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Unter Gamsbärten: Angela Merkel (mit Barack Obama) inszenierte den Gipfel sehr traditionell.

Grummeln in der Großen Koalition

Traditioneller G7-Gipfel: Kein Laptop, nur Lederhose

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München - Alphorn, Gamsbart, Weißwurstfrühstück: Beim G7-Gipfel zeigte sich Bayern fast ausschließlich von seiner traditionellen Seite. Kreative und Hightech-Wirtschaft sind enttäuscht. In der Großen Koalition grummelt es.

Der G7-Gipfel hat noch gar nicht begonnen, da wird es laut im internationalen Medienzentrum: „Heid samma wuid und laut“, donnert die Chiemgauer Popband „Django 3000“ bei der Eröffnung in Garmisch-Partenkirchen, „bis uns d’Sicherung ausse haut!“ Den Gästen im Zelt erzittern die Freibiergläser. Dann feiern sie mit. Einer der seltenen Momente bei diesem Gipfel, in denen sich Bayern mal nicht so zeigt, wie es alle erwarten.

Ansonsten beherrscht die Tage vor und während des Großereignisses ein eher monotones Bild: Gamsbärte, Blaskapellen, Bier und Weißwurst. Wo die internationale Presse hinschauen kann, wird die Tradition gepflegt: Bayern, Land der Goaßlschnalzer – vom Empfang am Flughafen über das Weißwurstfrühstück von Angela Merkel und Barack Obama in Krün bis zur Verabschiedung.

Nicht jeder ist glücklich mit der Außendarstellung. „20 Jahre Imagekorrektur des Deutschlandbildes sind auf einen Schlag dahin“, lästert etwa Raphael Brinkert auf der Internetplattform „Twitter“. Er ist einer der Chefs der renommierten Werbeagentur „Jung von Matt“. Auch in der Wirtschaft grummelt es. Ein G7-Gipfel sei die ideale Gelegenheit, der Welt seine Hochtechnologie vorzuführen, meint Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Technologie-Branchenverbandes Bitkom. „Diese Chance blieb leider zum wiederholten Male ungenutzt – zugunsten eines etwas einseitigen und klischeehaften Deutschlandbildes.“

G7-Gipfel 2015 in Elmau: "Bayern steht für Fortschritt"

Junge, innovative Unternehmen fühlen sich durch den nur urbayerischen Anstrich schlecht vertreten. Und eigentlich ist man sich ja auch in der Politik längst einig, dass es nicht reicht, mit Tradition zu wuchern. Einerseits sind gerade Bergkulissen und Trachten der unbezahlbare Schatz der Region um den Gipfelort Elmau. Andererseits hat sich aber selbst die CSU längst von der reinen Bayerntümelei gelöst. „Laptop und Lederhose“ – das ist seit Edmund Stoiber bayerische Staatsräson.

Gerade hat Wirtschaftsministerin Ilse Aigner eine Digitalisierungsoffensive auf den Weg gebracht. Das Innovationsland fand aber in der Inszenierung nicht statt. „Bayern steht für Fortschritt und ist nicht nur wegen der Pflege von Brauchtum und Tradition weltweit bekannt“, betont Aigner. „Leider kommt das oft zu kurz.“ Auch diesmal.

Dabei ist der Freistaat für den Auftritt nicht mal hauptverantwortlich. Gastgeber des Gipfels war die Bundesregierung. Die Empfangsparty für die Presse richteten Bund und Staatsregierung gemeinsam aus. Für alles andere war der Bund alleine zuständig – inklusive Weißwurstfrühstück in Krün. Angeblich wollte es auch Obama genauso haben.

Allerdings hatte sich der Freistaat zumindest in Teilen des Rahmenprogramms Mitsprache ausbedungen. Eingeweihte berichten, dass hinter den Kulissen um einige Details gerungen wurde. Ein hoher Bundespolitiker beklagte sich offenbar, Deutschland habe noch andere Landesteile als dieses Gebirge im Süden. Bayern wollte so viel Standortwerbung wie möglich rausholen. Schlagendes Argument: Wir zahlen den Spaß ja auch mit. Aus dem Staatsetat fließen mindestens hohe zweistellige Millionensummen ins Gipfel-Spektakel.

G7-Gipfel 2015 in Elmau: Die Bilder waren perfekt

Die PR wurde in der Staatskanzlei koordiniert: Ministerpräsident Horst Seehofer ließ Gipfel-Filmchen drehen mit ihm als Grußwort-Redner, erfand den Spruch „Welcome dahoam“. Er präsentierte ein eigenes Bayern-Buch, holte die Gäste mit Trachtlerbegleitung am Flughafen ab. Stundenlang stand er da, aber das Foto mit Barack Obama war’s ihm wert. „Die Bilder, die da um die Welt gegangen sind – super!“, schwärmt er.

Zumindest in der Tourismuswirtschaft dürfte man sich darüber freuen. In der Reisebranche spielten emotionale Bilder eine große Rolle, sagt der Münchner Tourismusforscher Jürgen Schmude. „Es kann einem gefallen oder auch nicht – aber sie wirken.“ Insofern sei die Strategie im Sinne Bayerns gewesen. Auch Ronald Focken, Geschäftsführer der Werbeagentur Serviceplan, glaubt, dass das Tourismusgeschäft in Bayern profitiert. „Dafür waren die Bilder perfekt.“

In der Politik bleibt die Inszenierung indes umstritten – selbst innerhalb der Großen Koalition. Sie sei „verwundert über das Klischee“, das von Deutschland gezeigt werde, sagte SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi gestern. „Das ist ein bisschen zu viel Disneyland.“ Die Retourkutsche aus der Union kam prompt. Diese „Minnie-Maus-Äußerungen“, kommentierte CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer auf „Twitter“, seien „einfach nur peinlich und kleinkariert“.

G7-Gipfel 2015 auf Schloss Elmau: Ticker zum Nachlesen und die wichtigsten Fakten

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum G7-Gipfel haben wir für Sie nochmal zusammengefasst. Außerdem können Sie unseren Ticker zum G7-Gipfel hier nachlesen.

Til Huber und Christian Deutschländer

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