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Perfides Bekennervideo: In einem Zeichentrickfilm mit der Figur Paulchen Panther bekennt sich der NSU zu seinen Taten. Das Gericht sah sich drei Versionen des Films an.

Die ganze Grausamkeit des NSU

Bekennervideo gezeigt - Angeklagte schauen weg

München - Das Grauen zieht erstmals ein in den Gerichtssaal: Nach der Aussage des Angeklagten Carsten S. hat das Gericht nun mit der Aufarbeitung der NSU-Morde begonnen. Die Richter sahen sich auch das Bekennervideo an. Die Angeklagten schauten lieber weg.

Beate Zschäpe sitzt zurückgelehnt auf ihrem Platz vorne rechts auf der Anklagebank, die Arme vor der Brust verschränkt, die Augen geradeaus ins Nirgendwo gerichtet. Würde die Hauptangeklagte im NSU-Prozess den Kopf heben, sie würde das ganze Grauen sehen, für das sie mit verantwortlich sein soll. So muss sie es nur hören. Es ist die scheinbar fröhliche Melodie der Zeichentrickserie „Der rosarote Panther“. Auf zwei Leinwänden über den Köpfen der Bundesanwälte und der Angeklagten läuft das perfide Bekennervideo des NSU.

Es ist eine schwer erträgliche Collage aus Comic-Szenen, Nachrichtenbildern, Zeitungsausschnitten und Bildern der Getöteten. Die Zeichentrickfigur Paulchen Panther träumt von den Taten des NSU. Es ist ein langer Ausschnitt der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY. . . ungelöst“ zu sehen, in dem nach den Mördern des ersten NSU-Opfers Enver Simsek gefahndet wird. Über die nachgestellte Szene, die den Getöteten zeigen soll, haben die Macher des Videos mit roten Lettern „Fälschung“ geschrieben. Es folgt ein Schnitt, dann ist der echte Enver Simsek in einer Blutlache zu sehen, darüber prangt: „Original“. Es ist ein Foto, das die Täter kurz nach dem Mord gemacht haben müssen.

Die Täter verhöhnen ihre Opfer, brüsten sich damit, den Ermittlern immer wieder entkommen zu sein. An einer Stelle hält Paulchen Panther ein Schild hoch: „Heute: Aktion Dönerspieß.“ Es ist die finale Version des Bekennervideos, das Beate Zschäpe selbst nach dem Auffliegen des NSU 2011 verschickt haben soll. Es ist ein stolzes Bekenntnis, zu zehn Morden an Migranten und einer Polizistin und zwei Sprengstoffanschlägen. Man werde nicht viel von ihnen hören, tönt der NSU, er wolle Taten sprechen lassen.

Die Richter sehen sich gestern auch zwei frühere Versionen des Films an, die im Schutt des Wohnhauses des mutmaßlichen Terror-Trios gefunden wurden. Darin gibt es noch keine zynische Rosaroter-Panther-Melodie. Stattdessen grölen rechte Bands über „Kraft für Deutschland“. Auf den rosaroten Panther  gibt es nur eine Anspielung: Jeweils am Ende steht das abgewandelte Motto der Comic-Figur: „Heute ist nicht alle Tage, wir kommen wieder, keine Frage.“

Auch in diesen Versionen sind die Bilder einzelner Mordopfer zu sehen, im Hintergrund ist dann stets Applaus zu hören. Nach dem Bild von Abdurrahim Özüdogru wird der Schriftzug eingeblendet: „A. Özüdogru ist nun klar, wie ernst uns der Erhalt der deutschen Nation ist.“ Das Bild des Opfers muss kurz nach den tödlichen Schüssen aufgenommen worden sein, denn es unterscheidet sich deutlich von den Aufnahmen, die die Polizei später am Tatort macht: Es ist noch kaum Blut zu sehen.

Auch die grausamen Fotos der Ermittler vom Tatort wurden am Vormittag schon an die Leinwände projiziert. Zschäpe starrte angestrengt auf den Bildschirm des Laptops vor ihr. Die Täter haben dem 49-jährigen Schneider Özüdogru zwei Mal ins Gesicht geschossen. Das Gericht will sich jede Tat des NSU einzeln vornehmen und beginnt mit Özüdogru – dem zweiten Opfer. Er wurde am 13. Juni 2001 in Nürnberg erschossen.

Das Gericht hört Polizisten, die in diesem Fall ermittelt haben. Die meisten berichten nüchtern, doch ausgerechnet Norbert H., der die Fotos am Tatort machte, scheint die Unordnung in der Schneiderei und Wohnung des Opfers noch immer mehr zu stören als die Leiche am Boden. Immer wieder spricht er die „gewachsene Unordnung“ an, erzählt angewidert vom „sogenannten Wohnzimmer“. Empathie klingt anders. Man kann sich vorstellen, in welche Richtung zuerst ermittelt wurde, die Tochter des Opfers muss all das anhören.

Für Verwirrung sorgt am Nachmittag die Aussage einer Nachbarin von Özüdogru. Die Frau wollte Dinge gesehen haben, von denen sie noch nie berichtet hatte. Sie erzählte von zwei Männern und einer blonden Frau, die sie zwei Tage vor der Tat bemerkt haben will. Außerdem sagte sie, sie habe das getötete „Schneiderle“, wie sie das Opfer nennt, von ihrem Fenster aus im Laden liegen gesehen – laut Polizei unmöglich. Die Frau wirkte verwirrt, gab an, Angst zu haben. Am Ende verzichteten die meisten Beteiligten auf weitere Fragen. „Ein klassischer Fall: Die Zeugin fantasiert“, stellte Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Stahl fest. Nebenklageanwalt Thomas Bliwier widersprach nicht: „Auf diese Aussage wird man nichts stützen können.“

Philipp Vetter

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