US-Iran-Krise weitet sich aus

General Soleimani: Wer war er? Warum wurde er getötet - und was hat das nun für Folgen?

Der Tod von General Soleimani hat den Iran nach den politischen Querelen wieder geeint. Dabei wollte US-Präsident Donald Trump genau das eigentlich nicht - der Hass auf ihn nimmt nun zu.

  • General Ghassem Soleimani wurde bei einem US-Militäreinsatz getötet
  • US-Präsident Donald Trump wollte damit die Führung des Iran schwächen
  • Wer war Soleimani? Warum wurde er getötet - und was hat das nun für Folgen?

Teheran - Im iranischen Staatsfernsehen ist bei staatlich organisierten Kundgebungen öfter mal die Rede von Millionen von Teilnehmern. Ernst nimmt das jedoch selten jemand. 

Bei der Trauerzeremonie für den bei einem US-Raketenangriff in Bagdad getöteten iranischen General Ghassem Soleimani in Teheran allerdings wurde dieses Mal nicht übertrieben. Fast die gesamte Stadtmitte und der Westen der Hauptstadt waren mit Menschen bevölkert. „Es waren diesmal wirklich Millionen“, konstatierte ein iranischer Fotograf.

Bei den Trauerfeierlichkeiten für Soleimani stehen Anhänger und Gegner der iranischen Führung erstmals seit Jahren - wenn nicht Jahrzehnten - wieder in aller Öffentlichkeit Seite an Seite. „Das hat mit Politik nichts zu mehr zu tun ..., es war ein Schlag gegen einen von uns“, sagt der 26 Jahre alte Student Ehsan. Mit dem islamischen Regime hat Ehsan nichts am Hut, genauso wenig mit den Revolutionsgarden und der Al-Kuds-Einheit. „Aber sowas regeln wir unter uns ..., die Amerikaner geht das nichts an“, fügt er hinzu.

Doch wer war dieser General, der von so vielen Iranern nun fast schon vergöttert wird?

Soleimani tauchte in der Region immer dann auf, wenn es für den Iran um besonders viel ging. Sein Gesicht war vor allem in den Krisenländern Syrien und im Irak berühmt-berüchtigt, sein Ruf geradezu legendär. Dort zeigte er sich gerne an der Seite schiitischer Milizen, die mit dem Irak eng verbündet sind. 

Er war zwar nicht der Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden (IRGC), aber als Leiter der im Ausland aktiven Al-Kuds-Brigaden genauso einflussreich.

General Soleimani: Wer war er und warum  ist er so beliebt? 

Ihm und den Al-Kuds-Brigaden wurde stets vorgeworfen, die Doktrin des Exports der iranischen Revolution von 1979 umzusetzen. Gleichzeitig galt er als einer der Top-Strategen im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Irak und Syrien

Im Iran selbst genoss er innerhalb der iranischen Führung den Ruf, ein absoluter Vorzeigesoldat zu sein. Auch von den Reformern, die die IRGC-Politik nicht immer befürworten, wurde er geschätzt und respektiert.

Soleimani  kam 1957 in Kerman in Südostiran zur Welt. Schon in seinen jungen Jahre war er gegen die Monarchie im Iran und unterstützte die von Ajatollah Ruhollah Chomeini geleitete islamische Bewegung. Nach der Revolution 1979 wurde er Mitglied der neu gegründeten IRGC, die de facto als zweite Streitmacht des Landes neben der klassischen Armee agieren sollte. 

Schon während des achtjährigen Krieges gegen den Irak (1980-88) spielte er eine bedeutende Rolle bei der Bekämpfung des Regimes von Saddam Hussein. Danach war er sowohl in Afghanistan, Libanon und im Irak als Militärstratege tätig.

1997 wurde er Kommandeur der Al-Kuds-Brigaden, die de facto als die IRGC-Einheit im Ausland angesehen wird. Sie spielt besonders im Syrien-Konflikt eine wichtige Rolle und half auch dabei, Präsident Baschar al-Assad an der Macht zu halten. 

Westliche Regierungen sahen in dem nun getöteten Soleimani jedoch einen Terroristen. Er galt als das militärische Gesicht der iranischen Einmischung in die Nachbarländer der Region.

General Soleimani: Leiter der Al-Kuds-Brigade im Ausland - was ist das?

Die Al-Kuds-Brigaden der iranische Revolutionsgarden (IRGC) sind de facto die Militäreinheit des Irans im Ausland, insbesondere in der islamischen Welt. Nach Ahmad Wahidi übernahm Ende der 1990er Jahre der nun getötete Ghassem Soleimani das Kommando der Einheit. 

Ihre offizielle Aufgabe ist es, die dem Iran nahestehenden politischen Gruppen im Ausland zu unterstützen - hauptsächlich gegen islamistischen Terrorismus etwa des Islamischen Staats (IS) in Syrien und im Irak. Der Westen warf Al-Kuds vor, militärisch die politischen Interessen des Irans in den islamischen Ländern umsetzen zu wollen sowie terroristische Aktionen im Ausland ausgeführt zu haben.

Der militärische Arm der militanten Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad, die vom Iran gefördert wird, nennt sich ebenfalls Al-Kuds-Brigaden. Al-Kuds ist der arabische Name Jerusalems und bedeutet „die Heilige“. Nach Mekka und Medina ist Jerusalem die drittheiligste Stadt im Islam.

Der hohe iranischer General Solemani wurde bei einem Raketenangriff im Irak getötet.

Am Al-Kuds-Tag, der am Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan liegt, ruft der Iran jedes Jahr zur Eroberung Jerusalems auf. Israel hatte den arabischen Ostteil Jerusalems während des Sechstagekriegs 1967 erobert. Dort befindet sich auch der Tempelberg (Al-Haram al-Scharif/Das edle Heiligtum), der Juden und Muslimen heilig ist. Heute stehen auf der Anlage der Felsendom und die Al-Aksa-Moschee.

General Soleimani: Das hat es mit der Al-Kuds-Brigade auf sich

Die iranischen Al-Kuds-Brigaden unterstützten auch die Kurden im Irak gegen den damaligen Machthaber Saddam Hussein sowie Teile der afghanischen Nordallianz gegen die islamistischen Taliban. Die Einheit ist dem obersten iranischen Führer, Ajatollah Ali Chamenei, unterstellt, dem die Verfassung in allen strategischen Belangen das letzte Wort gibt.

Die Revolutionsgarden verfügen über eine eigene Marine, Luftwaffe und Heereseinheiten. Die Al-Kuds-Brigade soll offiziell 5000 Soldaten haben, aber nach Ansicht von Beobachtern sind es weitaus mehr. Besonders für den Einsatz in Syrien gegen den IS und für den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad wurden neben Iranern auch Freiwillige aus Afghanistan und dem Libanon rekrutiert. Außerdem arbeitet Al-Kuds auch eng mit der Schiitenmiliz Hisbollah in Südlibanon zusammen, die sie in den 1980er Jahren mitgegründet hatte.

Derweil überschlugen sich im Iran nach Soleimanis Tod die Ereignisse. Am Mittwoch gab esin der Nähe eines Atomkraftwerks im Iran ein Erdbeben, bei dem sieben Menschen verletzt wurde. Das Kraftwerk wurde allem Anschein nach nicht beschädigt.

General Soleimani getötet: „Er war ein guter Soldat und hat das Land jahrzehntelang verteidigt“

Der Iran reagierte anschließend mit einem Vergeltungsschlag gegen die USA auf Soleimanis Tod. Dabei wurde eine US-Basis im Irak angegriffen. Bislang ist noch nicht bekannt, ob es Opfer oder Verletzte gab. Ein Video zeigt die Angriffe. 

Am selben Tag kam es zudem zu einem tragischen Absturz einer Passagiermaschine kurz vor Teheran, bei der alle Insassen ums Leben kamen. Besteht ein Zusammenhang mit dem aktuellen USA-Konflikt? Am Flughafen Frankfurt zieht die Lufthansa Konsequenzen aus dem wachsenden USA-Iran-Konflikt. Auch andere Airlines reagieren auf Krise.

Soleimani war ein guter und treuer Soldat und hat unser Land jahrzehntelang verteidigt“, sagte der 43 Jahre alte Behnam. Das habe mit Politik nichts zu tun. Was passiert wäre, wenn die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in den Iran eingedrungen wäre, wolle er sich nicht vorstellen. „Ghassem hat das verhindert und dafür sind wir ihm alle für immer dankbar,“ sagte er. Soleimani hatte den Kampf der iranischen Verbündeten gegen den IS koordiniert.

General Soleimani getötet: Gründe und die Folgen

Noch im November prügelten sich Demonstranten und Regimeanhänger im Iran wegen der Erhöhung von Benzinpreisen zu Tode. Ein paar Wochen später trauern sie nicht nur gemeinsam, sondern wollen sich auch gemeinsam auch an den USA rächen. „Anders als von den Amerikanern gedacht, führte der Tod von General Soleimani zur Solidarität innerhalb der iranischen Bevölkerung“, sagt Präsident Hassan Ruhani.

Ein Mann ruft zum Protest gegen den Tod von General Ghassem Soleimani auf.

Dieses Gefühl hatten nicht nur die Menschen in Teheran. Schon in Ahwaz in Südwesten des Landes und in Maschad in Nordosten nahmen an den ersten beiden großen Trauerzeremonien für den Kommandeur der iranischen Al-Kuds-Einheit Hunderttausende teil. 

Ungefähr so viele Menschen kamen auch zur vierten Trauerzeremonie in Ghom. Auch bei Soleimanis Beisetzung an diesem Dienstag in seinem Geburtsort Kerman wird erneut mit einer riesigen Menschenmasse gerechnet - dort kam es sogar zu einer Massenpanik mit über 50 Toten. 

General Soleimani getötet: US-Präsident Trump und seine Fehleinschätzung

Auch Menschen, die eigentlich nichts gegen die USA und die Amerikaner haben, skandierten lautstark „Tod den USA“. „Dieser Trump ist ein Vollidiot“, sagte eine 39-Jährige. Der US-Präsident habe kein Recht, in einem anderen Land einen iranischen Soldaten zu töten, nur weil dieser andere Interessen verfolge als das Weiße Haus.

Ziel des US-Einsatzes gegen Soleimani in Bagdad war es, mit seinem Tod die Führung im Iran zu schwächen. Aber die Trauerzeremonien haben gezeigt, dass nun genau das Gegenteil eingetreten ist. Und alle, Anhänger und Kritiker, reden nur noch von Rache. Noch nie, nicht einmal am Anfang der islamischen Revolution von 1979, war ein amerikanischer US-Präsident so verhasst wie derzeit Donald Trump.

Außenminister Mohammed Dschawad Sarif machte sich auf Twitter sogar über Trump lustig und fragte ihn, ob er jemals in seinem Leben solch ein „Meer“ an Menschen gesehen habe. Zudem fragte er, ob der US-Präsident weiter auf die „Clowns“ hören wolle, die ihn über die Lage in der Nahost-Region berieten. Und er fragte auch, ob Trump wirklich immer noch glaube, dass er das iranische Volk mit Sanktionen und Drohungen in die Knie zwingen könne.

dpa/mm

Rubriklistenbild: © dpa / Vahid Salemi

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