Unwetterwarnung für München und das Umland 

Unwetterwarnung für München und das Umland 
+
Das bestgeschützte Weißwurstfrühstück der Welt: Auf dem Dorfplatz in Krün halten Barack Obama und Angela Merkel kurze Ansprachen. Später setzen sie sich an den Tisch rechts vorne im oberen Bild, wo schon Kanzlergatte Joachim Sauer ganz rechts sitzt.

Wenn Obama ins Dorf kommt

G7-Gipfel: Die Harmonie in Krün ist Kulisse

  • schließen

Krün - Der große Gipfel beginnt mit einer perfekten Inszenierung. US-Präsident Obama setzt sich in ein Alpendorf und trinkt ein Weißbier. "Gruß Gott", ruft er. Die Bilder aus Krün gehen um die Welt. Hinter den Kulissen aber, in der Politik, ist das Idyll angekratzt.

Der mächtigste Mann der Welt scheitert an einer störrischen Wurst. Barack Obama sticht rein in das weiße Ding, aber es ist zäh und lässt sich irgendwie nicht schälen. Die 30 Agenten vom Secret Service könnten die Wurst notfalls aufschießen. Besser ist allerdings der diskrete Rat von Joachim Sauer: Längsschnitt mit dem Messer, dann mit der Gabel rausholen, Haut nicht mitessen.

Die kleinen Probleme der Welt werden schnell gelöst an diesem Sommervormittag im Bilderbuchdorf Krün. Obama sitzt lachend auf einer Bierbank in der Sonne, zwischen Trachtlern, Gebirgsschützen, Alphornbläsern, gegenüber der hilfreiche Herr Sauer und dessen Frau, Angela Merkel. „Good to see you“, ruft Obama jedem zu, eine Art amerikanisches „Schee, dass da seid’s.“ Der US-Präsident hat sein Sakko abgelegt, er flirtet mit der Dorfjugend, bewundert Gamsbärte, prostet den Bürgern mit seinem Weißbier zu, schlendert zur Blaskapelle. Nach 15 Minuten hat die Weltpresse so viele Heile-Welt-Fotos im Kasten, dass es für Jahre reichen muss.

G7-Gipfel 2015 auf Schloss Elmau: Surrealer Auftritt in Krün

Genau das ist ja der Sinn dieses unfassbar surrealen Auftritts in Krün. Zum Auftakt des G7-Gipfels sind Obama und Merkel in die Gastgeber-Gemeinde gekommen. So locker und spontan der Besuch wirken mag, er ist ins kleinste Detail durchgeplant. Natürlich steht die Bierbank, auf der sich Obama niederlässt, genau in Reichweite der Fotokameras. Sie ist gepolstert, zufällig sitzen vier eloquente Krüner da, wie durch Zauberhand kommen Weißbier, Würste und Brezn.

Seine Berater haben Obama aufgeschrieben, er soll einen Scherz machen, dass er seine Lederhose vergessen habe. Und sie lehrten ihn, „Grüß Gott“ zu sagen. „Gruß Gott“, sagt er mit starkem Akzent. Damit die Journalisten, die all das dokumentieren sollen, nicht an einer Straßensperre scheitern und zu spät kommen, werden sie kurzfristig von Garmisch in drei Hubschrauber-Ladungen ins 1900-Einwohner-Dorf geflogen. Wo hinter jeder Ecke eine Einsatzhundertschaft wacht, die Gullydeckel versiegelt und Briefkästen abmontiert sind. Wo die Gebirgsschützen, 30 Mann, sogar Säbel und Karabiner daheimlassen mussten. Ach ja, und auf dem Kirchturm, erzählt einer, lauern Scharfschützen.

Man kann das alles komisch finden – aber so läuft Weltpolitik auf den großen Gipfeln. Sie braucht Bilder und Gesten, um von den Leuten verstanden zu werden. In diesem Fall ist der Subtext für das Bild: Die Staatschefs verstecken sich nicht im Gipfelschloss. Und Obama mag die Deutschen, eigentlich ist er ein ganz netter Kerl; wir sollten uns wegen kleiner Nickligkeiten nicht so anstellen.

G7-Gipfel 2015 in Elmau: Die Harmonie ist Kulisse

Die Harmonie von Krün ist also Kulisse. Eine wunderschöne zwar, die folkloristisch alles aufbietet, und die Begeisterung der Menschen für das Jahrhundertereignis ist echt. Welcher Dorfbürgermeister kann schon sagen, zur Einweihung seines neuen Rathausplatzes sei der US-Präsident angereist? Politisch ist die Wahrheit aber wolkiger. Es gibt schwere Differenzen im deutsch-amerikanischen Verhältnis. Die USA können die Skepsis der deutschen Bürger über das geplante Freihandelsabkommen TTIP nicht im Mindesten verstehen. Auch nicht, dass sich die Deutschen über die Spionage der NSA aufregen, die sich offenbar mit Hilfe des deutschen Geheimdienstes auf ganz Europa erstreckte. Oder dass der Bundestag alle Details wissen will, worüber Merkel noch vor der Sommerpause entscheiden muss. Auf US-Seite wächst der Eindruck, die Deutschen seien undankbar – habe man sie nicht mit Geheimdienst-Infos vor Anschlägen bewahrt?

Wie tief die Kratzer im transatlantischen Verhältnis sind, hat eine Expertengruppe dieser Tage zusammengetragen, die des Anti-Amerikanismus unverdächtig ist – darin der ehemalige deutsche Botschafter in den USA, Wolfgang Ischinger, und Ex-Obama-Beraterin Karen Dornfried. „Wir haben ein Vertrauensproblem“, urteilen sie, es erodiere regelrecht. Die Generation nach 1989 pflege nicht mehr die emotionale Verbindung wie früher an die Schutzmacht USA.

Die Berichte über Foltergefängnisse, NSA, das abgehörte Kanzlerhandy und TTIP empörten die Deutschen und seien dabei nur die Spitze eines Eisberges aus Unbehagen. Dahinter stecke der Zweifel an den hehren Motiven der Weltpolizei USA, an ihrem Wirtschaftsmodell und ihrer fundamental anderen Balance von Sicherheit und Freiheit. Umgekehrt maulen die USA, Berlin müsse auch mehr militärische Verantwortung in der Welt übernehmen.

G7-Gipfel 2015 auf Schloss Elmau: Merkel spricht auf dem Dorfplatz

Merkel spricht das sogar auf dem Dorfplatz an. Auf der kleinen Bühne am Rathaus, unter der Lüftlmalerei, halten sie und Duzfreund Barack kurze Ansprachen. „Trotz mancher Meinungsverschiedenheiten“, sagt sie, seien die USA ein Freund und Partner. Das müsse so bleiben, „weil wir es im gegenseitigen Interesse brauchen, weil wir es wollen und weil wir gemeinsame Werte teilen“. Er nennt sie „great friend Angela“ und betont doch, wie notwendig neue Handelsverträge seien und ein gemeinsames Vorgehen in der Weltpolitik. „Zusammen stehen wir als untrennbare Bündnispartner in Europa und rund um die Welt.“

Kann das bilaterale Vorspiel zum G7-Treffen also Kitt sein im transatlantischen Verhältnis? Für die Kanzlerin sind solche Atmosphäre-Treffen an besonderen Orten immer ein bisschen mehr als nur Bilder-Storys. Sie setzt die Runden fein dosiert und ja nicht inflationär ein, um das zwischenmenschliche Verhältnis zu verbessern. Sie sind auch kein Ersatz für Arbeitsgespräche. Obama und Merkel ziehen sich am Rande des Gipfels auch für ein Vier-Augen-Gespräch zurück. Sie reden zumindest über eines der sensiblen Themen, TTIP, und über den Komplex Russland-Ukraine. Und machen aus, an den Sanktionen gegen Moskau festzuhalten.

G7-Gipfel in Elmau: Alkoholfreies Bier in Obamas Glas

Auf dem Dorfplatz von Krün ist die Weißwurst inzwischen besiegt. Ein Krawattenträger nähert sich nach einer Viertelstunde der präsidialen Bierbank, mahnt den nahenden Aufbruch an. Der US-Präsident folgt, erlaubt sich nur noch einen Scherz: Er läuft den verdutzten Sicherheitsleuten fast davon, eilt händeschüttelnd und winkend quer über den Dorfplatz zum Brotzeitstand – und stellt sich selber rein. Die Fotografen überschlagen sich fast.

Was keiner im Bild hat: Obamas Bierglas wird von Helfern sofort weggetragen. Er hat kaum einen Schluck getrunken, dabei war es nur ein Alkoholfreies. Irgendwo endet die Inszenierung doch.

G7-Gipfel 2015 auf Schloss Elmau: News-Ticker und die wichtigsten Fakten

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum G7-Gipfel haben wir bereits für Sie zusammengefasst. In unserem News-Ticker zum G7-Gipfel in Elmau erfahren Sie die aktuellsten Nachrichten rund um das Großereignis auf Schloss Elmau.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Daniel Günther neuer Ministerpräsident in Schleswig-Holstein
CDU-Aufsteiger Daniel Günther am Ziel: Der 43-Jährige ist Chef einer "Jamaika"-Regierung aus Union, Grünen und FDP in Schleswig-Holstein. Er bekam aber zwei Stimmen …
Daniel Günther neuer Ministerpräsident in Schleswig-Holstein
Atommüll-Transport auf Fluss: Kritik an "riskanten Experimenten" 
Atommüll wird erstmals in Deutschland auf einem Fluss transportiert. Mit ausgedienten Brennelementen und von der Polizei gesichert fährt ein Spezialschiff …
Atommüll-Transport auf Fluss: Kritik an "riskanten Experimenten" 
Türkei sammelt Informationen über deutsche Politiker
Es will keine Ruhe einkehren, in den deutsch-türkischen Beziehungen: Nun heißt es, der türkische Geheimdienst habe Bundestagsabgeordnete im Visier.
Türkei sammelt Informationen über deutsche Politiker
Abstand zwischen Union und SPD wächst weiter
Hamburg (dpa) - Der Abstand zwischen SPD und Union wird einer weiteren Umfrage zufolge immer größer. Nach dem von Forsa veröffentlichten "Stern-RTL-Wahltrend" gewannen …
Abstand zwischen Union und SPD wächst weiter

Kommentare