Gastkommentar

Hat die Schweiz wirklich nichts mit Flüchtlingen zu tun?

Lausanne - An dieser Stelle bitten wir Kolumnisten um ihren Widerspruch zu einer provokanten These. Heute: Sascha Buchbinder über die europäische Flüchtlingskrise und die Schweizer Rolle darin.

Wir Schweizer stehen im Verdacht, dass wir zwar Uhren herstellen, uns aber klammheimlich aus dem Lauf der Zeit geschlichen hätten. Und im Prinzip stimmt es ja: Wir bleiben meist verschont, wenn anderswo die einfachen Leute unter großen Zeiten leiden. Geschichte wird anderswo geschrieben. Trotzdem dachten wir: diesmal! Diesmal kommt es anders.

Als die Flüchtlinge in München ankamen, eilten die Schweizer Medien deshalb an den Bahnhof Buchs. Um live dabei zu sein, wenn an der Schweizer Grenze die Fliehenden ankommen. Aber sie kamen nicht. Naja: eine Familie. Eine. Ihr Foto prangte tags daraufaufallenFrontseiten. „Nur noch eine Frage der Zeit“, dachten wir, „dann werden auch wir überrannt.“ Die ersten Schweizer Reporter mischten sich derweil in Osteuropa unter die Flüchtlinge, berichteten aus dem Treck heraus via Twitter. Und in den Städten wurden die Hilfswerke mit Kleiderspenden überschüttet.

So gingen die Wochen dahin. Die Syrer zeigten per Abstimmung mit den Füßen, wie wenig sie vom „Islamischen Staat“ halten. Mehr noch: dass sie weder unverschleierte Frauen noch Ungläubige fürchteten. Europa ging mal mit Extrazügen und Wolldecken auf die Flüchtlinge zu, mal mit Grenzzäunen und Schlagstöcken gegen sie vor. Kein Zweifel: Dawurde gerade Geschichte geschrieben. Und die Schweiz stand außen vor.

Sascha Buchbinder

Hilflos. Aber weder teilnahms- noch tatenlos. In den Umfragen machten wir das Flüchtlingsthema zu unserer Hauptsorge. Die Schweizer Regierung erklärte: Im Prinzip wären wir bereit, dreitausend syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Rechtspopulisten von Lega bis SVP forderten die Schließung der Grenze, die Wirtschaftsverbände warnten vor den Folgen. Die Armee stellte schon mal Zelte auf, und Christoph Blochers SVP prangerte generell das „Asylchaos“ an. Mitte Oktober waren dann Parlamentswahlen, und die SVP ging als stärkste Partei hervor. Klar: wegen der Flüchtlingskrise.

Wir nehmen diese Krise nämlich ernst. Und wir haben uns auch richtig gewissenhaft vorbereitet. Doch die Kriegsvertriebenen, die machen weiterhin einen Bogen um die Schweiz. Ein Kollege, der drei Wochen mitmarschiert war, kehrte heim und berichtete: Diese Menschen hätten zwar alle Handys, aber trotzdem keine Ahnung von der Schweiz. Die seien wirklich schlecht informiert.

Ist denn die Schweiz nicht schön? Friedlich? Reich? Warum also sollten die Flüchtlinge nicht zu uns wollen? Das kann doch nicht ihr Ernst sein.

Doch nun haben sich die Zahlen erhöht, in den letzten Tagen kamen täglich mehr als hundert Flüchtlinge in der Schweiz an.DieSonntagspresse kündigt bereits an: Diese Woche ist es soweit! Die Regierung aktiviert den Notfallplan! Setzt die Armee in Bewegung! Und wenn nicht? Dann haben wir ein Problem. Dann werden wir nicht darum herumkommen,uns zufragen,ob wir nicht etwas hysterisch reagiert haben. Und das würde danndocheinschlechtesLicht aufunswerfen.Wowirdochso stolz sind auf unsere unerschütterliche Nüchternheit. Unsere Sachlichkeit, von der wir dachten, sie sei der eigentliche Grund, warum wir von der Geschichte verschont bleiben.

Sascha Buchbinder, Schweizer Journalist und Historiker, lebt in Lausanne.

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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