterricht nicht mit Homosexualität konfrontiert werden dürften, weil sie sonst selbst schwul oder lesbisch werden könnten. Für ähnlich dumm hält er das Rollenklischee-Argument der linken Fraktionen im Bezirksparlament. "Zeige einem Mädchen Bilder von einer Hetero-Hausfrau, und sie wird eine Hetero-Hausfrau. Das ist diskriminierend. So doof sind Mädchen meines Wissens nicht. Abgesehen davon – warum soll sie das nicht dürfen, wenn sie möchte? "

Widerspruch gegen die Martenstein-Kolumne kam postwendend vom Medienjournalisten und "Bildblog"-Herausgeber Stefan Niggemeier.Er hält Martensteins Taliban-Vergleich für absurd. Schließlich wollten sich die linken Fraktionen bei ihrem Acht-Punkte-Katalog für Werbung in Kreuzberg-Friedrichshain an den Richtlinien des Österreichischen Werberats orientieren. Niggemeier schreibt: "Träger dieses Gremiums sind so fundamentalistische Organisationen wie der ORF, der Österreichische Verband der Markenartikelindustrie und der Verband Österreichischer Zeitungen. Und vielleicht lohnt es sich, für einen Moment innezuhalten und sich zu fragen, was es bedeutet für die selbstempfundene Normalität und Gesundemenschenverstandhaftigkeit, auf der die Kolumnen des Harald Martenstein beruhen, wenn er ethische Richtlinien des österreichischen Werberates für ein 'Programm der Taliban' hält.

Mit dem geplanten Verbot für sexy Werbung in Berlin Kreuzberg-Friedrichshain wird nun ein lokalpolitisches Thema zum bundesweiten Aufreger. Kommt nun die deutschlandweite Diskussion über leichbekleidete Frauen in Schokoladen-Werbung?

mm

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