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Sie war’s nicht: Andrea Nahles zeigt den anonymen SPD-Drohanrufer an.

Anonyme Drohungen erschüttern SPD

Geisteranrufe bei den Genossen

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Berlin/München – Anonyme Drohungen an Gegner der Großen Koalition erschüttern die SPD. Ein Unbekannter gab sich als Mitarbeiter von Generalsekretärin Nahles aus und drohte Jusos mit dem Ende ihrer Partei-Karrieren. Ein Spaß oder ein Skandal?

Die Drohung ging ein um 11.59 Uhr. Von Telefon (030) 25991 plus drei Ziffern Durchwahl meldete sich am Dienstag das Büro der Generalsekretärin, um Fabian Verch ein paar warnende Worte mit auf den Weg zu geben. Es könne doch nicht sein, dass er gegen die Große Koalition sei. So eine Haltung ruiniere die SPD, undemokratisch sei das. Er solle öffentlich seine Meinung korrigieren, man werde ihm dafür Argumentationshilfen zusenden. Und dann: „Du hast doch schließlich auch noch Ambitionen in der Partei.“

Für Verch fühlte sich das an wie ein Schlag ins Gesicht. „Ich dachte, das kann doch wohl nicht wahr sein“, zitiert ihn Stern.de. Dass ihn die Spitze seiner eigenen Partei so unter Druck setzen würde? Wie Verch erging es mindestens neun jungen SPD-Politikern. Die Anrufe aber sind wohl eine Täuschung: In der SPD-Zentrale wird vehement versichert, niemand habe angerufen, da habe ein Hacker vorgegaukelt, von der Nahles-Nummer aus zu telefonieren. Einen „Michael Wiegand“, als der sich der Drohanrufer vorstellte, gibt es zudem in der ganzen SPD-Zentrale nicht.

Gestern stellte die Partei Strafanzeige gegen unbekannt. Generalsekretärin Andrea Nahles kontaktierte per E-Mail jene Jusos, die sich in der Parteizentrale über die Anrufe beschwert hatten: „Ich kann Deine Empörung voll und ganz verstehen und bin selber entsetzt.“ Ein krimineller Akt sei das. Und Bayerns Landeschef Florian Pronold fragt: „Warum sollte jemand den Jusos drohen?“ Das wäre doch „Quatsch“. Im Internet steht bereits ein skurriles Bekennerschreiben, bei dem es sich auch um einen Scherz handeln kann. Wie vielleicht bei der ganzen Aktion.

Lachen kann die SPD-Spitze freilich darüber nicht. Sie ist derzeit auf dem Weg, den Entscheid über die Koalition klar zu gewinnen, von 80 zu 20 ist die Rede. Das räumen auch Gegner halblaut ein. Massive Aufregung über Drohanrufe könnte die Stimmung allerdings zum Kippeln bringen. Die Befragung läuft noch eine Woche, ehe am 14. Dezember in Berlin das Ergebnis verkündet wird.

Technisch ist es für Fachleute möglich, wenn auch verboten, dem Angerufenen vorzugaukeln, man rufe von der zentralen Nummer des Parteivorstands aus an. „GroKo“-Gegner zu finden, war noch leichter. Die Wahlzettel sind zwar strikt anonymisiert und lassen auch keine regionalen Rückschlüsse zu. Kritische Sozialdemokraten suchen aber seit wenigen Wochen massiv die Öffentlichkeit. Verch, gerade mal 25, saß in der ZDF-Sendung von Maybritt Illner; seine Telefonnummer steht im Internet. Andere veröffentlichen auf Facebook Fotos, wie sie gerade mit Nein ankreuzen – in Bayern (wo bisher keine Drohanrufe bekannt wurden) zum Beispiel Adelheid Rupp, bis vor kurzem Landtagsabgeordnete. Rund 6000 Gegner haben sich zudem auf Facebook formiert.

Verch übrigens hätte, so verlangte es der Anrufer, auf dem heute beginnenden Juso-Bundeskongress in Nürnberg seine Haltung widerrufen sollen. Das wäre doch „sehr werbewirksam“, weil unter den Jungsozialisten die härtesten Gegner einer schwarz-roten Regierung zu finden sind. Daraus wird nun nichts. Für Verch ist der Fall zwar erledigt, er glaubt Nahles. Bei seiner Meinung gegen die „GroKo“ bleibt er aber.

Mike Schier und Christian Deutschländer

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