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Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit und Präsident Macron: In Frankreich gehen die "Gelbwesten"-Proteste an Wochenenden weiter.

Nach rückläufigem Trend

Wiedererstarkt? Beteiligung an Protesten der „Gelbwesten“ wieder höher

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In den Hochzeiten der „Gelbwesten“-Proteste belief sich die Zahl der Demonstranten auf 280.000 Personen. Mittlerweile gehört das Bild der Bewegung an Wochenenden schon fast zur Routine.

Update, 23. Februar 2019: Die "Gelbwesten"-Bewegung hat diesen Samstag mehr Demonstranten auf die Straße gebracht als vergangene Woche. Wie das französische Innenministerium mitteilte, beteiligten sich an dem 15. Protest-Samstag in Folge landesweit mehr als 46.000 Menschen, davon 5800 in der Hauptstadt Paris. Vergangene Woche hatte die landesweite Beteiligung bei 41.000 Demonstranten gelegen, davon 5000 in Paris.

In den vergangenen Wochen war die Beteiligung rückläufig gewesen. Bei den größten "Gelbwesten"-Protesten vor drei Monaten waren mehr als 280.000 Demonstranten auf die Straße gegangen. Die Sozialbewegung fordert den Rücktritt von Präsident Emmanuel Macron und eine Abkehr von seinem Reformkurs.

Die Kundgebungen diesen Samstag verliefen überwiegend friedlich, in einigen Städten gab es aber gewaltsame Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. "Immer noch Gewalt. Ausschreitungen am Rande der Versammlungen in Clermont-Ferrand, Rouen, Montpellier", kritisierte Innenminister Christophe Castaner im Kurzbotschaftendienst Twitter. Zugleich lobte der Minister erneut, dass die Sicherheitskräfte entschieden, aber zugleich besonnen auf die gewaltsamen Angriffe von Demonstranten reagiert hätten.

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Die "Gelbwesten" werfen der französischen Polizei ihrerseits übertriebene Gewaltanwendung vor. Seit Beginn der Proteste Mitte November wurden bereits fast 2000 Demonstranten verletzt.

Gewalt bei „Gelbwesten“-Protesten in Frankreich: „Die Radikalen bleiben übrig“

München - Die Franzosen zählen durch und versuchen so, ein wenig Ordnung ins „Gelbwesten“-Chaos zu bringen: Seit Beginn der Demonstrationen hat jedes Protestwochenende eine Nummer, fast so, als wäre die ganze Sache ein Theaterstück. Der „1. Akt“ wurde am 17. November 2018 gegeben und es sagt viel über das Ausmaß der Krise, dass am Wochenende schon Akt 13 über die Bühne ging.

Die Gewalt im Rahmen der Gelbwesten-Proteste nimmt zu: Demonstranten in Lorient im Westen des Landes.

Eine besonders eigentümliche Szene in dem weit fortgeschrittenen Drama spielte sich in Lyon ab. Dort gingen am Samstag „Gelbwesten“ auf „Gelbwesten“ los, offenbar Demonstranten aus der extrem linken und der extrem rechten Ecke. Sie warfen Gegenstände in die jeweils andere Gruppe und prügelten schließlich aufeinander ein. Ein Video zeigt die Szene, die Fragen aufwirft. Sind das erste Zerfallserscheinungen?

Rechts- und Linksextreme geraten aneinander

Der französische Nachrichtensender „LCI“ beschrieb den Vorfall wegen seiner Heftigkeit als „außergewöhnlich“, erinnerte aber daran, dass Rechts- wie Linksextreme sich schon früh unter gemäßigte Demonstranten mischten, die unter anderem mit Straßenblockaden auf soziale Missstände hinweisen wollten. Die gewalttätigen Ausschreitungen in Paris von Anfang Dezember etwa werden radikalen Kräften angelastet. Hier und da gerieten sie auch schon aneinander – wenn auch nicht so exzessiv wie am Samstag in Lyon.

Der Vorfall scheint anderes zu zeigen: die Aufspaltung der „Gelbwesten“ in konstruktive Kräfte und Randalierer. „Die eigentliche Bewegung wird langsam zur politischen Partei und die Radikalen bleiben übrig“, sagt Frank Baasner, der das deutsch-französische Institut in Ludwigsburg leitet. So unter sich hauen sich die Chaoten, salopp gesagt, die Köpfe ein.

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Liste für die Europawahl angekündigt

Schon Ende Januar hat der konstruktive Teil der Bewegung angekündigt, eine Liste für die Europawahl aufzustellen. Spitzenkandidatin ist die 31-jährige Krankenschwester Ingrid Levavasseur. Ganz leicht war der Schritt nicht, denn intern tobte ein Streit. Kritiker warfen Levavasseur vor, sich zum Handlanger des verhassten Systems zu machen. Das waren erste Anzeichen eines Bruchs.

Zwei Provokateuren dürfte die Entwicklung gar nicht gefallen: Jean-Luc Mélenchon (Chef der linken Bewegung „La France insoumise“) und Marine LePen (Chefin des rechten „Rassemblement National“). Sie hatten von Beginn an versucht, politisches Kapital aus der „Gelbwesten“-Bewegung zu schlagen – wenn auch auf unterschiedlichen Wegen. Mélenchon zeigte sich früh fasziniert von Éric Drouet, einem der Wortführer der „Gelbwesten“, der zum Staatsstreich aufrief. LePen hielt sich indes zurück und überließ ihrem Verbündeten, Italiens Außenminister Matteo Salvini, die Abteilung Attacke. Frankreich-Experte Baasner sagt: „Sie versucht so, sich als einzig glaubhafte Alternative zu Präsident Macron darzustellen.“

Dabei ist Ordnung nicht unbedingt in ihrem Sinne, denn eigentlichS profitiert LePen eher von einer nicht kanalisierten Wut der Demonstranten. Umfragen zeigen, dass die „Gelbwesten“ bei den Europawahlen sieben bis acht Prozent erreichen könnten. Die Stimmen kommen nicht von der „En Marche“-Bewegung Präsident Macrons, sondern aus dem Lager von LePen und Mélenchon.

Zusammenstöße wie die von Lyon wird es womöglich noch öfter geben. Denn im Protest-Drama ist vorerst kein Ende in Sicht, aber die Radikalen könnten immer häufiger unter sich sein. Die Wortführer der „Gelbwesten“ kommentieren die gewalttätigen Eskapaden bislang nicht. „Langfristig“, glaubt Baasner, „wird ihnen das auch schaden.“

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Mäckler/AFP/Freiwah

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