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Dem Experten Claus Fussek reicht das Pflege-Paket nicht.

Experte im Interview

Fussek über Pflege-Paket: „Mit einer Wasserpistole auf einen Waldbrand“

Dem Experten Claus Fussek reicht das Pflege-Paket nicht, er fordert einen Rechtsanspruch auf Palliativ-Versorgung. Im Interview erklärt er, warum, wieso und weshalb..

München – Seit Jahren kämpft Claus Fussek, 65, für die Rechte von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen. Im Interview erklärt er, was er von dem Pflege-Paket der Staatsregierung hält.

Das Kabinett hat ein Pflege-Paket verabschiedet. Freut Sie das?

Claus Fussek: Zumindest bin ich erfreut, dass ein Ministerpräsident Pflege offensichtlich zur Chefsache macht. Wenn man die Punkte durchgeht, wirkt es aber, als ob man mit einer Wasserpistole ein Waldbrand gelöscht werden soll.

Bringen 1000 Euro Landespflegegeld nichts?

Claus Fussek kämpft seit 40 Jahren gegen Pflege-Missstände.

Fussek: Rund 70 Prozent der pflegebedürftigen Menschen in Bayern werden von Angehörigen versorgt. Und auch Pflegestufe 2 heißt oft, dass sie 24 Stunden täglich unter Strom stehen. Viele sind völlig überlastet. Natürlich sind sie dankbar über jede Verbesserung. 1000 Euro im Jahr sind besser als gar nichts. Aber teilt man die Summe durch zwölf Monate und dann durch 30 Tage, dann sieht die Summe etwas mickrig aus.

500 neue Plätze in der Kurzzeitpflege: Bringt das wenigstens Entlastung?

Fussek: Kurzzeit- und Tagespflege wären eine riesige Entlastung für pflegende Angehörige. Sie können sich von der anstrengenden Pflege erholen. Der Bedarf an Kurzzeitpflegeplätzen ist heute schon groß. Aber man muss ehrlich sein: Man braucht Personal, und das können Herr Söder und Frau Huml nicht herzaubern.

Um den Beruf des Altenpflegers attraktiver zu machen, hat Markus Söder den Bund aufgefordert, in der Altenpflege flächendeckend nach Tarif zu zahlen...

Fussek: Die Forderung ist richtig. Aber schon heute kann es sich kein Heim bei einem solchen Mangel leisten, unter Tarif zu bezahlen. Trotzdem kämpfen die Pfleger für bessere Arbeitsbedingungen. Das ist absurd. Sie müssten sich gewerkschaftlich zusammenschließen. Es gibt doch niemanden, der gegen eine bessere Bezahlung ist. Aber Pflege ist ein Riesengeschäft. Die mächtigsten Arbeitgeber sind die Kirchen und Wohlfahrtsverbände. Die Forderung geht deshalb an die Tarifparteien, nicht an die Politik.

Wenn keiner was gegen mehr Geld hat, woran scheitert es?

Fussek: Die Gesellschaft verdrängt kollektiv das Thema Pflege. Wir bräuchten ein Umdenken und eine so leidenschaftliche Diskussion, wie wir sie zu Recht über Kinderbetreuung geführt haben. Pflege muss endlich die Schicksalsfrage der Nation werden. Das Pflege-Paket ist ja auch kein Geschenk des neuen Ministerpräsidenten. Wir alle zahlen es mit unseren Steuern. Es geht um die Würde des Menschen, und die muss in einer Zivilgesellschaft einen hohen Stellenwert haben.

Die Angebote im Hospiz- und Palliativbereich sollen verdoppelt werden. Reicht das?

Fussek: Es darf eigentlich kein Pflegeheim in Bayern geben, das nicht palliative Pflege als selbstverständliches Angebot hat. In jedem Pflegeheim wird gestorben. Wir bräuchten einen Rechtsanspruch auf Kurzzeitpflege, auf Tagespflege und auf palliative Pflege. Auch die Pflegekräfte wollen übrigens palliative Versorgung als Arbeitsbedingung. Viele geben ihren Beruf auf, weil sie zum Beispiel einem sterbenden Menschen nicht mehr die Hand halten können. Es kann doch nicht sein, dass Sterbebegleitung unter Finanzierungsvorbehalt steht. Und dass Menschen, die im falschen Landkreis leben, einsam sterben müssen.

Brauchen wir ein Landesamt für Pflege?

Fussek: Es gibt null Erkenntnisprobleme bei dem Thema. Ich weiß nicht, warum man so ein Gremium braucht.

Interview: Aglaja Adam

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