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Bundespräsident Joachim Gauck.

Bundespräsident wirbt für mehr Verständnis

Gauck: Deutschland muss mehr für Flüchtlinge tun

Berlin - Am ersten nationalen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung mahnt Bundespräsident Gauck die Deutschen: Erinnert Euch an die eigenen Erfahrungen und seid offen für die Flüchtlinge von heute.

Bundespräsident Joachim Gauck hat die Deutschen aufgefordert, aus der bitteren Erfahrung mit Flucht und Vertreibung im Zweiten Weltkrieg heraus großherziger gegenüber Flüchtlingen heute zu sein. Er sagte am Samstag in Berlin zum ersten bundesweiten Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung laut vorab verbreitetem Redetext: „Vor 70 Jahren hat ein armes und zerstörtes Deutschland Millionen Flüchtlinge zu integrieren vermocht. (...) Warum sollte ein wirtschaftlich erfolgreiches und politisch stabiles Deutschland nicht fähig sein, in gegenwärtigen Herausforderungen die Chancen von morgen zu erkennen?“ Gauck dankte ausdrücklich den Nachbarstaaten für souveräne Gesten und Vertrauen in Deutschland in den Jahrzehnten nach dem Krieg.

Bei einer Gedenkstunde im Deutschen Historischen Museum erinnerte er an das furchtbare Leid von Millionen deutschen Kriegsflüchtlingen zum Beispiel aus Ostpreußen, Pommern, Böhmen, Schlesien und Mähren - ein Alptraum aus Erschöpfung, eisiger Kälte, Wehrlosigkeit, Vergewaltigung und Tod. Oft spürten Heimatvertriebene eine lebenslange Wunde. Ihr Kummer sei lange zu wenig beachtet worden. Heimatverlust sei weitgehend als vermeintlich zwangsläufige Strafe für deutsche Verbrechen akzeptiert worden. So wie anfangs das Leid von Deutschen die deutsche Schuld übertönen sollte, sei dann im Bewusstsein der Schuld jedes Mitgefühl für Opfer verloren gegangen.

Die Chancen für die Gesellschaft durch Flüchtlinge dürften nicht verkannt werden, mahnte Gauck. Damals sei die Bevölkerung in der Bundesrepublik und in der DDR um nahezu 20 Prozent gewachsen. Flüchtlinge und Vertriebene hätten einen großen Anteil am Wiederaufbau gehabt. Gauck sagte: „Ich wünschte, die Erinnerung an die geflüchteten und vertriebenen Menschen von damals könnte unser Verständnis für geflüchtete und vertriebene Menschen von heute vertiefen. Auf eine ganz existenzielle Weise gehören sie nämlich zusammen - die Schicksale von damals und die Schicksale von heute."

Deutschland und Europa stünden vor Herausforderungen neuer Dimension. Ende 2014 seien weltweit fast 60 Millionen Menschen auf der Flucht gewesen - oft ausgebeutet, gefoltert, sexuell missbraucht, Plünderern und Schleusern ausgeliefert. Die staatlichen Strukturen ganzer Regionen wie in Afrika drohten zu zerfallen. Flüchtlingspolitik sei längst nicht nur Innenpolitik, sondern auch Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik. Gauck nannte es eine moralische Pflicht aller Staaten Europas, Flüchtlinge vor dem Tod im Mittelmeer zu retten und ihnen eine sichere Zuflucht zu gewähren. Das sei nicht verhandelbar.

So entstand der Gedenktag für Vertriebene

Vor knapp einem Jahr hatte die Bundesregierung beschlossen, den 20. Juni zum nationalen Gedenktag für Vertriebene zu machen - und diesen an den Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen zu koppeln. Der Umgang mit der Erinnerung an die Vertreibung aus ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten in Osteuropa hatte lange für emotionale Debatten gesorgt. Der Bund der Vertriebenen forderte jahrelang einen eigenen Gedenktag. Er vertritt die Interessen von 14 Millionen, im Zweiten Weltkrieg vertriebenen Menschen und ihren Nachkommen.

Tausende demonstrieren gegen Flüchtlings- und Griechenlandpolitik

Zum Weltflüchtlingstag haben in Berlin mehrere tausend Menschen für Solidarität mit Flüchtlingen und gegen die europäische Griechenlandpolitik demonstriert. Im Bezirk Kreuzberg versammelten sie sich am Samstagnachmittag zu einer Kundgebung. Reden hielten der Publizist Jakob Augstein und Griechenlands stellvertretende Ministerin für gesellschaftliche Solidarität, Theano Fotiou.

Auch in anderen Städten gingen Menschen auf die Straße, um eine offenere Flüchtlingspolitik zu fordern. In Berlin-Kreuzberg kamen nach Angaben der Polizei rund 2500 Demonstranten zusammen. Anschließend wollten sie gemeinsam zum Brandenburger Tor laufen.

Den Protest unter dem Motto „Europa. Anders. Machen.“ hatte ein Bündnis linker Gruppen organisiert. Neben Bannern etwa des globalisierungskritischen Netzwerks „Attac“ hielten Teilnehmer Schilder mit Aufschriften wie „Schuldenschnitt jetzt“ oder „Humboldt-Forum zur Erstaufnahmeeinrichtung“ hoch. „Wir demonstrieren für ein Europa der Solidarität und des Friedens“, sagte Fotiou. „Für ein Europa der Völker, nicht der Banker.“

dpa

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