Der Gast, der den Tod brachte

München - Rein äußerlich war es wie am ersten Prozesstag. Wieder drängten sich Dutzende Pressevertreter um die Tür, aus der Herisch Ali Abdullah in den Saal trat.

 Am 2. November hätte er durch ein Geständnis das Gericht für sich einnehmen können. Der Iraker tat das Gegenteil, er brachte die Richter durch Halb- und Unwahrheiten gegen sich auf. Als am Montagmorgen die Blitzlichter erneut über sein Gesicht zuckten, war alles doch ganz anders: Die vergangenen neun Prozesstage hatten die für ihn schlimmstmögliche Wendung genommen.

"Sie haben die Weichen falsch gestellt"

Das Schwurgericht verurteilte Herisch Ali Abdullah zu lebenslanger Haft wegen Mordes. Die besondere Schwere der Schuld wurde festgestellt, das heißt: Es wird nach 15 Jahren nicht automatisch geprüft, ob der Rest der Haft auf Bewährung ausgesetzt werden kann. Die Anwälte kündigten sofort nach der Urteilsverkündung an, in Revision zu gehen. "Sie haben die Weichen am ersten Tag falsch gestellt, als Sie kein Geständnis ablegten", sagte Vorsitzender Richter Manfred Götzl, zu Abdullah gewandt. Als der Übersetzer ihm das Strafmaß in einem kurdischen Dialekt zuflüsterte, öffnete der 26-Jährige sein Sakko, blies die Backen auf und wandte sein Gesicht ab. Dann weinte er still vor sich hin, sein Ohr ganz nah am Mund des Übersetzers.

Was ist geschehen in den letzten Stunden des Münchner Modemachers, in der Nacht auf den 14. Januar? In der halbstündigen Urteilsbegründung erklärte Götzl, welchen Ablauf das Gericht nach der Vernehmung von mehr als 50 Zeugen zu Grunde legt. Herisch Ali Abdullah hatte das gesamte Haushaltsgeld verspielt, das zum großen Teil seine Lebensgefährtin aufbrachte. Es waren mehr als 1000 Euro. Auf dem Nachhauseweg habe Moshammer den Verzweifelten angeredet. Dies habe Abdullah als "Wink des Himmels" verstanden. Denn obwohl er den Mann im Rolls-Royce nicht kannte, war ihm doch klar, dass er reich sein muss. Beim Anschauen eines Hetero-Pornos im Fernsehzimmer des ersten Stocks habe Moshammer den aktiven Part gespielt. Dann wollte er in die passive Rolle wechseln, wünschte von seinem Gast Analverkehr. Abdullah lehnte ab, Moshammer befriedigte sich selbst. Soweit decken sich die Indizien, unter anderem Spermaflecken auf Moshammers Hose, mit den Aussagen Abdullahs.

Doch allen weiteren Ausführungen Abdullahs schenkte das Gericht keinen Glauben. An seiner Weigerung habe sich der tödliche Streit entzündet. Moshammer sei auf die Toilette gegangen. Von dort sei er zornig zurückgekehrt, habe ihn als "Penner" beschimpft und mit einem Kabel geschlagen. Das Kabel sei bei dem Gezerre gerissen, alles Weitere wisse er nicht mehr. Götzl: So kann es nicht gewesen sein. Denn: Nach der Tat habe in dem Zimmer nicht die geringste Unordnung geherrscht. Zudem hätten die Rechtsmediziner keine Spuren eines Kampfes entdeckt, weder an Moshammer noch am Angeklagten. Und ein Kabel könne bei einem gegenseitigen Zerren auch gar nicht reißen.

Nein, dem prominenten Freier sei an einem Streit nicht das Geringste gelegen gewesen. Er habe allen Grund gehabt, sein Intimleben geheim zu halten. Die Nachbarn hätten von keiner einzigen Auseinandersetzung berichtet. Es sei so gewesen: Moshammer ging auf die Toilette, um sich frisch zu machen. In der Zwischenzeit habe Abdullah den Mordplan gefasst, die Kommode durchsucht und ein Kabel gefunden.

Vier Mal war das Kabel um den Hals geschlungen

All das habe Moshammer nicht bemerkt. Er habe sich, von der Toilette kommend, der Treppe zugewendet, um seinen Gast mit dem Auto dorthin zu fahren, wo er ihn aufgelesen hatte. Dies sei seine Gewohnheit gewesen, deshalb habe er den Wagen auch in der Ausfahrt stehen gelassen. Nun sei Abdullah von hinten an den körperlich überlegenen Moshammer herangeschlichen und habe blitzschnell das Kabel vier Mal um seinen Hals geschlungen. Er zerrte sein Opfer nach oben. Dort habe er seinen Fuß auf Moshammers Schulter gestellt und habe mit Gewalt zugezogen. "Es kam Ihnen darauf an, Moshammer zu töten, um dann ungestört nach Bargeld suchen zu können." Bei der anschließenden Durchsuchung des Hauses habe er die Summe von 16 000 Euro lediglich übersehen, Karten und Schmuck habe Abdullah liegen gelassen, weil sie den Räuber identifizierbar gemacht hätten.

So nahm der Verurteilte aus der Sakkotasche Moshammers nur die Geldklammer mit, in der der Modemacher gewöhnlich großes Geld aufbewahrte. Dass er noch ein paar Scheine bei sich hatte, fiel dem Kellner auf, der Moshammer sein letztes Abendessen serviert hatte. Am Tag nach der Tat entdeckte Abdullahs Lebensgefährtin einen 200-Euro-Schein. Mehr Beute machte der Gast, der den Tod brachte, nicht.

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