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Dynamischer Auftritt: Barack Obama gestern auf dem Weg vor die Presse.

Skepsis um Treffen der Staats- und Regierungschefs

Nach G7-Gipfel: Klare Ansagen aus den Alpen

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Elmau - Große Aufregung um ein wenig Palaver? Die Skepsis um den G7-Gipfel war groß. Zum Schluss wollen die Staatschefs deshalb klare Zeichen setzen. Beim Klima, aber auch gegenüber Russland.

Wo Obama spricht, hat der Zufall Pause. Eine Putzkolonne rückt an, saugt nochmal den Bühnenteppich, ein Lakai zupft die Fahnen im Hintergrund zurecht. Die Agenten des Secret Service nehmen Aufstellung an den Wänden des Pressekonferenzraums, die Journalisten starr im Blick. Warten. Ein Mitarbeiter springt auf: „This is a two-minute-warning!“ Zwei Minuten noch.

Es ist der letzte Akt des großen Gipfels: Barack Obama nähert sich, um in einem Nebenbau des Schlosses Elmau vor die Weltpresse zu treten. Jetzt ist die Stunde der Erklärer und Deuter gekommen, sie wollen möglichst positiv darstellen, was die G7-Runde verhandelte. Die Tür öffnet sich, Obama springt schwungvoll auf die Bühne. Wie versprochen: Kein Stäubchen auf dem Teppich, keine falschen Flaggenfalten – auch dass es keine unliebsame Medien-Überraschung gibt, ist gesichert. Vor Obama liegt bereits eine Liste der sechs Fragesteller, die er nach seinem Statement der Reihe nach aufruft. Alle sind aus dem Pressekorps des Weißen Hauses, sie stehen auf und beginnen jede Frage mit der Formel: „Thank you, Mr. President.“

G7 Gipfel 2015 in Elmau: Verhandlungen dauern 27 Stunden

Einen Nachmittag, eine lange Nacht und einen Vormittag verhandelten die wichtigsten Weltenlenker in Elmau. Am Ende dieser 27 Stunden wollen sie die Deutungshoheit über ihre Debatte behalten. Vor allem bei diesem komplizierten Treffen, das seine offiziellen Themen hat, aber auch die inoffiziellen, die über dem Gipfel wabern wie die Wolken im Karwendelgebirge. Russland, Griechenland und andere Ärgernisse. Am Ende lautet die eigentliche Botschaft dieses Gipfels: Die G7 sind mehr als ein elitärer, teurer Debattierclub bei Gourmetmenüs. Man stehe „Schulter an Schulter“, sagt Obama. Im Jahr zwei nach Putin erfindet sich die Gruppe ein Stück weit neu.

Wer gut hinhört, bemerkt höchstens unterschiedliche Nuancen in der Betonung. Angela Merkel darf an diesem Nachmittag als erste Bilanz ziehen. Protokollarisch, als Gastgeberin, spricht sie auch in einem größeren Raum als Obama. Sie will über Wladimir Putin oder gar Alexis Tsipras weniger reden als über die Themen, die sie als amtierende G7-Präsidentin auf die Tagesordnung setzte. „Wir haben nicht überproportional viel über Russland gesprochen“, meldet sie knapp. Hoch konzentriert spricht sie lieber über die Abschlusserklärung des Gipfels – immerhin 21 dicht bedruckte Seiten. Große Themen: der Welthandel, der Kampf gegen den Hunger, den Terrorismus, gegen Seuchen. Knochentrocken hakt die Kanzlerin Punkt um Punkt ab. Keine Wertungen, kein Selbstlob, nur nüchterner Arbeitsnachweis. Botschaft: Die G7 ziehen an einem Strang.

Fragen nach Putin weicht sie eher aus. „Wir setzen auf Kooperation und Zusammenarbeit mit Russland“, sagt sie, um gleich zu betonen, wie zufrieden man mit der Arbeitsatmosphäre in Elmau gewesen sei. Hier agiert eine Wertegemeinschaft. Für einen wie Putin, so macht sie damit nebenbei klar, ist hier kein Platz.

G7 Gipfel in Elmau: Es wird offenbar mehr geredet als Merkel glauben machen will

Barack Obama geht das Thema viel offensiver an. Seine Kernbotschaft an diesem Tag zielt vor allem auf Moskau. Eine wenig verklausulierte Drohung will der US-Präsident senden an den Mann, den er „Mr. Putin“ nennt, hart ausgesprochen mit kurzem U und gar keinem I, während sich die anderen Staatschefs nett beim Vornamen nennen. Obama droht weitere Sanktionen an, falls sich Russland nicht an das Minsker Abkommen in der Ukraine-Krise halte. Der Westen sei bereit, die Maßnahmen zu verschärfen. Die bisherigen Schritte hätten wirtschaftlich Wirkung gezeigt. Ausführlich zählt Obama auf: Der Rubel „down“, die Inflation hoch, fehlende Technologien für Konzerne und die Verteidigungsindustrie – Russland verletze sich mit seiner Aggression in der Ukraine selbst. „Mr. Putin“ solle sich überlegen, ob er sein Land in die Isolation führen wolle, nur wegen eines „irrgeleiteten Verlangens nach einer Wiedererlangung eines Sowjetreiches“.

Offenbar wurde doch mehr darüber geredet, als Merkel glauben machen will. Auch im Gipfelpapier ist die Formulierung eindeutig: „Wir sind bereit, auch weitere beschränkende Maßnahmen zu ergreifen, um die Kosten für Russland zu erhöhen, sollten seine Handlungen dies erforderlich machen.“ In der Diplomatensprache ist das eine offene Drohung.

Auch das andere Nicht-Thema ist intern omnipräsent: Griechenland. Offiziell steht die Krise des Euro-Landes mit keinem Wort auf der Tagesordnung. Inoffiziell geht es in fast jedem Gespräch darum. Man muss sich so einen Gipfel als lange Abfolge vieler Gespräche vorstellen, nicht immer in großer Runde im Yoga-Raum des Hotels. Merkel zum Beispiel tagt bilateral mit Obama, mit dem Kanadier Stephen Harper, mit Japans Regierungschef Abe. Es gibt offizielle Zirkel, wo die Mitarbeiter hinten auf Bänken sitzen. Es gibt das Abendessen mit Seeteufel und Rehrücken, wo die engsten Vertrauten nicht dabei sein dürfen, aber lauschen: im „Listening Room“ nebenan, da wird das Tischgespräch übertragen. Und praktisch jedes Mal geht es auch um Athen.

G7 Gipfel 2015 auf Schloss Elmau: "Tough political choices"

Selbst Obama ist das augenscheinlich wichtig. Er sendet ein klares Signal an Tsipras: Tut was! „Tough political choices“ verlangt er von ihm, harte Entscheidungen. Das Land brauche Reformen nicht nur, um die Geldgeber zufriedenzustellen, sondern gerade auch, um die eigene Wirtschaft fit zu kriegen. Auch Merkel wird deutlich: „Es ist nicht mehr viel Zeit. Deshalb muss mit hoher Intensität gearbeitet werden. Jeder Tag zählt.“

Ja, dieser G7-Gipfel will Zeichen setzen. Allein schon, um den enormen Aufwand rund um Elmau zu rechtfertigen. Um sich nicht vorwerfen zu lassen, in oberbayerischen Blumenwiesen heile Welt zu spielen. Am Montagmorgen noch haben Greenpeace-Aktivisten per Laser-Show eine Klima-Botschaft an die Bergwände projiziert. Dass sie am Abend von einem „überraschend starken“ Signal sprechen, ist ein echter Erfolg für die G7. Die Kanzlerin berichtet, dass die „Sherpas“ – also die hohen Beamten, die die Schlussformulierung ausarbeiten – ganze Arbeit geleistet hätten. Um jede Formulierung sei gerungen worden. Es werde „tiefe Einschnitte“ bei den Emissionen geben, sagt sie: Die Reduzierung von Treibhausgasen bis 2050 solle im Rahmen zwischen 40 bis 70 Prozent verglichen mit 2010 eher „am oberen Rand“ liegen. Klingt wolkig, wäre aber viel.

G7 in Elmau: "Gipfel wird keine Eintagsfliege"

Merkel verweist auf konkrete Vereinbarungen im Gipfel-Dokument: Die Zahl der Versicherten gegen Klimarisiken, etwa Naturkatastrophen, soll von 100 auf 400 Millionen steigen. Bis 2030 sollen 500 Millionen Hungernde genügend Essen haben. „Der Gipfel wird keine Eintagsfliege“, hatte sie unserer Zeitung vorab gesagt. Beweisen lässt sich das freilich nur langfristig.

Aber bitte nicht heute. „Thank you“, sagt Obama in seiner Pressekonferenz nach 35 Minuten unvermittelt, springt wieder vom Podium, winkt, ab durch die Hintertür neben der Bühne. Die Agenten folgen, der letzte eilt rückwärts zur Tür, die Augen immer auf den Saal gerichtet. Bloß keine Zufälle riskieren.

G7-Gipfel 2015 auf Schloss Elmau: Ticker zum Nachlesen und die wichtigsten Fakten

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum G7-Gipfel haben wir für Sie nochmal zusammengefasst. Außerdem können Sie unseren Ticker zum G7-Gipfel hier nachlesen.

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