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Das Protestcamp der G7-Gipfel-Gegner bei Elmau.

"Ganz normale Menschen"

G7-Gipfel-Gegner: Widerstand ist selten komfortabel

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    Marcus Mäckler
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Garmisch-Partenkirchen - Sie fordern ein Ende der Globalisierung, von Waffenexporten und Kriegen: Tausende Demonstranten reisten nach Garmisch-Partenkirchen, um ein Zeichen gegen den G7-Gipfel auf Schloss Elmau zu setzen. Das Wetter allerdings macht ihnen einen Strich durch die Rechnung.

Die schwarze Brühe in dem verbeulten Metallkessel dampft, ein Mann mit langen Haaren taucht eine Schöpfkelle hinein. Im Akkord schenkt er so an diesem Sonntagmorgen im Protestcamp Kaffee aus. Vor ihm steht eine lange Schlange von G7-Gipfelgegnern. Sie sehen müde aus, abgekämpft, haben Ringe unter den Augen und Schlamm an den Schuhen. Die Demonstranten im Camp haben gerade eine Höllennacht hinter sich.

Am Abend zuvor wurde das G7-Gipfel-Gegner-Lager – rund 150 Zelte – von den Organisatoren vorübergehend evakuiert, ein Unwetter zog über Garmisch-Partenkirchen. Das Wasser im Camp stand mehrere Zentimeter hoch, am Himmel zuckten die Blitze. Die Demonstranten suchten Unterschlupf in Unterführungen, unter einer überdachten Holzbrücke, manche spannten einfach nur Erste-Hilfe-Decken über ihre Köpfe. Es war nass, kalt und richtig ungemütlich. Einige Demonstranten kamen bei Garmisch-Partenkirchnern unter.

G7-Gipfel 2015 in Elmau: Unwetter kann Willen nicht brechen

Draußen, vor dem Zelt mit dem Kaffeekessel, sitzen jetzt ein paar Dutzend Menschen auf Bierbänken und wärmen sich in der Sonne auf. Hier ist die Stimmung schon ein wenig besser. Zwei Schweizer mit Vollbärten und schwarzen Sonnenbrillen unterhalten sich darüber, wie man eine spezielle Sorte Nutzpflanzen am besten in der Wohnung züchtet. Eine Gruppe Dresdner redet darüber, auf welchen Wegen man zu den Zufahrtsstraßen nach Elmau gelangen könnte – um sie zu blockieren. „Wenn wir schon nicht vor dem Schloss demonstrieren dürfen, dann machen wir ihnen eben die Versorgung schwer.“

Ihren Willen, hier in Garmisch-Partenkirchen beim G7-Gipfel ein Zeichen zu setzen, kann auch kein Unwetter brechen.

Die Wege im Camp sind zwar schlammig, die Dixie-Klos stinken und zum Waschen müssen die Gipfelgeg- ner die eiskalte Loisach nutzen – aber Widerstand ist eben selten eine komfortable Angelegenheit. Wegen des Komforts ist aber ohnehin keiner gekommen. Die G7-Demonstranten wissen spätestens seit Samstag: Im Zweifel wird sie dieser Freistaat hart anfassen.

Bei der ersten großen Demo durch den Ort kam es zu kleineren Reibereien am Rand – und zu einem handfesten Zwischenfall. Dabei begann zunächst alles ganz friedlich: Vorne schwenkten sie rote Fahnen und schrien ihren Widerstand raus, hinten legte ein DJ Musik auf, zu der dutzende Menschen tanzten. Mindestens 3600 G7-Demonstranten standen 1700 Polizisten gegenüber. Zu dem Zeitpunkt war das erste Machtspielchen bereits vorbei – die Polizei ließ den Zug nicht weiter. Transparente seien zu groß gewesen. Bürokratie statt Protest.

G7 Gipfel 2015 auf Schloss Elmau: "Polizei trägt Verantwortung"

Das Ziel der G7-Gipfelgegner war eine Straße am Ortsausgang – in der Nähe der B 2, die nach Elmau führt. Ein neuralgischer Punkt – aus der Sicht der Demonstranten ideal für eine Blockade. Doch das wussten natürlich auch die Beamten und versperrten ihnen den Weg.

Bei der Aufführung eines kleinen Theaterstücks an der Spitze der Demonstration gerieten Polizei und Gipfelgegner dann plötzlich aneinander. Schlagstöcke flogen, Pfefferspray zischte. Die Polizisten sagen, die Demonstranten gegen den G7-Gipfel 2015 auf Schloss Elmau hätten sie zuerst mit Holzlatten geschlagen und mit einem Feuerlöscher besprüht. Die Gipfelgegner behaupten, die Beamten hätten sie grundlos mit Pfefferspray angegriffen.

Wie es wirklich war, ist schwer zu sagen. Am Tag danach schieben sich beide Seiten die Schuld zu. Auch im Camp ist die Auseinandersetzung am Morgen das große Thema. „Wir hatten eine schöne Stimmung, plötzlich ging die Polizei in die Demo rein“, sagt Cornelia Teller von „Stop G7 Elmau“. Für sie ist klar: „Die Polizei trägt die Verantwortung.“ Im Camp kursiert die Zahl von 40 verletzten Demonstranten. Die Polizei weiß nur von einem Gipfelgegner, der behandelt werden musste. Dafür seien acht Polizisten leicht verletzt worden.

Während in Elmau die letzten Vorbereitungen für den Beginn des Gipfels laufen, trocknen die Demonstranten ihre völlig durchnässte Kleidung auf Wäscheleinen.

Die G7-Gipfelgegner hier im Camp kommen hauptsächlich aus Deutschland, unter ihnen sind aber auch Österreicher und Schweizer. Sie verbindet der Wille, ihren Protest hinauszutragen in die Welt. Dabei nehmen sie sich alle großen Themen vor.

Sie sehen in der Globalisierung ein Instrument der Konzerne, um Menschen auszubeuten. Sie werfen dem Westen Kriegstreiberei vor, deren Konsequenz die verzweifelte Flucht abertausender Frauen, Kinder und Männer über das Mittelmeer sei. Das Treffen der Regierungschef zum G7-Gipfel auf Schloss Elmau sehen sie nicht als Lösung dieser Probleme, sondern als ein Symptom dieser Missstände. Eine privilegierte Elite, die sich unter dem Schutz von tausenden Polizisten zum Parlieren trifft. Sagen sie.

„240 Millionen Euro für den Gipfel – damit könnte man Mare Nostrum zwei Jahre laufen lassen“, sagt einer der G7-Demonstranten im Camp. Mare Nostrum war eine Operation der italienischen Marine und Küstenwache zur Rettung von Flüchtlingen. Sie wurde nach einem Jahr aber wieder eingestellt – aus Kostengründen.

G7 Gipfel in Elmau: Deeskalation sieht anders aus

Im G7-Gipfel-Gegner-Camp empfinden sie das, was am Samstag passiert ist, als Schlappe. Und in sicherer Entfernung macht sich auch noch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) über sie lustig. „Das muss man erst hinkriegen“, sagt er in Krün. „Gestern die Demonstranten wegschwemmen und heute so ein Wetter.“ Deeskalation sieht anders aus.

Doch viel Zeit zum Wundenlecken bleibt den G7-Gipfelgegnern nicht. An diesem Morgen machen sich die ersten schon früh morgens auf den Weg zum Sternmarsch. Sie wollen aus verschiedenen Richtungen möglichst nahe zum Gipfelort laufen. An einer Stelle schaffen sie es sogar, der Polizei richtig Arbeit zu machen. Eine Stunde lang blockieren sie die B2. Am Ende werden einige von ihnen festgenommen. In der Umgebung rund um Garmisch-Partenkirchen liefern sich Demonstranten und Polizei ein Katz- und Maus-Spiel – noch bis Dienstag wird das vermutlich so weitergehen. Vorausgesetzt es sind bis dahin noch ein paar Gipfelgegner übrig.

Hunderte von ihnen reisen bereits am Sonntagabend ab. Ein Campsprecher formuliert es so: „Viele von uns müssen arbeiten“, sagt er. „Wir sind ganz normale Menschen.“

Patrick Wehner und Marcus Mäckler

G7-Gipfel 2015 auf Schloss Elmau: News-Ticker und die wichtigsten Fakten

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum G7-Gipfel haben wir bereits für Sie zusammengefasst. In unserem News-Ticker zum G7-Gipfel erfahren Sie die aktuellsten Nachrichten rund um das Großereignis auf Schloss Elmau.

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