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„Das Nicht-Wissen macht Angst“: Heinrich Bedford-Strohm dieses Jahr in Berlin bei einem Gottesdienst zwischen Bundespräsident Gauck und Kanzlerin Merkel.

Gastbeitrag zu Weihnachten 

Heinrich Bedford-Strohm: Fürchtet euch nicht!

München - Zum Weihnachtsfest 2015 richtet sich Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern und  Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, an unsere Leser.

Anfang Dezember übertrat der millionste Asylsuchende in diesem Jahr in Bayern die Grenze nach Deutschland. Eine Million Menschen sind zu uns gekommen. Frauen, Männer, Jugendliche, Kinder. Jeder einzelne hat schwere Monate hinter sich. Das Leben ist zu Hause unerträglich geworden, denn sonst hätte niemand den lebensgefährlichen Fluchtweg angetreten.

Sie kommen nach Deutschland in der Hoffnung, dass ihr Leben besser wird. Vor allem keine Bomben mehr, keine Schießereien, keine Toten in der Familie. Warum sie nach Deutschland gekommen sind? Weil sie hoffen, dass sie in Deutschland Zuflucht finden, vielleicht sogar ein neues Leben aufbauen können. Die Mütter hoffen, dass ihre Kinder eine gute Schulbildung bekommen, einen Beruf lernen. Die Männer wollen arbeiten.

Sie kamen natürlich auch nach Deutschland, weil andere Länder ihre Grenzen für sie geschlossen haben. Mehr oder weniger deutlich wird dort gesagt: Wir wollen Euch nicht! Werden diese eine Million Menschen unser Land verändern? Diese Frage beschäftigt mich wie so viele von Ihnen. Ob im Zug, im Restaurant, zuhause oder mit Freunden, in der Politik und den Medien sowieso – überall wurde über dieses Ereignis gesprochen, ja heiß debattiert. Auch bei sehr unterschiedlichen Meinungen, unberührt lassen die Flüchtlinge niemanden.

Das mag natürlich an der schieren Zahl liegen, aber wohl vor allem daran, dass sie plötzlich zu uns kommen, nicht mehr nur an die Außengrenzen Europas, sondern mitten ins Herz des Kontinents, vor unsere Haustür. Damit sind Leid und Elend, durch Krieg, Gewalt und unhaltbare Lebensbedingungen ausgelöst, bei uns angekommen. Wer flieht, sucht Sicherheit. Er flieht dorthin, wo er sie vermutet.

Das ist nicht neu. Seit jeher sind Menschen geflohen, wenn sie um ihr Leben fürchteten. Auch in der Bibel werden immer wieder solche Geschichten erzählt: Mose floh in die Wüste, nachdem er im Zorn einen ungerechten Aufseher erschlagen hatte und um sein eigenes Leben bangen musste. Die Heilige Familie musste sich auf die Flucht begeben, nachdem der unberechenbare König Herodes aus Furcht vor einem möglichen Konkurrenten um den Königsthron beschlossen hatte, alle neugeborenen Buben umbringen zu lassen. Sie alle flohen außer Landes, in der Hoffnung, der Gefahr zu entgehen.

Die Gründe zur Flucht sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sich auf den Weg machen. Aus Glaubensgründen flohen im 17. Jahrhundert Hugenotten aus Frankreich nach Bayern. Im 18. Jahrhundert suchten Protestanten aus dem Salzburger Land hier Zuflucht, wegen Hunger und Perspektivlosigkeit machten sich später Tausende umgekehrt von hier aus auf nach Amerika. 1945/1946 flohen Abertausende, um in einem Deutschland in Trümmern eine Zukunft zu wagen. Ob dies gelingen würde, war damals kaum abzusehen. Trotzdem kamen die Flüchtlinge, weil sie keine andere Wahl hatten. Heute können wir dankbar sagen, dass bei allen anfänglichen, zum Teil großen Schwierigkeiten, der Trauer über den Verlust der ursprünglichen Heimat, dieses Land zur neuen Heimat für Millionen von Menschen geworden ist.

Wir leben in einem Europa, das versucht, mehr zu sein als eine Reihe einzelner Länder. Die europäische Idee gewann Gestalt nach dem zweiten Weltkrieg. Inspiriert von dem Willen zu Frieden und Versöhnung stand zunächst die wirtschaftliche Einigung im Vordergrund. Je länger desto dringender wurde das Bewusstsein gemeinsamer, grundlegender Werte der Europäischen Union. Deswegen heißt es jetzt in Artikel 2: „Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.“

Es sind zutiefst christliche Werte, die hier beschrieben werden. In der gegenwärtigen Situation kann sich bewähren, ob sie tragen. Es ist noch nicht abzusehen, was es bedeutet, dass so viele Menschen hier Schutz suchen und möglicherweise kommen, um zu bleiben. Was wird werden, was wird sich daraus entwickeln? Das wird erst die Zeit zeigen. Denn diese Menschen haben ihre Lebensgewohnheiten mitgebracht. Ihre Art zu kochen, ihre Art, wie Frauen und Männer und die Familien miteinander leben. Sie haben ihre Religionen mitgebracht und ihre Feste.

Nun gilt es, die Herausforderung als Chance zu sehen. Gerade angesichts von Ungewissheiten sind die Quellen umso wichtiger, aus denen wir leben. Ich kenne keine kraftvollere Quelle als den christlichen Glauben. In den Tagen von Weihnachten wird seine Kraft besonders sichtbar. Die vielen Lichter in der dunklen Zeit des Jahres zeugen davon.

Als Christen nennen wir das Kind in der Krippe im Stall von Bethlehem, von dem an Weihnachten geredet wird, mit guten Gründen den Heiland der Welt. Denn mit diesem Kind ist etwas anders geworden in der Welt. Indem der Gott, der uns geschaffen hat, aus lauter Liebe Mensch wird, sich ganz auf die Seite von uns Menschen stellt, hat er es uns vorgemacht: die Liebe überwindet alle Grenzen. Wenn sie die Grenze zwischen Gott und Mensch überwinden kann, dann erst recht zwischen Menschen untereinander.

Die Engel grüßen die erschrockenen Hirten mit den Worten: „Fürchtet euch nicht!“ Wie oft dieser Satz „Fürchtet euch nicht!“ oder noch persönlicher „Fürchte dich nicht!“ in der Bibel vorkommt, habe ich nicht gezählt. Aber er findet sich an vielen Stellen – ist fast so etwas wie ein roter Faden, der die Bibel durchzieht. Es gibt so vieles, was Menschen erschreckt, Angst macht: Das Nicht-Wissen, wer kommt. Die Veränderungen in unserem Land, auf kurze und lange Sicht. Auch der Terror, der durch die Anschläge von Paris so nah gekommen ist. „Fürchtet euch nicht!“ Das rufen die Engel den Hirten zu, das rufen sie auch uns heute zu. Wer auf sie in der Seele hört, dessen Herz wird weit und ruhig. Bei dem breitet sich Zuversicht aus.

Nach dem Bericht der Bibel füllt sich der Himmel mit dem großen Gesang der Engel, die vom Frieden auf Erden singen. Dieser „Friede auf Erden“ ist und bleibt die große Sehnsucht von uns Menschen. Wer Krieg und Gewalt am eigenen Leib erlebt hat, weiß welche Schrecken damit verbunden sind, die oft auch dann als Nachtgesichte bleiben, wenn der Krieg längst vorüber ist. Menschen, die in diesen Tagen Flüchtlinge begleiten, hören viele solcher Geschichten.

„Friede auf Erden“ – das ist weit mehr als ein frommer Wunsch. Es ist ein Auftrag an uns alle, das Unsere dazu zu tun, dass Unfriede im Kleinen und im Großen überwunden wird, dass Menschen einander Achtung entgegenbringen und ernst nehmen, was den Kern des christlichen Menschenbildes ausmacht: Jeder Mensch ist geschaffen zum Bilde Gottes.

Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind groß. Aber unsere Gesellschaft hat ein starkes Fundament der Nächstenliebe, des Respekts, der Gelassenheit und des Willens, friedlich miteinander zusammenzuleben. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest, das Sie zuversichtlich auf das Kommende blicken lässt.

Heinrich Bedford-Strohm ist bayerischer Landesbischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland.

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