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Eine feine Nase für die Macht: Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder.

Aufsteiger, Machtmensch, Putin-Freund

Zur Sonne, zur Macht: Gerhard Schröder wird 70

München - Er war der erste Kanzler aus der Nachkriegsgeneration. Der erste, der das vereinte Deutschland von Berlin aus regierte. Der erste auch, der wieder über Krieg und Frieden entscheiden musste. Heute wird Gerhard Schröder 70.

"Ich habe Fußball aus dem selben Grund gespielt, wie Ihre Neger rennen: aus Bedürfnis nach sozialer Anerkennung." Als Gerhard Schröder so – politisch nicht ganz korrekt – die Anfänge seines Lebens gegenüber einem amerikanischen Diplomaten beschreibt, ist er bereits Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Die Anfänge – das ist das Leben in einer Notbaracke auf dem Fußballplatz des niedersächsischen Dörfchens Bexten. Dort lebt der schmächtige kleine Gerhard seit Kriegsende mit seiner Schwester Gunhild, seiner Mutter Erika und Stiefvater Paul Vosseler, einem kränklichen Hilfsarbeiter, in ärmlichen Verhältnissen. Die Mutter rackert rund um die Uhr, um die Familie mit mehreren Jobs und besonders viel Liebe durchzubringen. Der Bub wetteifert derweil mit den wohlgenährten Bauernjungen auf dem Bolzplatz um Selbstbehauptung und Wertschätzung. Wie er dies tut, darüber sagt sein Spitzname viel aus: Acker!

Der Wille, „herauszukommen aus der Umgebung, in der ich zu leben hatte“, ist das Leitmotiv des jungen Schröder. Mit eisernem Willen setzt er es um. Volksschule, Kaufmannslehre, Eisenwarenverkäufer. Das ist ihm nicht genug. Er will nach oben. Er macht das Abitur nach und studiert Jura. 1971 Erstes Juristisches Staatsexamen, 1976 Zulassung zum Rechtsanwalt in Hannover. Das Etappenziel ist erreicht: wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Doch längst sind politische Ambitionen geweckt. Schon mit 19 tritt Schröder in die SPD ein, weil er einen gewissen „Schmidt-Schnauze“ aus Hamburg gut findet. Schröder kämpft sich bei den Jusos nach oben, bis er 1980 in den Bundestag einzieht. Der Appetit ist noch längst nicht gestillt. Nach einem feucht-fröhlichen Abend in der Bonner „Alten Provinz“ – einem Treffpunkt rot-grün gestrickter Abgeordneter, rüttelt Schröder am Zaungitter des gegenüberliegenden Kanzleramts: „Ich will hier rein!“ ruft er in die Nacht. Das Endziel ist benannt. Die Szene sollte sein Image prägen: Der ehrgeizige, die Macht suchende Aufsteiger aus Niedersachen.

Die Macht aber findet Schröder nicht als Hinterbänkler im Bundestag. Schon früh befolgt er das Prinzip: Wer vorankommen will, muss auffallen. Als Anwalt, in dem er aufsehenerregende Fälle vertritt: Etwa als Verteidiger des damaligen RAF-Terroristen Horst Mahler. Oder homosexueller Pastoren in der hannoverschen Landeskirche. Auch politisch zieht er Konsequenzen: „Lieber Erster im Land, als unbedeutend in der Hauptstadt.“ Spricht’s und macht sich an die Eroberung der Staatskanzlei in Niedersachsen.

Sein Instinkt für den richtigen Weg zum Erfolg trügt ihn nicht. 1990 wird er Ministerpräsident in Niedersachen an der Spitze einer rot-grünen Koalition, 1994 holt er sogar die absolute Mehrheit. Sehr zum Leidwesen vieler Sozialdemokraten hält Schröder wenig von Parteiprogrammen. Sein Leitmotiv lautet schon damals: „Es geht nicht mehr um sozialdemokratische oder konservative Wirtschaftspolitik, sondern um moderne oder unmoderne.“

Schröders Stil, sich als „Genosse der Bosse“ mit dicker Zigarre und Brioni-Anzug zu präsentieren, gefällt nicht allen in der SPD: „Einige tragen die Nase so hoch, dass es reinregnet“, schimpft der damalige SPD-Chef Rudolf Scharping. „Der Schröder ist durchgeknallt“, kommentiert Peter Struck die politischen Alleingänge des Niedersachsen.

Und doch verkörpert Schröder die große Hoffnung der SPD, den ewigen Kanzler Kohl von der Macht zu verdrängen. Trotz tiefer persönlicher Animositäten schließt Schröder einen Pakt auf Zeit mit dem durch einen „Putsch“ gegen Scharping an die SPD-Spitze gelangten Oskar Lafontaine. Der Saarländer unterschätzt den Hannoveraner: Er hält den Emporkömmling Mitarbeitern zufolge für einen „Kretin“. Schröder jedoch ist der bessere Stratege. Nach einem fulminanten Landtagswahlergebnis im März kann Lafontaine gar nicht mehr anders, als den populären sozialdemokratischen Rivalen zum Kanzlerkandidaten auszurufen.

Am 27. Oktober 1998 ist Gerhard Fritz Kurt Schröder endlich am Ziel: Er wird zum siebten deutschen Bundeskanzler gewählt. Erst einmal im Amt, macht Schröder rasch klar, wer Chef im Ring ist. Auch am Kabinettstisch. Lafontaine kapituliert vor der Richtlinienkompetenz des Kanzlers und schmeißt nach fünf Monaten Regierungszeit hin: den Posten als Finanzminister, den SPD-Vorsitz und sein Abgeordnetenmandat. Der Rausch der Wahlnacht weicht rasch tiefer Ernüchterung. Die übliche 100-TageSchonfrist wurde der neuen rot-grünen Regierung nicht gewährt, Kanzler Schröder und Außenminister Fischer werden existenzielle Entscheidungen abverlangt: Deutschland beteiligt sich am Militärschlag gegen Serbien im Kosovo-Krieg – eine Zäsur in der Nachkriegsgeschichte. Die einstigen Frontmänner der Friedensbewegung werden nun im Regierungsamt von Teilen der Grünen und Linken als „Bellizisten“ beschimpft und mit Farbbeuteln beworfen (Joschka Fischer). Noch zwei Mal muss Kanzler Schröder über Krieg und Frieden entscheiden: Mit seinem Ja zum Einsatz in Afghanistan nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 in New York schickt er ein weiteres Mal deutsche Soldaten in den Krieg (auch wenn der damals noch nicht so genannt wird). Anders fällt die Entscheidung 2002 aus: Schröder trotzt dem Plan von US-Präsident George Bush, den Irak Saddam Husseins anzugreifen und kündigt ungefragt – mitten im Bundestagswahlkampf gegen CSU-Herausforderer Edmund Stoiber – ein deutsches Nein an. Schröder beweist Steher-Qualitäten. Es rettet ihm die Wiederwahl, ruiniert aber auch nachhaltig das Verhältnis zu den USA.

Licht und Schatten gibt es auch bei Schröders parteiübergreifend als größter Leistung bezeichneten Agenda 2010. Nach dem Motto „Erst das Land, dann die Partei“ legt der Sozialdemokrat mit den Arbeitsmarktreformen zwar das Fundament für die wirtschaftliche Erholung des damaligen „kranken Mannes Europas“, stürzt die SPD gleichzeitig aber in ein existenzielles Tief, von dem sie sich lange nicht erholt. Schlimmer noch: Um die „Agenda“ zu finanzieren, weicht der Kanzler im Bund mit Frankreich den Euro-Stabilitätspakt durch höhere Verschuldung auf – eine jener „Ursünden“, die in die Eurokrise führen sollte.

Trotz einer völlig verunsicherten SPD verliert Schröder die Bundestagswahl 2005 nur denkbar knapp. Wie schwer ihm der Machtverlust fällt, können Millionen Deutsche am Abend im Fernsehen verfolgen. In der „Elefantenrunde“ von ARD und ZDF brüskiert der Geschlagene – zum Entsetzen von Freund und Feind – CDU-Wahlsiegerin Angela Merkel in bester Schröderscher Macho-Art: „Wir müssen die Kirche doch mal im Dorf lassen. Sie werden keine Koalition mit meiner Partei unter Ihrer Führung hinkriegen. Das ist doch klar.“

150 Jahre Sozialdemokratie: Geschichte der SPD

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Es bleibt nicht die einzige Peinlichkeit. Auch auf seinen 70. Geburtstag fallen Schatten. Haben viele Beobachter Schröders raschen Wechsel vom Kanzleramt an die Spitze des Aufsichtsrats der russisch dominierten Pipeline-Gesellschaft NordStream als Verstoß gegen den politischen „Comment“ gerügt, löst seine aktuelle Verteidigung des russischen Präsidenten Wladimir Putin für dessen völkerrechtswidriges Vorgehen auf der Krim Fassungslosigkeit aus. Der Altkanzler versteigt sich aus Solidarität zu seinem Männerfreund sogar zu einem zweifelhaften Vergleich zwischen dem eigenen militärischen Eingreifen zur Rettung der Kosovo-Albaner 1999 mit Moskaus aktueller Rückeroberung der Krim. Kanzlerin Merkel nennt solche Vergleiche schlicht „beschämend“. Wie verteidigte Schröder einst sein vielgelobtes Nein zum Irak-Krieg? Es dürfe „nicht das Recht des Stärkeren gelten, sondern die Stärke des Rechts“. Noch stärker ist offenbar nur Schröders Freundschaft mit Putin.

Von Alexander Weber

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