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Grundschule in Frankfurt am Main: 44 Prozent der Grundschulkinder haben derzeit kein Betreuungsangebot nach dem Unterricht. Foto: Frank Rumpenhorst

280 000 Plätze fehlen

Ganztagsbetreuung für Grundschüler kommt zu langsam voran

Für Vorschulkinder gilt seit vier Jahren der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Bei Grundschülern würde eine Ganztagsbetreuung vielen Eltern sehr helfen - doch es liegt noch einiges im Argen. Sorgt auch hier ein Rechtsanspruch für Besserung?

Berlin (dpa) - Gut vier von zehn Grundschulkindern (44 Prozent) haben einer neuen Studie zufolge derzeit kein Betreuungsangebot nach dem Unterricht, obwohl viele Eltern dringenden Bedarf anmelden. Zudem halten 18 Prozent der Väter und Mütter, die eine solche Betreuung für ihre Kinder haben, den Umfang für nicht ausreichend.

Dies geht aus einer Prognos-Studie für das Familienministerium hervor. Insgesamt wird der Bedarf auf 280 000 Plätze allein für Kinder beziffert, die bisher kein Angebot haben. Für 275 000 weitere Kinder werde ein erweitertes Angebot benötigt.

Nach Ansicht von Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) sollte betroffenen Eltern für bessere Betreuungsmöglichkeiten juristisch und politisch der Rücken gestärkt werden: "Nach dem Rechtsanspruch für Kinder im Kita-Alter müssen wir jetzt den Rechtsanspruch für Kinder im Grundschulalter einführen", erklärte sie am Montag in Berlin. "Gute ganztägige Angebote für Kinder sind wichtig für ein gutes Aufwachsen von Kindern, Chancengleichheit und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf der Eltern."

Inzwischen sagten 65 Prozent aller Eltern und sogar 76 Prozent der Eltern mit Kindern zwischen sechs und zehn Jahren, dass Familienpolitik einen Schwerpunkt auf den Ausbau der Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder legen sollte. Barley betonte, sie wolle "die konkrete Ausgestaltung eines Rechtsanspruchs mit den Ländern und anderen Akteuren diskutieren. Dabei muss auch über die notwendige finanzielle Beteiligung des Bundes geredet werden."

Nach einer Prognos-Sonderauswertung des Mikrozensus 2015, über die zuerst die Zeitung "Die Welt" berichtet hatte, arbeiten 96 000 Mütter mit Kindern zwischen sechs und zehn Jahren nur deshalb in Teilzeit, weil ein Betreuungsangebot nicht verfügbar oder nicht bezahlbar ist. Barley sagte dem Blatt: "Wenn beide Elternteile arbeiten, ist es dann meistens wieder die Frau, die beruflich zurücksteckt und sich nachmittags um die Hausaufgaben kümmert".

Laut Ministerium versprechen sich die meisten Eltern (83 Prozent) und Lehrer (74 Prozent) bessere Chancen für benachteiligte Kinder durch ganztägige Angebote - vor allem durch eine Hausaufgabenbetreuung. Eine aktuelle Rechtsexpertise von Prof. Johannes Münder von der Technischen Universität Berlin zeige, dass der Bund einen Rechtsanspruch für Kinder im Grundschulalter umsetzen könne.

"Die Rahmenbedingungen für die Förderung und Betreuung sind in Deutschland sehr unterschiedlich, da bundesweit keine rechtlich verbindliche Mindestregelung besteht", zitiert das Barley-Ministerium den Sozialrechtler. "Wenn der politische Wille existiert, ist die ganztägige Betreuung und Förderung von Grundschulkindern durch einen Rechtsanspruch für die Kinder im Sozialgesetzbuch VIII - Kinder-Jugendhilfe zügig realisierbar." Dabei müssten "die schulischen Angebote und die Betreuung außerhalb der Unterrichtszeit im Interesse der Kinder und Eltern eng verbunden werden".

Prognos-Studie "Gute und verlässliche Ganztagsangebote für Grundschulkinder" (pdf)

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