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Mit Mappe und Kappe gegen die Fotografen: Holger G. schützt sein Gesicht, wenn er den Gerichtssaal betritt. Er ist inzwischen im Zeugenschutzprogramm des BKA.

Aussage im NSU-Prozess

"Es tut mir fürchterlich leid"

München - Holger G. hat sich als erster Angeklagter bei den Angehörigen der Opfer der NSU-Morde entschuldigt und eingeräumt, dem mutmaßlichen Terror-Trio geholfen zu haben. Allerdings habe er von den Taten nichts geahnt. Beate Zschäpe belastet er schwer.

Als Holger G. fertig ist, legt er den Kopf in den Nacken, fährt sich mit den Händen durchs Gesicht. Er hat gerade schluchzend vorgelesen, wie das damals war mit ihm und dem mutmaßlichen Terror-Trio des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU). Jetzt wirkt er erschöpft. Holger G. (39) ist einer der vier Mitangeklagten, die sich neben Beate Zschäpe vor dem Oberlandesgericht München wegen der NSU-Taten verantworten müssen. Er ist der zweite Angeklagte, der aussagt, aber er ist der erste, der sich auch entschuldigt. „Zuerst möchte ich den Angehörigen der Opfer mein tief empfundenes Beileid aussprechen“, sagt er. Die zehn Morde, die Bombenanschläge und Raubüberfälle habe er sich in seinen „schlimmsten Träumen“ nicht vorstellen können.

Die Bundesanwaltschaft wirft Holger G. vor, Zschäpe und die verstorbenen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im Untergrund unterstützt zu haben. „Dass ich das getan habe, tut mir fürchterlich leid, ich möchte mich dafür entschuldigen“, sagt G. „Wenn Sie glauben, dass ich das getan habe, um einer rechten Terrorzelle im Untergrund zu helfen, Morde zu begehen, muss ich sagen: Nein, das stimmt nicht.“

Immer wieder stockt seine Stimme. Das passt gar nicht zum bulligen Holger G. Er trägt ein graues Hemd und Sakko, die blonden Haare sind kurz. Am Vormittag, als er von sich erzählt hat, klang er noch nach Kasernenhof. Er sprach so schnell, dass Richter Manfred Götzl ihn mehrfach von vorn anfangen ließ. Der Versuch, Nervosität zu überspielen.

Auch jetzt spricht er abgehackt, stakkatohaft, stockt immer wieder. Er habe den Mitangeklagten Ralf Wohlleben und „die Drei“, wie G. das Trio nennt, in Jena kennengelernt. Er sei stolz gewesen, mit „den beiden Uwes“ befreundet zu sein. „Ich hatte das Gefühl, zu einer starken Gruppe zu gehören.“ Sie hätten sich als Neonazis gesehen. „Es ist schon richtig, dass wir damals darüber diskutiert haben, ob wir unsere politischen Vorstellungen mit Gewalt durchsetzen sollten“, räumt G. ein. „In meiner Wahrnehmung waren diese Diskussionen aber für alle theoretisch.“

Der Kontakt zu den drei alten Freunden reißt auch im Untergrund nicht ab. Immer wieder besuchen sie ihn. Mal rufen sie vorher an, mal stehen sie einfach vor der Tür. Sie spielen Billard oder Doppelkopf, reden „über alte Zeiten“. Sie hätten sich „ganz normal in der Öffentlichkeit“ bewegt.

Doch seine Freunde wollen immer auch etwas von ihm. Mal seinen Führerschein, mal eine Krankenkassenkarte, seinen Reisepass hatte er ihnen schon kurz nach dem Untertauchen überlassen. „Ich habe das als Freundschaftsdienst empfunden“, sagt G. Als die drei ihn um seinen Führerschein bitten, mit dem sie später ein Wohnmobil anmieten, um zu einem der Tatorte zu fahren, verspricht ein Uwe: „Holger, wir machen keinen Scheiß damit, du kannst dich auf uns verlassen, wir haben doch auch schon seit Jahren deinen Reisepass.“ Er habe sich verpflichtet gefühlt zu helfen.

Erst als 2011 der alte Pass abgelaufen ist und G. einen neuen beantragen soll, will der nicht mehr. Er hat sich aus der Szene gelöst und ist neu verliebt. „Die ist der Hammer, die Frau“, sagt er. Abwechselnd hätten die Uwes auf ihn eingeredet. Mundlos droht. „Er hielt mir vor, dass ich jetzt nicht kneifen könnte, weil ich mit dran wäre, wenn sie aufflögen.“ G. gibt wieder nach. Damit rechnen die drei. Sie haben schon den Haarschneider dabei, um ihm den Kopf zu rasieren – damit er den beiden Uwes ähnlicher sieht.

G. macht keinen Unterschied zwischen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt, sie seien stets zu dritt aufgetreten. Das ist „ein wichtiger Baustein“, um Zschäpe die Mittäterschaft an den Morden nachzuweisen, sagt Nebenklagenanwalt Jens Rabe. Bundesanwalt Herbert Diemer nimmt G. aber nicht ab, dass er nicht mit Straftaten des Trios habe rechnen können: „Reine Schutzbehauptungen“, sagt er nach der Verhandlung. Tatsächlich hat G. auch gestanden, dass er vor mehr als zehn Jahren eine Waffe von Wohlleben zum Trio transportiert hat. Einer der Uwes habe die Pistole durchgeladen. G. habe gefragt: „Was soll der Scheiß?“ Schließlich hätten die drei und Wohlleben gewusst, dass er nichts mit Waffen zu tun haben wolle. Konnte er danach wirklich noch annehmen, dass das Trio ein friedliches Leben im Untergrund führt? Fragen drängen sich auf, doch Holger G. will sie zumindest vorerst nicht beantworten. Am Dienstag wird der Prozess fortgesetzt.

Von Philipp Vetter

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