Einsatz von US-Polizisten in San Jose: Ein Demonstrant gegen Rassismus und Polizeiwillkür wird überwältigt. Auslöser war der brutale Tod des Polizei-Opfers George Floyd
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Einsatz von US-Polizisten in San Jose: Ein Demonstrant gegen Rassismus und Polizeiwillkür wird überwältigt. Auslöser war der brutale Tod des Polizei-Opfers George Floyd.

„Ein bis an die Zähne bewaffnetes Volk“

„Was für eine kranke Gesellschaft“: Kriminologe vergleicht Polizeisystem der USA mit Deutschland

  • Matthias Bieber
    vonMatthias Bieber
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Sind die Geschehnisse in den USA mit dem Tod von George Floyd auch in Deutschland möglich? Kriminologe Christian Pfeiffer nennt Ursachen, Auswirkungen - und Verbesserungsansätze.

  • Nach dem Tod von George Floyd sorgt das Polizeisystem der USA für hitzige Diskussionen.
  • Kriminologe Christian Pfeiffer nennt Hintergründe, warum die Staaten in dieser Hinsicht extrem sind.
  • Sind solche Verhältnisse auch in Deutschland möglich? Der Experte widerspricht energisch.

Washington/Berlin - Christian Pfeiffer ist zwar seinem beruflichen Herzen nach Hannover gefolgt („Mein Traumjob“), aber der ehemalige Justizminister Niedersachsens und berühmte Kriminologe nutzt jede Gelegenheit, um in sein geliebtes Bayernland zu kommen. Geboren in Frankfurt/Oder, ist er als neunjähriger Flüchtlingsbub auf einen Bauernhof bei Altötting gekommen und erlebte dort eine „wunderbare Kindheit“. Als Erwachsener wohnte er über 20 Jahre in der Schwabinger Kurfürstenstraße. 

Weil Pfeiffer 2015 im Rahmen einer Gastprofessur in New York auch zur Arbeit der amerikanischen Polizei geforscht hat, ist der 76-Jährige der ideale Gesprächspartner für unser Thema: Ist das US-Polizeisystem mit dem deutschen vergleichbar? Droht auch uns ein George-Floyd-Skandal?

Lesen Sie auch: Ein Polizei-Einsatz in München gegen einen dunkelhäutigen Teenager schlägt hohe Wellen. Waren die Beamten zu grob? Der Jugendliche nimmt Stellung zu dem Vorfall.

Polizeigewalt in den USA: Bedrohungspotenzial bei Einsätzen viel höher

Herr Pfeiffer, wenn ich Polizisten sehe, denke ich automatisch an den tödlichen Polizeieinsatz in den USA. Ist so etwas bei uns denkbar?

Christian Pfeiffer: Nicht generell, nur als extreme Ausnahme. Es gibt fundamentale Unterschiede zwischen der Polizei in den Vereinigten Staaten und bei uns. Aber ich möchte die US-Polizei bei aller berechtigten Kritik auch in Schutz nehmen. Denn bei einem bis an die Zähne bewaffneten Volk ist das Bedrohungs­potenzial bei Einsätzen viel höher als bei uns. (Anm. d. Red.: Laut The Officer Down Memorial Page wurden zwischen 1990 und 2012 insgesamt 21.254 Polizisten im Einsatz getötet.) Im April wurden dreimal so viel Waffen verkauft als ein Jahr davor. Corona macht Angst, und wenn die Amerikaner Angst haben, dann wollen viele reflexartig eine Waffe. Schusswaffen kann man dort ja beliebig einkaufen. Das zeigt, was für eine kranke Gesellschaft das insoweit ist.

Kriminologe Christian Pfeiffer.

Was ist noch anders als bei unserer Polizei?

Pfeiffer: In den USA ist es üblich, dass ehemalige Frontsoldaten in Schnellkursen zu Polizisten umgeschult werden. Die Veteranen sind durch die Kriegsmentalität geprägt und brauchen ein Feindbild. Das aggressive Grundpotenzial ist deutlich höher. Und: In den USA ist der Frauenanteil sehr viel geringer als in Deutschland. Das erhöht die Aggressivität bei Einsätzen.

Frauen sind friedfertiger als Männer?

Pfeiffer: Keine Frage. Wir haben dazu eine Untersuchung gemacht: Wie wirkt es sich aus, wenn zwei Polizeibeamte von einer wüsten Prügelei und Hilferufen in die, sagen wir: Kurfürstenstraße gerufen werden? Wir haben herausgefunden: Das Risiko, dass einer der Beamten bei dem Einsatz massiv verletzt und dienstunfähig wird, ist bei zwei Polizisten um ein Viertel höher, als wenn eine Polizistin dabei ist. Bei hochgefährlichen Einsätzen wirken Frauen deeskalierend. Sie benutzen den Schlagstock nur halb so oft und dafür das Mundwerk doppelt so oft. Der Bundesvorsitzende der Polizeigewerkschaft, Oliver Malchow, hat das in einem Vortrag mal so formuliert: Die wichtigste Waffe eines Polizisten ist nicht die Pistole und nicht der Schlagstock, sondern das Wort.

Polizeigewalt in den USA: Statistik zeigt „wichtigsten Punkt überhaupt“

Sehen das die amerikanischen Cops genauso?

Pfeiffer: Wenn ich drüben Vorträge vor Polizisten gehalten und diese These vertreten habe, gab es Flüstern und Debatten. Mir wurde anschließend gesagt: „Ihr in Europa… Bei uns ist das ganz anders, wir müssen immer mit dem Finger schnell am Abzug sein.“ Die Kommunikations-Schulungen sind bei US-Polizisten* deutlich weniger ausgeprägt als bei uns. Das wird zu wenig trainiert. Und bei uns wird es noch besser, weil hier in naher Zukunft bis zu 40 Prozent bei der Polizei weiblich sein werden. Aber der wichtigste Punkt überhaupt ist: In den USA halten es drei von vier Elternpaaren für richtig, ihre Kinder zu prügeln, bei uns weniger als ein Viertel. Wenn ein Kind geprügelt wird, prügelt es zurück. Unsere Polizei ist von Grund auf weniger gewalttätig als in den USA.

Wo knirscht’s denn im deutschen Polizei­system?

Pfeiffer: Ein Schwachpunkt ist in meinen Augen das problematische Ermittlungsverfahren bei Anzeigen gegen die Polizei. In solchen Fällen ermitteln Kollegen gegen den Kollegen von nebenan. Das ist dann eine ganz heikle Aufgabe und führt notgedrungen zu einem Loyalitätskonflikt. Ich würde es begrüßen, wenn die Innenministerkonferenz eine Arbeitsgruppe von Fachleuten beauftragen würde, hierfür ein besseres Ermittlungskonzept zu entwickeln. In England sind für diese Anzeigen nicht die Kollegen zuständig. Die Ermittlungsbeamten sind in einer Sondereinheit außerhalb des Polizeibereichs tätig und unterstehen nicht dem Innenminister. Sprich: Man trifft sich nicht in der Kantine beim Mittagessen und ist völlig unabhängig davon, was die Polizei-Hie­rarchie für ein Ergebnis begrüßen würde.

Rassismus bei der Polizei? Pfeiffer wütend auf Esken - „Tut in der Seele weh“

Wie steht es um die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Polizei?

Pfeiffer: Diese Kooperation kann nicht eng genug sein. So betont die AfD gerne unter Berufung auf polizeiliche Daten die extreme Häufigkeit von Tötungsdelikten durch Asylbewerber. Da müsste die Polizei selber mehr erklären, wie ihre Daten zu Fehleinschätzungen beitragen. Das tut sie zu wenig. Von 100 Asylbewerbern, die 2018 als Tatverdächtige eines Totschlags ermittelt wurden, haben nämlich nur sechs das Opfer getötet. 94 wurden wegen versuchter Tötung registriert. Bei 100 Deutschen waren es bei gleichem Delikt aber 23 Leichen. Warum? Wieder ist der Knackpunkt die Kommunikation. Beispiel: Ein Mann hat seinem Gegner mit einem Masskrug massiv auf den Kopf geschlagen. Wegen versuchten Totschlags wird er von der Polizei vernommen. Ist er ein Deutscher, wird er alles daran setzen, dem Polizisten wortreich klarzumachen, dass er das Opfer doch nicht umbringen, sondern nur k.o. schlagen wollte. Seine Chancen sind dann recht gut, dass er nur wegen gefährlicher Körperverletzung registriert und angeklagt wird. Ein Asylbewerber wird dagegen bei der Polizei eher ängstlich schweigen. Dann aber ist sein Risiko hoch, dass Tatverdacht und Anklage wegen eines Totschlagdelikts aufrechterhalten bleiben. Und die AfD kann unter Berufung auf polizeiliche Daten weiter kräftig dramatisieren.

Beschränkungen wegen des Coronavirus - Polizeibeamte bei einer Demonstration in München.

Themawechsel: Sind Polizisten häufiger rechts und rassistischer als etwa Steuerberater?

Pfeiffer: Ich widerspreche! Auch wenn ich sicher bin, dass in den östlichen Bundesländern mehr extrem rechts wählende Polizisten gibt als in den westlichen. Klar, weil die Polizei ja auch Teil ihrer Bevölkerung ist. Und dort wird eben rechtsradikaler gewählt als etwa in Bayern. Dennoch ist es nicht richtig, dass meine Parteigenossin Saskia Esken den Eindruck erweckt, dass es bei unserer Polizei sehr viel Rassismus gäbe. Es tut mir in der Seele weh, so einen Schmarrn zu hören. Es gibt keinen Grund, die Polizei derartig unter Generalverdacht zu stellen.

Immer öfter wird in den USA Polizeigewalt nun publik. Ein Vorfall in New York hat massive Konsequenzen.

*Merkur.de ist ein Angebot des bundesweiten Ippen Digital Redaktionsnetzwerks

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