Die Trikots von Tennis Borussia Berlin
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Mit diesen Trikots wollte Tennis Borussia Berlin ein Zeichen setzen. Der zuständige Fußballverband lehnte ab.

„Gruppe könnte sich provoziert fühlen“

Ist das schon „politisch“? Verband erteilt Trikot-Verbot - und erläutert nun brisante Begründung

  • Andreas Schmid
    VonAndreas Schmid
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Einem Regionalligisten wird eine „politische“ Trikotwerbung untersagt. Die Begründung wirft Fragen auf. Auf Anfrage von Merkur.de erläutert der Verband die brisante Entscheidung.

Berlin - Die Glanzzeiten von Tennis Borussia Berlin sind lange vorbei. In den 1970er Jahren gab es für den Klub aus dem Stadtteil Charlottenburg ein kurzes Intermezzo in der Fußball-Bundesliga, mittlerweile startet „TeBe“ in der viertklassigen Regionalliga Nordost. Dort gibt es nun Ärger mit dem Verband - kurz nach dem ähnlich gelagerten Streit um die Regenbogen-Beleuchtung der Münchner EM-Arena.

Berlin: Tennis Borussia will sich mit Opfern rechter Gewalt solidarisieren - Verband lehnt ab

Die Berliner, die sich auch aufgrund ihrer jüdischen Vergangenheit aktiv gegen Fremdenfeindlichkeit einsetzen, wollten ein Zeichen gegen rechte Gewalt setzen. Für das Ligaspiel gegen den FSV Union Fürstenwalde plante der Klub Sondertrikots. Die Werbefläche sollte der Schriftzug des Opferfonds Cura zieren. Cura ist Teil der Amadeu Antonio Stiftung und bietet Opfern rechtsradikaler, rassistischer und antisemitischer Gewalt finanzielle Unterstützung. Die Trikots waren bereits bedruckt – durften allerdings nicht getragen werden.

Erst am Spieltag erteilte der Nordostdeutsche Fußballverband dem Verein eine Absage. Für Tennis Borussia kam dieser Schritt nach eigenen Angaben überraschend, da der Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) zuvor mündlich signalisiert habe, dem Antrag zumindest für einen Spieltag stattzugeben.

Auf Anfrage von Merkur.de stellt der NOFV jedoch klar, dass TeBe „lediglich darüber informiert wurde, dass ein Antrag gestellt werden kann“. TeBe hatte auch versucht, dauerhaft mit Cura zu werben, was vom Verband relativ schnell abgelehnt worden sei. Am Spieltag war es den Borussen dann lediglich gestattet, sich in Aufwärmtrikots mit den Todesopfern rechter Gewalt zu solidarisieren. Vor Anpfiff trugen die Spieler des Vierligisten entsprechende T-Shirts.

Berlin: Verband lehnt Trikotantrag ab - „haben die Sorge, dass sich eine bestimmte Gruppe von Personen provoziert fühlen könnte“

Einige Tage nach dem Spiel, das TeBe übrigens mit 3:1 gewann, ist die Thematik immer noch brisant. Das liegt an der etwas seltsam anmutenden Absage-Begründung, die der Nordostdeutsche Fußballverband an die Berliner adressierte. Nachdem sich der NOFV drei Tage Zeit gelassen hatte, die Gründe für das Verbot zu erklären, schrieb er am 30. Juli: „Politische Aussagen jeglicher Art auf der Spielkleidung (...) sind nicht erlaubt.“

Der NOFV bezog sich dabei auf seine Satzung und stellte gleichzeitig klar, „für Vielfalt und Toleranz“ zu stehen und „rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen sowie anderen diskriminierenden und menschenverachtenden Verhaltensweisen entschieden entgegen“ zu treten. Das Statement des Verbands war damit jedoch noch nicht beendet.

Bei Tennis Borussia wunderte man sich insbesondere über folgende Aussage: Der NOFV habe „die Sorge, dass sich eine bestimmte Gruppe von Personen durch die Werbung provoziert fühlen könnte.“ Welche Gruppe konkret damit gemeint ist, erläuterte der NOFV anfangs nicht, schreibt aber auf Anfrage von Merkur.de: „Jegliche Statements und jegliche Positionierung können bei anderen Leuten für Unmut oder Unstimmigkeiten sorgen beziehungsweise als Provokation gedeutet werden. Es können sich Leute provoziert fühlen, die sich dadurch angegriffen oder aber missachtet/ignoriert fühlen, weil Sie ‚linke Gewalt‘ erleben mussten und die Aufmerksamkeit ebenfalls verdient hätten.“

Der Verband erklärt zudem, dass der Antrag aufgrund der Aussage „Opferfonds rechter Gewalt“ abgelehnt wurde und begründet dies „mit dem Hinweis auf ausschließlich rechte Gewalt, denn es gibt auch Gewalt von links und weitere Formen von Aggressionen und Diskriminierungen.“ Der NOFV betont: „Allein um die Einhaltung der Spielordnung geht es hier.“

Kritik am NOFV: „Steigbügelhalter rechter Ideologie“ - Verein: „kaum zu glauben“

In Berlin hätte man sich allerdings mehr Klarheit gewünscht. Auf Anfrage von Merkur.de zeigt sich Tobias Schulze, Pressesprecher des Vereins, irritiert über die Aussage, „eine bestimmte Gruppe“ nicht provozieren zu wollen. Für ihn ist klar, wer damit gemeint ist. „Einerseits kann ich mir nur eine Gruppe vorstellen, die sich von finanzieller Hilfe für Opfer rechtsextremer Gewalt provoziert fühlt: Rechtsextreme. Andererseits wäre es kaum zu glauben, wenn sich ein Sportverband seine Entscheidungen tatsächlich von solchen Personen vorschreiben lässt.“

Kritik kommt auch von der aktiven Fanszene der Borussen: „Indem der NOFV sich hinter einem vermeintlichen politischen Neutralitätsgebot versteckt, macht er sich zum Steigbügelhalter rechter, rechtspopulistischer und rechtsextremer Ideologie“, erklärte die Gruppe Bataillon d‘Amour im Namen der Fans. Der Verband verdrehe Täter und Opfer. Der Verein hofft derweil, „dass der NOFV diese Aussage noch korrigiert.“

Aktuell läuft Tennis Borussia wie hier im Ligaspiel gegen den Berliner AK ohne Sponsor auf der Brust auf. Der Verein hat noch keinen Partner gefunden.

Tennis Borussia Berlin: „Verstehen nicht, warum der Verband Betroffene rechter Gewalt schlechter stellt“

Ob es zu dieser Korrektur kommt, ist allerdings fraglich. Gegenüber unserer Redaktion erklärt der NOFV, mit seinem Antidiskriminierungsbeauftragten „intensiv“ die Thematik Werbung im Sport zu erörtern. Aktuell scheint der Kurs aber noch nicht ganz ausdefiniert zu sein.

Der SV Babelsberg 03 spielte 2019 mit dem Trikotsponsor „Seebrücke“, einer Aktion, die sich für Geflüchtete einsetzt. Der FC Carl Zeiss Jena wirbt aktuell auf seinen Jerseys für die Impfkampagne. Beide spielen wie TeBe in der Regionalliga Nordost. Auch diese Botschaften könnten durchaus als politisch gedeutet werden. Die Werbung des SV Babelsberg sei „unter bestimmten Voraussetzungen genehmigt“ worden, heißt es. TeBe zeigt sich dennoch verwundert: „Wir finden diese Genehmigungen natürlich richtig, verstehen aber nicht, warum der Verband ausgerechnet Betroffene rechter Gewalt schlechter stellt.“

„Wer sich durch Werbung für einen Opferfonds provoziert fühlt, hat nichts auf einem Fußballplatz zu suchen“

Tennis Borussia und der Opferfonds Cura können trotz des Verbots ein positives Fazit der Aktion ziehen. Durch Trikotverkäufe der Sonderanfertigungen konnten bereits 1400 Euro generiert werden. Außerdem spendete der Stadionwirt Teile seiner Heimspieleinnahmen. Die Zusammenarbeit mit Cura will der Verein fortsetzen. Aktuell gehen von jedem im Fanshop bestellten Trikot zehn Euro an den Opferfonds.

Der Nordostdeutsche Fußballverband scheint unterdessen als Verlierer vom Platz zu gehen. Kritiker werfen dem NOFV vor, sich nicht klar genug gegen rechts abzugrenzen. Das wurde beispielsweise 2017 deutlich, als Anhänger von Energie Cottbus trotz offen geäußerten neonazistischen Beleidigungen in Richtung Babelsberg 03 sehr milde bestraft wurden. Stattdessen sanktionierte der NOFV den Gegner für die Äußerung „Nazischweine raus“.

Der Verband wehrt sich gegen dieses Bild und stellt klar: „Dieser Nachrede treten wir entschieden entgegen. Wir haben besondere Probleme in Ostdeutschland und in den ostdeutschen Vereinen, die wir nicht verhehlen, dennoch tun wir in Zusammenarbeit mit den Landesverbänden und Vereinen viel dafür, diese Probleme und Vorkommnisse zu reduzieren.“ Der Fußball sei für alle da. Die aktive Fanszene schreibt abschließend: „Wer sich durch Werbung für einen Opferfonds provoziert fühlt, hat nichts auf einem Fußballplatz zu suchen.“ (as)

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