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Gas-Paradox in Deutschland: Mehr Strom aus dem knappen Gut – denn die Nachbarn brauchen Hilfe

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Von: Marcus Mäckler

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Von wegen sparen: Kraftwerke wandeln immer mehr Gas in Strom um.
Von wegen sparen: Kraftwerke wandeln immer mehr Gas in Strom um. © Wolfgang Maria Weber/Imago

Gas ist kostbar wie nie. Doch während Deutschland darum ringt, die Speicher zu füllen, wird Erdgas weiter zur Stromerzeugung genutzt. Im Juli besonders stark. Der Grund: Stromexporte ins Ausland.

München – Widersprüche gehören zum Leben, aber hin und wieder muss man sich doch die Augen reiben. Russland reduziert seine Gaslieferungen drastisch, deutsche Politiker bemühen angesichts drohender Knappheit dramatische Rhetorik („Volksaufstände“, „Gas-Triage“) – und dann das: Im Juli haben Kraftwerke hierzulande deutlich mehr Strom aus Gas erzeugt als im Vorjahresmonat. 4036 Gigawattstunden waren es, wie Daten des Portals Smard der Bundesnetzagentur zeigen: satte 13,5 Prozent mehr als im Juli 2021.

Schon im Mai dieses Jahres lag die Stromerzeugung aus Gas klar über dem Wert des Vorjahresmonats, im Juni indes knapp darunter. Geht man noch weiter zurück, ins Jahr 2020, relativiert sich das Bild zwar etwas: In allen drei Monaten wurde damals mehr Gas verstromt als heute. Allerdings lieferten die Russen zu dieser Zeit noch zuverlässig. Und von möglicher Knappheit war keine Rede.

AKW nutzen Gas zu Strom: Hohe Liefermengen nach Frankreich

Strom erzeugen statt Gas sparen. Die Situation ist paradox, aber erklärbar. Grund für das deutliche Plus sind nach Einschätzung des Branchenverbands Zukunft Gas stark erhöhte Stromlieferungen ins Ausland. Zwar exportiert Berlin seit Jahren mehr Strom, als es importiert – die Mengen sind aber zuletzt gestiegen. Der Export nach Frankreich hat sich laut dem Verband im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr fast versechsfacht. Beim Export in die Schweiz betrug der Anstieg mehr als das Sechsfache. „Diese Strommengen wurden zum Teil wohl mit Gaskraftwerken produziert und exportiert“, sagte ein Sprecher.

Zwar sei all das „aus Gas-Gesichtspunkten nicht wünschenswert“, sagte der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, unlängst bei Markus Lanz. Aber es habe etwas mit „nachbarschaftlicher Solidarität“ zu tun. Tobias Federico, Geschäftsführer der Energieberatungsagentur Energy Brainpool, formuliert es etwas pragmatischer: „Das höhere Ziel ist es im Moment, europaweit eine sichere Stromversorgung zu haben und einen Blackout zu vermeiden“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Vor allem die Franzosen haben derzeit ein arges Strom-Problem. Das Land ist stark abhängig von der Atomkraft, die zu Normalzeiten rund 70 Prozent des Stroms liefert. Im Moment ist sie aber ein Sorgenkind. „Die Hälfte der 56 französischen Reaktoren ist derzeit nicht am Netz“, sagt Federico. Ein Teil ist wegen Wartungen abgeschaltet, bei weiteren Anlagen wurden Korrosionsschäden an Kühlrohren entdeckt, die nun repariert werden müssen. Außerdem ist die Hitze ein potenzielles Problem. Eigentlich dürften viele AKW das erhitzte Kühlwasser nicht mehr in die Flüsse leiten, weil diese schon zu warm sind. Um die Meiler nicht auch noch abschalten zu müssen, hat Frankreich extra die Grenzwerte hochgesetzt.

Strom-Engpass: Habeck widerspricht Lindner in AKW-Frage

Wie lange der Strom-Engpass (und damit der deutschen Export) noch anhält, ist schwer zu sagen. Der Stromversorger EDF will ab November drei Viertel der AKW wieder am Netz haben, ab Februar 2023 dann 90 Prozent. Das ist der optimistische Plan. Allerdings warnt EDF auch schon vor möglichen längeren Stillständen.

Theoretisch könnte die Politik eingreifen. Finanzminister Christian Lindner (FDP) forderte kürzlich Wirtschaftsminister Robert Habeck auf, die Stromproduktion aus Gas zu stoppen. Zur Gas- dürfe keine Stromkrise kommen, sagte er mit Blick auf Deutschland und verband das mit der Forderung, hiesige AKW länger am Netz zu lassen. Habecks Haus winkte aber ab und warnte, ein Verzicht auf Gas im Stromsektor führe zu Blackouts.

Immerhin: Trotz der Gas-Verstromung ist die Füllung der Speicher auf einem guten Weg. Das 75-Prozent-Ziel, eigentlich für September geplant, ist schon erreicht. Bis November soll der Füllstand 95 Prozent betragen. Netzagentur-Chef Müller hat so seine Zweifel, Energie-Experte Federico aber sagt: „Ich bin zuversichtlich, dass wir die Ziele trotz allem erreichen.“ (mmä)

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