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Zwei aus der engeren Nachfolger-Liste: Bayerns Umweltminister Markus Söder und Bundesagrarministerin Ilse Aigner sind im Gespräch als Fahrenschon-Nachfolger.

Wer suchet, der ...

München - Der Abgang von Georg Fahrenschon stürzt die CSU in die Krise. Seit drei Tagen und vier Nächten sucht sie vergeblich einen Finanzminister. Die Not ist groß, die Wut auch. Nur mühsam findet Horst Seehofer Kandidaten: Ilse Aigner, Christine Haderthauer oder Markus Söder würde er’s zutrauen.

Er hört viel Glockengeläut, Gemurmel und knirschenden Kies in diesen Tagen. Horst Seehofer erreicht seine Parteifreunde zumeist am Handy auf den Friedhöfen Bayerns. Seine Minister, Fraktionsvorsitzenden und Generalsekretäre besuchen die Gräber ihrer Verwandten. Sie wollen ein paar Minuten Stille und Einkehr, höchst private Momente – doch sie müssen jede Minute mit dem Anruf vom Chef rechnen. Allerheiligen ist ein denkbar ungünstiger Tag für hektische Telefonate.

Irgendwo in dieser morbiden Atmosphäre zwischen Grabsteinen und Kirchtürmen muss er ihn finden, den neuen Finanzminister. Er sucht und sucht, am Ende des Tages kapituliert Seehofer mit einer scheinheiligen Ausrede: „Ich mache als Katholik an einem katholischen Feiertag keine Pressekonferenz.“

Ach, wenn es nur das wäre. Seehofer, der mit Vorliebe am heiligen Sonntag Parteifreunde durchtelefoniert und zu Sondersitzungen lädt, schert sich wenig um Feiertage. Er weiß einfach noch nicht, was er verkünden soll. Die als schneller Schnitt geplante Kabinettsumbildung mutiert zur tagelangen Hängepartie. Bis gestern spätabends wartet Bayern auf eine Entscheidung.

Seit Tagen sitzt er am Telefon oder lässt sich, wie am Montag, zu Besprechungen in die Staatskanzlei fahren. Dort sitzt ein kleiner Kreis bei Kaffee im vierten Stock und wälzt die schwierige Personalfrage. Wer Seehofer erlebt, merkt: Allerheiligen 2011 sind keine Tage der Muße für ihn, sondern Stunden des Zorns. Die CSU ist aufgewühlt, seit Georg Fahrenschon am Freitagabend via Zeitung verkündete, alles hinzuwerfen zugunsten eines Millionen-Jobs beim Sparkassenverband. Kalt erwischt wurde die Partei vom Weggang ihres Finanzexperten. Mitten in den Haushaltsverhandlungen, in der Euro-Krise, in der Steuer-Debatte, im Startbahn-Streit.

Und Seehofer hatte davon keine Ahnung. Vor allem das macht den Vorgang für ihn so bitter. Sein Finanzminister, im Regierungsbetrieb einer der engsten Vertrauten, bastelte über Wochen heimlich an seinem Abgang, ohne dass es Seehofer merkte. Mehrere CSU-Politiker wussten bescheid, dazu hohe Sparkassen-Funktionäre. Nur Seehofer ahnte nichts.

Im Herbst fand er in seinen Pressemappen wohl erste Artikel aus den Wirtschaftsteilen mit Spekulationen über die Sparkassen. Fahrenschons Name wurde da genannt. Seehofer gab nichts drauf. Erst vor einer Woche im Fußballstadion, Bayern München fegte Ingolstadt mit 6:0 vom Feld, nahm er seinen leitenden Angestellten zur Seite. Er werde doch wohl an Bord bleiben? Die Antwort war, wenn Seehofer den Wortwechsel korrekt übermittelt, eine glatte Lüge: „Jawoll.“ Fahrenschons Pressesprecher verbreitete vorvergangene Woche auf Nachfrage, die Sache mit den Sparkassen „ist auch Käse“.

Dieser Käse stinkt. In der CSU hat der Minister binnen Stunden viele Sympathien verloren. Vertraute beteuern jetzt, anfangs habe er das Angebot nicht annehmen wollen. „Ich will mit 43 keinen Rentenjob“, soll er gesagt haben. Er ließ die Sparkassler aber weiter Mehrheiten für ihn sondieren. Als sie meldeten: Weg frei – da griff er zu. Seehofer erfuhr es offenbar aus den Medien. Schlimmer kann man seinen Chef kaum brüskieren.

Dass Leute weggehen aus der Politik, kam ja schon früher vor. Siegfried Schneider informierte Seehofer Monate vor dem Ausstieg. Otto Wiesheu weihte einst Vertraute in Politik und Medien klug und präzise ein, ehe er den Wechsel zur Bahn bekanntgab. Von Wiesheu blieb ein Ruf wie Donnerhall.

Und Fahrenschon? Er überrumpelte alle, schaltete dann das Handy aus. Er lasse die CSU im Stich, rufen ihm wenig Wohlmeinende hinterher. Er renne dem Millionengehalt hinterher, sagen die noch weniger Wohlmeinenden. Habe man ihm nicht eben erst ein Landtagsmandat verschafft und einen Platz im Präsidium der Partei? Undank ist dafür noch eines der milderen Worte in der CSU.

Dabei wird missachtet, dass der eher korrekte als machtgeile Minister es nicht leicht hatte in den letzten Monaten. Bei der Entscheidung über den CSU-Bezirksvorsitz Oberbayern war er es, der überrumpelt wurde. Als Fahrenschon gerade im Flugzeug saß, griff Bundesministerin Ilse Aigner nach dem Posten. Das Steuerkonzept der Bundesregierung wird gegen seine Fachmeinung entwickelt. Und dann war da noch die unglückliche Episode, als er für ein Bundesministerium im Gespräch war und das energische Eingreifen seiner Ehefrau den Karrieresprung stoppte. Was Seehofer genüsslich ausplauderte.

So viele verletzte Eitelkeiten wie in diesen Nebeltagen um Allerheiligen gab es also sogar in der CSU selten. Wie tief Fahrenschons Abgang die CSU ins Mark trifft, zeigt sich an Details. Eigentlich ist der Wechsel politisch extrem heikel: Bei der Landesbank-Rettung wurden die bayerischen Sparkassen geschont – und nun zahlen sie dem zuständigen Minister ein Millionengehalt. Nicht einmal die SPD wagt sich an diese Frage heran, erinnert an Fahrenschons integre Art, will ihm da nichts unterstellen. Aus der CSU aber heißt es wütend, der Wechsel habe „ein Gschmäckle“.

Als kleingeistig stellen ihn Parteifreunde hin, als geizig. Dass er nicht am 31. Oktober zurückgetreten sei, spötteln mehrere, könne ja daran liegen, dass er das Novembergehalt als Minister noch einstecken wolle. Tatsächlich ist unklar, warum Fahrenschon bis gestern Abend noch nicht ging. Zu einer für Montag um 17 Uhr geplanten Rücktritts-Pressekonferenz kam es nicht. Er arbeite weiter, heißt es im Ministerium lapidar. Fahrenschon selbst schweigt.

Ein Minister, der nicht bleiben will und doch nicht gehen mag – es passt ins skurrile Schauspiel. Vermutlich würde Seehofer ihn gern entlassen, will diesen Eklat aber vermeiden. Berufungen und Entlassungen bedürfen der Zustimmung der Landtagsmehrheit, also CSU und FDP. Der Landtag tagt aber erst in einer Woche wieder. Wenn Fahrenschon also nicht freiwillig ginge, würde er bis dahin als politisch Untoter durch den Landtag wanken, verantwortlich für Bayerns Staatsmilliarden.

Heute oder morgen soll es nun zur Kabinettsumbildung kommen. Seehofer brütet seit Freitagabend über den Details. Sozialministerin Christine Haderthauer werde Finanzministerin, vermeldeten Online-Medien am Montag. Vorschnell, wie sich zeigt, denn derzeit ist sie allenfalls eine Option. Und nicht die erste.

Seehofer hatte zu Beginn auch externe Lösungen erwogen. Der Namen des Ex-Bundesbank-Vizes Franz-Christoph Zeitler, CSU-Mitglied, fällt immer wieder. Doch alle Fachmänner sagten ab. Deshalb muss er also in den eigenen Reihen einen Kandidaten finden, wobei es kaum jemanden gibt, der alle Kriterien erfüllt: fachliche Kompetenz, medienerprobtes Auftreten und ein Versprechen für die Zukunft. Zumindest die letzten beiden Kriterien passen auf zwei, deren Namen bei der CSU in solchen Fällen fast immer fallen: Markus Söder und Christine Haderthauer.

Weil es gegen beide massive Bedenken gibt, ist seit gestern plötzlich ein anderer Name in die Favoritenrolle gerückt: Ilse Aigner – jene Frau, die mit Fahrenschon zwar befreundet ist, ihn im Kampf um den oberbayerischen CSU-Vorsitz aber ausstach. Mehrfach telefonierte die Bundesagrarministerin gestern mit Seehofer, dann bat sie sich Bedenkzeit aus und flog zurück nach Berlin. Dort gilt die bei den Landwirten beliebte Ministerin als wichtige Stütze der CSU: Heute beispielsweise will sie für zwei Tage nach Lissabon reisen, um den Agrarhaushalt ab 2013 zu verhandeln. Athen und Zypern sind weitere Stationen. Eine komplizierte Materie mit erheblichen Auswirkungen für eine wichtige CSU-Klientel.

Vielleicht reist Aigner aber auch nur an den Münchner Altstadtring, wo in der Staatskanzlei der neue Finanzminister vorgestellt wird. Sie hat Erfahrung als Haushaltspolitikerin. Auch Aigner gilt als Zukunftshoffnung, vielleicht sogar mit Ambitionen auf die Staatskanzlei. Die könnte sie jedoch genauso in Berlin aufrecht erhalten – selbst bei einer Wahlniederlage 2013 wäre Aigner heiße Kandidatin für den Landesgruppenvorsitz, das einzige schlagzeilenträchtige Oppositionsamt.

Dass das Finanzministerium ein gutes Sprungbrett wäre, weiß indes auch Markus Söder. Seehofer würde ihn allerdings lieber die Energiewende vollenden lassen. Sagt Aigner ab, hieße der Plan B also eher Haderthauer als Söder.

Am späten Samstagnachmittag klingelte das Handy von Haderthauer. Sie weilte im Urlaub an der Nordsee. Weil sie Arbeitsministerin ist, also mit Wirtschaft zu tun hat, traut ihr Seehofer den Posten zu. Zudem ist die Juristin sehr ehrgeizig und durchsetzungsstark. „Ich habe eine Überlegung“, so soll er Gespräche mit Kandidaten begonnen haben. Sogar eine Nachfolgerin für Haderthauer hat er schon im Blick: Die Umwelt-Staatssekretärin Melanie Huml (36), gelernte Ärztin, findet er stark. Es wäre ein Signal, die schwangere Politikerin auf einen Ministerposten zu setzen. Ob Seehofer dabei allerdings Haderthauers gut eingearbeiteten Staatssekretär Markus Sackmann übergehen könnte, ist fraglich.

Nein, Horst Seehofer ist nicht zu beneiden. „Es läuft alles geordnet und nach Plan“, zitierte ihn gestern Abend die „Augsburger Allgemeine“. Diese Meinung hat der Parteichef inzwischen weitgehend exklusiv. Selbst von den Gesprächen Betroffene rätseln: Der Ministerpräsident melde sich nach dem ersten Anruf geschlagene drei Tage lang nicht mehr. Dass Haderthauer undementiert zwei Tage lang von der Presse als neue Finanzministerin bezeichnet wurde, liefert ebenfalls Stoff für Spekulationen. Bekommt Aigner das Amt, wäre Haderthauer beschädigt – was einige nicht stören dürfte: Ihnen ist die Ingolstädterin zu ehrgeizig und zu durchsetzungsstark.

Egal, wer am Ende Finanzminister ist, in der Fraktion regen sich kritische Stimmen über Seehofers Telefon-Casting. Während draußen der Euro gerettet und die Steuern gesenkt werden sollen, ist die CSU auf Selbstfindung. „Kindische Sandkastenspiele“, raunzt der Abgeordnete Ernst Weidenbusch: „Ein solches Kasperltheater hab’ ich mir nicht vorstellen können in Bayern.“ Schon gar nicht an einem hohen christlichen Feiertag wie Allerheiligen.

Christian Deutschländer und Mike Schier

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