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Serie zur Landtagswahl 2013: Bildungspolitik

Ganztägige Herausforderung

München - Schule – das ist eine Dauerbaustelle. G8, G9, neues Mittelschulkonzept, Inklusion – kaum hat sich die Bildungspolitik an einem Thema abgearbeitet, tauchen schon neue am Horizont auf. Die Herausforderung der Zukunft: Ganztagsschulen.

In Poing, Landkreis Ebersberg, steht ein neues Schulhaus, das zu einer Art Muster-Ganztagsschule avancieren könnte. Ein Bau aus hellem Lärchenholz mit riesiger Aula und einer Sitztribüne wie in einem Stadion, mit kleinen Lehrerbüros und Ruheräumen „zum Verweilen, Meditieren und Ausruhen“. Das Staatliche Institut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) fand die Einrichtung so überzeugend, dass sie die Poinger Schule in ihren neuen Leitfaden für Ganztagsschulen aufgenommen hat. Hier, so heißt es im Bericht, werde Schule „zum Erlebnisort“.

Viele solcher „Erlebnisorte“ hat Bayern nicht. Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) nennt den Aufbau von Ganztagsschulen die „größte Herausforderung“. Er sagt das nicht ohne Grund. Nach einer Erhebung der Bertelsmann Stiftung waren 2010 nur 10,5 Prozent der Schüler in Bayern Ganztagsschüler – damit ist Bayern Schlusslicht in Deutschland. Noch. Es gibt verstärkt Zulauf. Bis auf 40, ja sogar 50 Prozent könne der Anteil steigen, schätzten Teilnehmer einer Podiumsdiskussion kürzlich in Starnberg. Dann wäre jeder zweite Schüler ein Ganztagskind.

Ob dieser Bedarf wirklich besteht – darüber gehen die Meinungen auseinander. Der Poinger Schulleiter Matthias Wabner warnt: Ganztagsschule sei „kein Allheilmittel“. Jedenfalls wird die bayerische Aufholjagd viel Geld kosten. 1,5 Milliarden Euro im Jahr müsse Bayern schon in die Hand nehmen, schätzt der Grünen-Bildungspolitiker Thomas Gehring. In Poing, am Seerosenweg 13, musste die Gemeinde 31,1 Millionen Euro als Anschubfinanzierung stemmen. Staatliche Zuschüsse für den Schulhausbau sind knapp bemessen – den Großteil bezahlte die Kommune, die sich auf ein öffentlich-privates Finanzierungsmodell einließ und den laufenden Betrieb privatisiert hat.

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Ist für eine gute Ganztagsschule ein von Grund auf neu konzipiertes Schulhaus notwendig? Ja, sagt Matthias Wabner. Wobei er sich leicht tut: Poing hatte bisher gar keine Realschule. So konnte man ein neues Schulhaus aus dem Boden stampfen – wobei aber kein 08/15-Bau von der Stange gekauft wurde. Schulleiter Matthias Wabner ist stolz auf „eine ganz neue Raumlogik“, die die Bayerische Schulbau-Verordnung ad absurdum führte. Nach der hat jeder Schüler Anspruch auf zwei Quadratmeter Grundfläche, sogar der „Luftraum“ ist definiert: sechs Kubikmeter. Von sogenannten Lehrerstützpunkten, also Lehrerbüros für nur drei oder vier Pädagogen, ist in den Richtlinien nichts zu lesen. Doch für Matthias Wabner sind sie ein Anker seines Konzepts: Genauso wie der Schüler Anspruch auf Ruhezonen und Rückzugsgebiete hat, darf auch der Lehrer in der Schule mal verschnaufen – oder wenigstens in Ruhe arbeiten: Neben dem üblichen Lehrerzimmer gibt es in Poing 15 Lehrerbüros. Und eine Lehrerlounge. „In der soll aber nicht gearbeitet werden“ – „Chillen“ für Lehrer.

In Poing wird die Ganztagsklasse nur bis zur 6. Jahrgangsstufe fortgeführt. Danach, meint der Schulleiter, sei „die Luft raus“. Die Kinder haben andere Interessen, sind selbstständiger. Ab der 7. Klasse gibt es in Poing daher nur Ganztagsangebote, nicht regelrechten Unterricht.

Ohnehin bestehen bei Ganztagsschulen viele Missverständnisse. Absolute Hausaufgabenfreiheit etwa, wie es sich viele Eltern wünschen, gibt es in Poing nicht. „Das ist eine Illusion“, sagt Wabner. Das Nachbereiten der Fächer und Schulaufgabenvorbereitungen, meint auch das ISB, sollten „durchaus noch zu Hause stattfinden“.

Voraussetzung ist ferner ein ausgetüftelter Stundenplan, in dem auch nachmittags Übungen in den Kernfächern angesetzt sind, nicht nur Bewegungspausen – also Spiel, Spaß und Freizeit. Die Poinger Ganztags-Fünftklässler haben Nachmittags am Montag Förderstunden in Mathematik, am Dienstag ein Projekt, am Mittwoch Förderung in Deutsch und am Donnerstag Musik sowie Englisch. Problem: „Die wenigsten Kinder sind so leistungsstark, dass man am Nachmittag beispielsweise neue Integralrechnungen einführen kann.“ Also dient der Nachmittag vornehmlich zur Vertiefung des am Vormittag Eingebläuten.

Die Ansprüche sind hoch. „Wenn die Kinder den ganzen Nachmittag in der Schule sind, erwarte ich, dass viele Dinge, die bislang die Familie übernahm, dann von der Schule geleistet werden“, sagt Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts. Die Schule als Erziehungs-Ersatz – das ist ein Ansatz, der weit über die herkömmliche Aufgabenbeschreibung hinausgeht.

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Kann Schule das leisten? Vor allem die Zwischenphasen zwischen Mittagessen und Unterricht sind Leerstellen. Matthias Wabner setzt selbst beim Mittagessen auf soziale Kontrolle – kein Essen ohne Aufsicht, schon wegen der (oftmals nicht vorhandenen) Tischmanieren. Dass viele Eltern ihren Kindern nicht einmal das Essensgeld mitgeben, dass der Schulleiter persönlich am Telefon das Geld eintreiben muss, ist ein anderes Kapitel. Der ISB-Bericht zeigt, wie schwer es ist, Schüler sinnvoll zu beschäftigen, wenn nicht gerade Unterricht ansteht. Ein Problem vor allem für die Schulen, die Ganztagsangebote haben, nicht regelrechten Ganztagsunterricht. „Ab Jahrgangsstufe 6“, berichtet die Realschule Bayreuth II, gebe es „die Tendenz, einfach nichts machen zu wollen“ – dann besteht „die Gefahr, dass Schüler ,Blödsinn’ im Schulhaus machen“. Die Therapie dagegen lautet: Freizeitangebote. Was einfacher klingt als es ist. „Häufig müssen die Kinder an Brettspiele, Bastelarbeiten und das Lesen erst herangeführt werden“, heißt es zum Beispiel im Bericht der Albert-Schweitzer-Realschule Regensburg. „Von selbst besitzen diese Materialien wenig Aufforderungscharakter, da viele Kinder daheim nicht dazu angeleitet wurden.“ Die Maria-Ward-Realschule in Schrobenhausen spricht von „gelenkter Freizeit“. Wichtig sei, so das ISB, „dass genügend aktuelle Spielangebote vorhanden sind“ – Billard, Kicker, Tischtennis und Einrad. Auch Geschlechterdifferenzierung ist wichtig – nur in der 5. Klasse, so die Realschule Bayreuth II, gelinge es noch, die Mädchen zum Mitspielen beim Fußball zu animieren. Ansonsten gilt die Regel: Mädchen lieben Kreatives, Buben Technisches – das ISB empfiehlt sogar, Fischer-Technik anzuschaffen.

Ist die Ganztagsschule am Ende die bessere Schule – die Schule, die leistungsstärkere Schüler hervorbringt? Schulleiter Wabner sagt, nach seiner Erfahrung besuchten eher Kinder aus sozial schwächeren Familien die Ganztagsschule. Die Leistungen seien durchwachsen. Hans-Peter Etter vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) ist optimistischer. Noch aber fehle ein „echtes Gelingenskonzept“ in Bayern. Und manchmal ist es ja auch so, dass die Wünsche vor Ort sehr viel bescheidener sind. Wer von Ganztagsschulen rede, so betonte kürzlich der Bürgermeister von Gilching (Kreis Starnberg), der solle erst einmal für eine verlässliche Halbtagsschule sorgen – oft ende der Unterricht schon um 11 Uhr, sodass die Eltern selbst halbtags nicht arbeiten könnten.

Dirk Walter

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