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Verhandlungen zum Kriegs-Ende – hinter Putins Rücken? Plan läuft laut Ukraine bereits

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Von: Florian Naumann

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Verhandlungen mit Wladimir Putin? Viele Experten halten das für sinnlos. Eine Expertin schlägt vor, Vertraute zu adressieren – womöglich passiert das bereits.

München – Der Ruf nach Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg ist zumindest in Deutschland zuletzt lauter geworden: Mehrere Großdemonstrationen und ein „Friedensmanifest“ brachten das Thema groß auf die Agenda. Dass solche Gespräche mit Wladimir Putin von Erfolg gekrönt sein könnten, daran gibt es aber nicht nur auf Regierungsebene große Zweifel. Zu festgefügt und vollmundig verkündet scheinen die Kriegsziele des Kreml.

Die aktuell in Deutschland lebende russische Politikwissenschaftlerin Jekaterina Schulmann präsentierte zuletzt aber eine andere Variante: Gespräche könnten am Kremlchef vorbei mit Kontaktpersonen in Putins Umfeld passieren, erklärte sie Zeit Online in einem Interview. Unzufriedene gebe es zwangsläufig auch im engsten Kreml-Zirkel.

Tatsächlich könnten genau solche Bestrebungen bereits laufen. Das behauptete jedenfalls Andrij Tschernak, Vertreter des Geheimdienstdirektorats im ukrainischen Verteidigungsministerium, in einem international bislang wenig beachteten Gespräch mit der griechischen Zeitung Iefimerida. Er ließ offen, wie konkret Gespräche über ein mögliches Kriegsende gediehen sind – betonte aber, es gebe prominente Gegner der Ukraine-Invasion in Putins Zirkel.

Ukraine mit Kontakten in Putins engstem Zirkel? „Wenn er die Macht verliert, werden sie ihn ausrotten“

„Im Krieg wenden wir alle Mittel an, die uns das Gesetz erlaubt“, sagte Tschernak dem Medieum bereits Mitte Februar: „Wir haben Mechanismen der Zusammenarbeit auch mit Menschen gefunden, die Putin sehr nahe stehen.“ Es handle sich gar um Personen, die „als Unterstützer des ‚großen Russland‘ bekannt sind‘“. Sie seien der Ukraine zwar weder freundschaftlich verbunden, noch verabscheuten sie Krieg generell. Dennoch gebe es Anknüpfungspunkte. „Kurz gesagt, es geht um diesen speziellen Krieg“, erklärte der Ministeriumsmitarbeiter.

Eine Revolution – wie sie etwa der Ex-Oligarch Michail Chodorkowski fordert – stehe zwar akut nicht als Folge der Kooperation in Aussicht. Das könne sich aber ändern. „Zu diesem Zeitpunkt sind sie nicht bereit, revolutionäre Maßnahmen zu ergreifen. Wenn er die Macht verliert, werden sie ihn ausrotten“, sagte Tschernak. Eine ähnliche These hatte im vergangenen Jahr auch der Nawalny-Vertraute Leonid Wolkow aufgestellt.

Aus meiner Sicht würde es viel mehr Sinn ergeben, mit seinem inneren Kreis zu verhandeln. Mit wem auch immer das möglich ist. 

Die russische Exil-Wissenschaftlerin Jekaterina Schulmann im Gespräch mit Zeit Online

Schulmann vermutete, die Begeisterung für den Ukraine-Krieg sei im Kreml generell eher gering. Die Menschen um Putin herum spielten „meist nur mit, weil man so nun mal seine Position in einer Autokratie bewahrt“, sagte sie Zeit Online. „Ich würde nach Personen suchen, die ihm so nahe wie möglich stehen. Sie können ideologisch ähnlich ticken, aber sich trotzdem hassen“, erklärte sie – und beschrieb damit fast das von Tschernak beschriebene Szenario.

Ukraine-Verhandlungen ohne Putin? „Krieg schadet dem Regime und der Elite“

Warum aber sollte ein Gespräch just mit Vertrauten Putins erfolgversprechend sein? Tschernak und Schulmann argumentierten in dieser Frage übereinstimmend. „Nach der Invasion in der Ukraine begannen einige Leute, schnell an Geld und Einfluss zu verlieren. Das gefällt ihnen nicht“, sagte Tschernak.

„Es ist eine Kalkulation, die diese Menschen rund um die Uhr beschäftigt“, sagte auch Schulmann: „Profitiere ich davon, wie die Dinge laufen? Was ist riskanter – sich zu distanzieren oder weiterzumachen?“ Anders als Putin seien diese Personen „nicht so sehr in diesem Krieg investiert. Im Gegenteil: Der Krieg schadet dem Regime und der Elite.“

Berichte über Unmut in der russischen Führung waren in den vergangenen Monaten immer wieder einmal zu lesen. So berichtete etwa die Washington Post kurz vor dem Jahreswechsel unter Berufung auf einen „russischen Milliardär“, es gebe „eine riesige Frustration“ im Kreis um Putin. Der Grund: Der Präsident habe offensichtlich keine Strategie für den weiteren Kriegsverlauf. Zu diesem Zeitpunkt hatte Putin gerade seine jährliche Pressekonferenz verschieben lassen.

Die Signale sind allerdings widersprüchlich: Noch im Herbst erfuhr die Agentur Reuters aus westlichen Regierungs- und Geheimdienstkreisen, Putin sitze weiterhin fest im Sattel.

Russland im Ukraine-Krieg: Europa als „Einflusszone“ – „Putin wird nicht aufhören“

Tschernak warnte zugleich, Putins Russland setze große Ressourcen auf mediale Beeinflussung des Westens – etwa mit Sprachrohren wie „Russia Today“, aber auch mit bezahlten Kontaktpersonen in Redaktionen. Im Auge habe der Kreml auch die ukrainischen Geheimdienste. Ein aktuelles Ziel sei es, die Versorgung mit Waffen für die Ukraine zu unterbrechen, etwa durch Verkehrsunfälle oder Sabotage.

Putin interessiere sich aber nicht nur für die Ukraine, sondern für „ganz Europa als Einflusszone“. „Wenn er die Ukraine erobert, wird er nicht aufhören, er wird weiter gehen“, sagte Tschernak Iefimerida. Auch die EU geht zumindest fest davon aus, dass der Kreml entscheidend die Meinung im Westen beeinflussen will, wie ihr Außen-Beauftragter Josep Borrell zuletzt in einer Rede unterstrich. (fn)

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