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Defiliermarsch, Fischsemmeln, Bier und eine Wutrede der Parteispitze: Die CSU trifft sich in der Dreiländerhalle in Passau.

Politischer Aschermittwoch

Gauweiler will seinen Bann brechen

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München - Die Kraftmeier wollen sich dosiert verhauen. Am Mittwoch treten die neuen Regierungspartner CSU und SPD zu ihren Aschermittwochsreden an. Im Mittelpunkt stehen ein Nürnberger Neuling und ein Münchner Haudegen.

Er tobte, schnaufte und brüllte. „Verdammte, ekelhafte Heuchler“ betrieben eine „Dreckskampagne“ gegen ihn, rief Peter Gauweiler in den Aschermittwochs-Saal. Er ballte die Fäuste und sann heiser auf Rache: „Manche werden es noch zu spüren bekommen.“ Das Publikum war außer sich, trampelte und jubelte minutenlang, schleuderte an den richtigen Stellen „Pfui“-Rufe über die Tische.

20 Jahre ist das her, der Aschermittwochsauftritt von Gauweiler 1994 im Münchner Pschorrkeller ist seither legendär. Denn der von Polit-Affären angegriffene Umweltminister fügte nach anderthalb Stunden donnernder Wutrede noch ein Detail an: Er reiche seinen Rücktritt ein.

Selten in der Geschichte kam ein Rücktritt so sehr wie ein Triumphzug daher. Gauweiler ging erhobenen Hauptes, blieb in der CSU und pflegte seinen Ruf als prinzipientreuer Einzelkämpfer. „Jetzt bin ich wieder frei“, rief er noch. Auf eine Freiheit verzichtete er: Eine Aschermittwochsrede hielt er nie wieder, zwei Jahrzehnte lang nicht.

Man muss diese Vorgeschichte kennen, um den Aschermittwoch am Mittwoch in Passau spannend zu finden. Dort wird Gauweilers Bann brechen, er wird einer der CSU-Hauptredner. Der Münchner Bundestagsabgeordnete, der sowohl feingeistig als auch wortgewaltig sein kann, soll die Dreiländerhalle einheizen. Er soll die CSU auf Kommunal- und Europawahl in März und Mai einstimmen.

Eigentlich ist das Chefsache, Horst Seehofer aber genügt die Rolle als Co-Redner. Das Krawallige im Passauer Fischsemmel-Mief ist eh nicht sein Spezialgebiet. In den Vorjahren war der Parteichef entweder kränkelnd, heiser oder Interims-Bundespräsident. Er holte sich deshalb erst Edmund Stoiber und nun eben Gauweiler an die Seite.

Ohne den 64-Jährigen Münchner wäre die Konstellation mäßig spannend. Richtig üble Attacken müssen sich die CSU in Passau und die SPD 20 Kilometer donauaufwärts in Vilshofen verkneifen – wenn sie nicht den Rest an Koalitionsklima ruinieren wollen, der nach der Edathy-Affäre in Berlin noch geblieben ist.

Interessant ist auch die SPD-Rednerliste. Neben dem frisch gekürten Europa-Spitzenkandidaten Martin Schulz (58) tritt der Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly auf – zum ersten Mal in seinem Leben in Passau. Er ist einer der charismatischsten Kommunalpolitiker der SPD. Viele sehen in Maly (was er energisch dementiert) den Landtags-Spitzenkandidaten für 2018. Zum Rüpel machen will sich der besonnene Franke im SPD-Zelt aber auch nicht. „Ich bin kein Holzhacker. Ich werde mich anstrengen, aber nicht verstellen.“

Maly will auch eine der größten CSU-Angriffsflächen nicht nutzen: die Affären um den Miesbacher Landrat Jakob Kreidl. „Der ist genug gestraft von seinen eigenen Leuten, da brauch’ ich nicht draufhauen“, sagt der 53-Jährige knapp. „Ich bin nicht erziehungsberechtigt, wie er seine Geburtstage feiert.“

Den Zahlen-Wettstreit um die Gäste wollen sich SPD und CSU diesmal sparen. Die CSU hatte bierernst stets über 6000 Gäste gemeldet – Schätzungen, die selbst der ADAC nicht wagen würde für eine Halle, die nur für 4000 Besucher zugelassen ist. Die SPD verkleinert sich heuer freiwillig um die Hälfte, ihr Zelt fasst nun bis zu 3500 Besucher.

Säle in Niederbayern haben auch die kleineren Parteien gemietet. Für die Grünen spricht unter anderem Fraktionschef Toni Hofreiter in Landshut. Die Linken (Gregor Gysi) treten in Passau auf, die FDP (Wolfgang Kubicki) in Dingolfing, die Freien Wähler (Hubert Aiwanger) in Deggendorf und die AfD (Bernd Lucke) in Osterhofen.

Von Christian Deutschländer

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