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Frischer Wind: Pietro Parolin ist erfahrener Diplomat.

Was hinter den Kulissen passiert

Die geheime Diplomatie des Vatikan

Rom - Der Diplomatische Dienst des Vatikan gilt als einer der besten der Welt: Diskretion und Geduld gelten als Kardinaltugenden. Unter ihrem neuen Chef läuft die Geheimdiplomatie zu alter Form auf.

Die Geheimdiplomatie läuft zu alter Form auf. Die Annäherung zwischen den USA und Kuba gibt davon Beispiel. Doch die wahre Bewährungsprobe heißt China.

Wenn Papst Franziskus, wie jüngst bei seinen Staatsbesuchen in Sri Lanka und auf den Philippinen, die Gangway herunter schreitet, verzichtet er auf eine Geste, die seine Vorgänger Paul VI. und Johannes-Paul II. pflegten: kein Kniefall, kein Kuss der Erde des Gastlandes. Schon Benedikt XVI. hatte, freilich aus Altersgründen, auf diese päpstliche Tradition verzichtet. Theatralische Symbolik liegt dem Pontifex aus Argentinien nicht. Stattdessen trägt er eigenhändig die abgewetzte schwarze Aktentasche aus dem Flugzeug. Sicher, auch dies ist eine bewusste Geste. Doch sie passt zu dem Mann, der von sich selbst kein Aufhebens macht. Der auf das schlichte Wort setzt. Der lieber selbst zum Telefon greift, statt seinen Pressesprecher vorzuschicken. In der Kurie verzweifeln sie oft ob der Spontanität des Chefs. Manchmal führt sie auch zu Missverständnissen, die der routinierte Papstsprecher Federico Lombardi später ausbügeln muss. Doch oft genug hat die stille Telefondiplomatie Erfolg.

So wie vor ein paar Wochen, als das Weiße Haus und die Führung in Havanna überraschend bekanntgaben, nach fast einem halben Jahrhundert der Sprachlosigkeit und Sanktionspolitik offizielle Kontakte aufnehmen zu wollen. Zu aller Überraschung dankte US-Präsident Obama Papst und Vatikan für die Vermittlung hinter den Kulissen. Ein sichtbarer Erfolg für die beharrliche Diplomatie des Heiligen Stuhls, die damit an ihre besten Tage anknüpft. Das geduldige und diskrete Wirken der vatikanischen Außenpolitik hat einen Namen: Seit Franziskus seinen Vertrauten Pietro Parolin zum Kardinalstaatssekretär ernannt hat, erlebt die traditionsreiche päpstliche Geheimdiplomatie auf weltpolitischer Ebene ein Revival.

Unter dem Pontifikat von Benedikt XVI. war sie fast eingeschlafen. Dies lag, darüber sind sich alle Beobachter einig, an der Person des ehemaligen Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone; einer schillernden Persönlichkeit, deren Mangel an politischer Kompetenz in direktem Kontrast zum eigenen Ego stand. Für die altgedienten Vatikandiplomaten war die Amtszeit des Genuesen, der keine Fremdsprache beherrschte und für sein loses Mundwerk berüchtigt war, eine Qual. Zu oft mussten sie die Peinlichkeiten des Chefs, der sich gern selbst in Szene setzte, ausbügeln. Warum sich Papst Benedikt trotz allem nicht von Bertone trennen wollte, bleibt ein Geheimnis des Ratzinger-Pontifikats.

Mit der Berufung des aus Vicenza stammenden Pietro Parolin bewies Franziskus eine glücklichere Hand. Der ehemalige Apostolische Nuntius, der im Laufe seiner Karriere auf fast allen Kontinenten gewirkt hatte und zuletzt Botschafter des Heiligen Stuhls in Mexiko war, hat in nur einem Jahr dem diplomatischen Apparat des Vatikan seinen Stolz zurückgegeben. In geheimen Verhandlungen ist er routiniert: Als Chefunterhändler bei verschiedenen Vermittlungsmissionen im Nahen und Fernen Osten sowie in Lateinamerika erntete er erste Lorbeeren. Als päpstlicher Gesandter in Venezuela hatte er es mit dem exzentrischen Machthaber Hugo Chavez zu tun, in Nigeria mit den islamistischen Terrorgruppen der Boko Haram.

Im römischen Staatssekretariat galt er bald als Mann für schwierige Fälle. So handelte er in Hanoi die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Vietnam aus. Mindestens zweimal reiste er inkognito zu informellen Gesprächen mit chinesischen Spitzenpolitikern nach Peking. Diese Erfahrungen prädestinieren ihn für die Herausforderungen, die ihm Papst Franziskus mit auf den Weg gegeben hat.

An erster Stelle der päpstlichen Agenda etwa steht ein historischer Ausgleich zwischen der kommunistischen Führung in Peking und der katholischen Kirche, um der rasant wachsenden Zahl von Gläubigen in China das Leben zu erleichtern und die kirchlichen Einrichtungen aus dem Untergrund zu holen. Schon Papst Benedikt XVI. war dies ein Herzensanliegen. Katholiken sind im Reich der Mitte Bürger zweiter Klasse, denen der Staat nicht über den Weg traut. Traurige Folge: Repressalien, Razzien, Zwangsschließungen kirchlicher Einrichtungen und die Deportation von Geistlichen. Seinen Glauben einigermaßen frei ausüben kann nur, wer sich von Rom lossagt und sich der „Patriotischen Kirche“ anschließt, die unter der strikten Kontrolle der Partei steht. Hingegen sitzen hunderte von papsttreuen Priestern und Bischöfen in Straflagern. Kardinal Parolin soll den Durchbruch schaffen. Erste zarte Erfolge sind bereits sichtbar.

Es löste große Verwunderung aus, als der Apostolische Palast Anfang Dezember dem Dalai Lama eine Audienz bei Papst Franziskus verweigerte, hatten doch alle seine Vorgänger engen und gar freundschaftlichen Kontakt zum geistlichen Oberhaupt der Tibeter gepflegt. Im Vatikan war er stets ein gern gesehener Gast. Warum diese abrupte Abkehr? Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Keine Woche später erklärte der chinesische Staatspräsident Jin Ping persönlich, dass man mit dem Vatikan in fruchtbarem Dialog stehe und diesen fortzusetzen gedenke. Eine Kehrtwende für Peking. Ob es da einen Zusammenhang gebe, fragen wir einen hohen Mitarbeiter der Kurie?

Ein hochsensibles Thema, weshalb unsere Quelle lieber unbenannt bleiben möchte. Ja, es gebe Fortschritte. Ja, das Ziel sei die Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen mit dem bevölkerungsreichsten Land der Erde. Sogar ein Papstbesuch scheine in Zukunft denkbar. Bis dahin gelte es, auch einige Kröten zu schlucken. Der Dalai Lama etwa sei sich der Gründe für die Audienz-Absage voll bewusst und zeige Verständnis für die diplomatischen Mühen des Heiligen Stuhls. Auch die Beziehungen des Vatikan zum Inselstaat Taiwan müssten in diesem Licht neu bewertet werden, so der Kirchenmann weiter. Im Klartext: Für die Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen mit Peking müssen die offiziellen Kontakte zu Taipeh abgebrochen werden.

Sollte Pietro Parolin eine Lösung der China-Frage glücken, wäre ihm ein Platz in der Kirchengeschichte sicher. Nicht zufällig ist er ein Schüler des legendären Kardinalstaatssekretärs Agostino Casaroli, der in den 70-Jahren unter Papst Paul VI. eine Annäherung an die kommunistischen Regime des Ostblocks suchte, um der katholischen Kirche wenigstens das nackte Überleben zu sichern. Nach der Wahl Wojtylas zum Pontifex trug er im Auftrag des polnischen Papstes erheblich zur Stärkung der Oppositionsbewegungen in Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei bei. Es gilt als sicher, dass es dabei einen Pakt zwischen dem Vatikan und der US-Administration gab, der angeblich vom damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan und Papst Johannes-Paul II. persönlich verabredet wurde. Am Ende fiel der Eiserne Vorhang.

Und wie versteht Kardinal Parolin selbst einen Dienst an der Spitze der jahrhundertealten päpstlichen Diplomatie? Am Rande der Papstreise nach Asien betont er die Brückenfunktion der Kirche. Nicht umsonst werde der Papst als „Pontifex Maximus“, als „Oberster Brückenbauer“ bezeichnet. „Brücken über alle Gräben hinweg zu errichten“, das sei die vornehmste Aufgabe der Mitarbeiter des Papstes, so Parolin bescheiden.

Am vergangenen Wochenende feierte der Kardinalstaatssekretär, der mittlerweile als Alter Ego von Papst Franziskus gilt, seinen 60. Geburtstag. Für vatikanische Verhältnisse ist er damit noch recht jung. Es könnte gut sein, dass ihm eines Tages noch höhere Aufgaben bevorstehen.

Ingo-Michael Feth

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