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"Es ist das Fundament unserer Religion"

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Ein Rabbi (l) und der Kindsvater beten bei einer jüdischen Beschneidungszeremonie (Archivbild). © dpa

München - Die deutschen Juden atmen auf, nachdem die Regierung angekündigt hat, Beschneidungen ausdrücklich zu erlauben.

Yitshak Ehrenberg fühlt sich wohl in Deutschland. Sieben Jahre lang war der gebürtige Israeli ab 1990 Rabbiner in der Synagoge an der Münchner Reichenbachstraße. Am Telefon begrüßt er den Anrufer aus Bayern mit einem fröhlichen „Grüß Gott!“. Die Diskussionen aber, die Ehrenberg, der heute Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ist, zuletzt erlebt hat, verunsichern ihn. Ein Kölner Gericht hatte geurteilt, dass die religiös motivierte Beschneidung eines muslimischen Buben eine Körperverletzung sei. Seitdem hatte Ehrenberg Sorge um das jüdische Leben in Deutschland insgesamt.

Es handelt sich zwar um ein Einzelurteil. „Aber es besteht die Gefahr eines Präzedenzfalles“, sagt der Rabbiner. Ehrenberg hatte zwar gehofft, dass ein Verbot vom Bundesverfassungsgericht gekippt werden würde. Jetzt aber ist er erleichtert, dass die Bundesregierung angekündigt hat, die Beschneidung zu legalisieren. „Die Beschneidung ist nicht einfach ein Gebot“, sagt er. Das Entfernen der Vorhaut, das traditionell am achten Tag, den die Buben auf der Welt sind, stattfindet, sei „das Fundament unserer Religion“. Das sieht auch Michael Brenner so. Brenner ist Professor für Jüdische Geschichte an der Münchner LMU. Er sagt: „Sie können sich das so vorstellen, wie wenn ein Gericht die christliche Taufe verbieten würde.“ Im Laufe der jüdischen Geschichte seien Beschneidungen immer nur dann unter Strafe gestanden, wenn Juden auch verfolgt wurden. „Es gibt kein einziges Beispiel einer westlichen Demokratie, die die Beschneidungen je unter Strafe gestellt hätte. Deutschland wäre der erste Fall.“ So weit wird es nun wohl nicht kommen.

Deutschlands UNESCO Welterbestätten

Das umstrittene Urteil vom 26. Juni hatte einer größeren Öffentlichkeit erst klargemacht, dass Rechtsunsicherheit besteht. Mediziner sowie jüdische und muslimische Familien befinden sich in einer Art Schwebezustand. Das soll jetzt ein Gesetz ändern. Wie das aussehen könnte, werde derzeit zwischen den Ministerien und dem Bundeskanzleramt beraten, sagte Merkels Sprecher Steffen Seibert.

Kritik am Kölner Beschneidungsurteil war nicht nur von Juden und Muslimen gekommen, sondern auch aus den Kirchen. Der frühere Landesbischof Johannes Friedrich sagte: „Es gehört auch dazu, die Unversehrtheit der Psyche eines Kindes zu bedenken. Es kann viel verletzender sein, wenn ein Kind das Gefühl hat, dass es zu einer religiösen Gruppe nicht dazugehört.“

Die Rabbiner in Deutschland hatten ihre Gemeinden bereits aufgerufen, das Urteil zu ignorieren. Auch international hat die Entscheidung Aufsehen erregt. „Ich glaube, das hat Deutschland schon jetzt sehr geschadet“, sagt Rabbiner Ehrenberg, der die Debatten in Israel genau verfolgt.

Unsachlich ist die Debatte für Professor Brenner schon wegen des deutschen Worts „Beschneidung“. „Es ist unglücklich, dass der Begriff der gleiche ist wie bei weiblichen Beschneidungen“, sagt er. „Dabei handelt es sich um eine schreckliche Genitalverstümmelung.“ Bei den Buben aber sei es keine Körperverletzung. Sogar die Weltgesundheitsbehörde spreche eine Empfehlung für Beschneidungen aus.

Yitshak Ehrenberg glaubt, erst ein generelles Verbot hätte zu Problemen geführt. „Wir achten sehr auf die Hygiene und die Gesundheit des Kindes“, so der Rabbiner. „Nach einem Verbot hätten die Beschneidungen in Verstecken und unter schlechten Bedingungen stattfinden müssen“, sagt Ehrenberg.

Von Felix Müller

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