+
G20-Gegner machen Selfies vor brennenden Barrikaden.

Katz-und-Maus-Spiel in Hamburg

G20: „Krawalltouristen“ machen Selfies vor brennenden Barrikaden

  • schließen

Nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel: Auch in der Nacht auf Sonntag kommt das Hamburger Schanzenviertel nicht zur Ruhe. Doch ist es noch Kapitalismuskritik, wenn Autonome Selfies vor brennenden Barrikaden machen?

Hamburg - Trump, Erdogan und Putin sind schon längst wieder auf dem Heimweg, als in der Nacht auf Sonntag erneut erneut Flaschen und Steine in Hamburg fliegen. Nach dem Ende des G20-Gipfels liefert sich die Polizei im Schanzenviertel in der Nacht zu Sonntag stundenlang ein Katz-und-Maus-Spiel mit Hunderten Krawallmachern. Wieder Barrikaden, wieder Wasserwerfer und Tränengas, wieder brennende Autos. Der gewalttätige Protest hält Hamburg auf Trab.

Dabei wirken die Straßen der Hansestadt am Tag nach der Gewaltorgie in der Straße Schulterblatt zunächst friedlich. Am Nachmittag ziehen Zehntausende zum Abschluss des Gipfels durch die Straßen, setzen ein buntes Zeichen gegen die G20-Politik. Am Abend strömen viele wieder ins Schanzenviertel, Tausende versammeln sich auf den Straßen, trinken Bier. Ein paar Trommler unterhalten die Massen vor der „Roten Flora“, dem linksautonomen Kulturzentrum, Frauen tanzen vor einem Wasserwerfer. Die Polizei hält sich im Hintergrund.

Selfie vor Lagerfeuer: Kann das echt sein?

Um 22.45 Uhr ändert sich die Lage schnell und unerwartet. Allerdings ensteht der Eindruck, dass es nicht so viele vermummte Autonome sind wie in der Vornacht. Sie wirken eher wie „Krawalltouristen“, also solche, die auf die Straße gehen, weil sowieso schon Anarchie herrscht in Hamburg. Das zeigt sich etwa darin, dass manche Selfies vor brennenden Barrikaden machen. Ein besonders eindrucksvoll-bizarres Bild macht derzeit auf Twitter die Runde: Ein Mann hält sein iPhone hoch, fotografiert sich selbst vor einem brennenden Haufen. Doch kann das Bild überhaupt echt sein? Viele Nutzer stellen die Frage, ob es gefaked ist. 

Laut Spiegel Online kommt es von einem österreichischen Journalisten, der den Selfie-Jäger vor einem Lagerfeuer gesehen hat. Der Spiegel hat die Daten des Bildes überprüft und schreibt: „Eine einfache fotoforensische Analyse unserer Bildredaktion liefert keine Anhaltspunkte für eine Manipulation.“ Mit Kapitalismuskritik haben solche Bilder dennoch wenig zu tun. Ein User kommentierte das Bild so: „Gegen Globalisierung protestieren, Second-Hand-Babyläden abfackeln & dann mit dem Apple(!)-Handy Selfies schießen! Arschgeigen!!“

Indes räumen Beamte das Viertel in der Nacht mit Wasserwerfern. Die Polizei greift frühzeitig durch. Die Einsatzkräfte riegeln das Viertel ab, Straße für Straße, bilden Menschenketten und schieben die Massen vor sich her. Es habe Angriffe gegeben, heißt es zur Begründung. Immer wieder blockieren Demonstranten den Weg, setzen sich auf Kreuzungen. Es sind nicht die vermummten Chaoten vom Vorabend, das Bild beherrschen junge Menschen, sie tragen bunt, nicht schwarz, sie heben die Hände, rufen der Polizei entgegen: „Wir sind friedlich, was seid ihr?“. Auf einer weißen Fahne weht das Peace-Zeichen.

Schanzenviertel musste wieder mit Wasserwerfern geräumt werden

Die Beamten wollen diesmal die Kontrolle bewahren, eine Gewalteskalation wie in der Vornacht vermeiden. Am Freitag regierte der Mob auf der Schanze. Vermummte Chaoten plünderten Läden, zündeten Barrikaden an, verwüsteten ganze Straßenzüge. Sie hatten mehrere Stunden freie Hand. Hässliche Bilder gingen von Hamburg um die Welt.

Doch auch am frühen Sonntagmorgen eskaliert die Lage über Stunden hinweg. Dutzende Flaschen fliegen auf die Einsatzkräfte. Mit Tränengas und Wasserwerfern löst die Polizei Sitzblockaden auf. Erneut gehen Fenster zu Bruch. Mehrere Demonstranten werden festgenommen.

Eine Frau an der Ecke der Budapester Straße sorgt sich in der dritten Chaosnacht in Folge um den Ruf ihrer Stadt. Die Leute im Schanzenviertel seien gegen die Gewalt, beteuert sie. Sie habe kein Verständnis für die Krawallmacher. „Wir haben Mülltonnen vor denen weggezogen und gesichert.“

Gruppen zerstreuen sich, verstecken sich in Nebenstraßen

Die Polizei treibt sie von einer Straße in die nächste und zurück, liefert sich mit mehreren Hundert Krawallmachern ein Katz-und-Maus-Spiel. Wenn die Hundertschaften anrücken, zerstreuen sich die Gruppen, verstecken sich in Nebenstraßen. Sobald die Polizei sich aus einer Straße zurückzieht, bauen sie neue Barrikaden auf, zünden wieder Mülleimer an. Viel Tränengas wabert in dieser Nacht durch die Straßen.

Als sich die Lage am frühen Morgen in der Schanze wieder beruhigt, ist US-Präsident Donald Trump, Lieblingsgegner und Erzfeind der G20-Protestler, schon wieder zuhause in der US-Hauptstadt Washington. Er dürfte von den schweren Krawallen in den drei Tagen in Hamburg nicht viel mitbekommen haben. Am Samstagabend bilanziert er auf Twitter: „Alle fühlten sich sicher, trotz der Anarchisten.“

pak/dpa

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

US-Senat eröffnet Debatte zur Abschaffung von "Obamacare"
Knapper geht es nicht, und geheimniskrämerischer auch nicht. Mit der knappsten aller Mehrheiten ebnen die Republikaner im US-Senat der Abschaffung von "Obamacare" den …
US-Senat eröffnet Debatte zur Abschaffung von "Obamacare"
Etappensieg für Trump im Streit um Gesundheitsreform
Kleiner Erfolg für US-Präsident Donald Trump im Streit um die Krankenversicherung: Mit hauchdünner Mehrheit hat der Senat am Dienstag beschlossen, in einen …
Etappensieg für Trump im Streit um Gesundheitsreform
Bis auf 137 Meter genähert: US-Marine warnt iranisches Schiff mit Schüssen
Ein Schiff der US-Marine hat im Persischen Golf Warnschüsse abgegeben, nachdem sich ein iranisches Boot genähert hatte. Die reagieren gelassen.
Bis auf 137 Meter genähert: US-Marine warnt iranisches Schiff mit Schüssen
Juncker sichert Italien weitere 100 Millionen Euro in Flüchtlingskrise zu
Die Europäische Kommission hat Italien in der Flüchtlingskrise weitere Hilfen zugesagt. Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker stellte am Dienstag in einem Brief an …
Juncker sichert Italien weitere 100 Millionen Euro in Flüchtlingskrise zu

Kommentare